05:43 15 November 2019
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    Russlands Soldaten während der Zeremonie in Berlin-Treptow am 31. August 1994

    Russischer General: „Deutschland ist bester Freund“ – trotz Enttäuschung nach Abzug 1994

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    An einen Vorschlag von Helmut Kohl hat am Donnerstag in Berlin ein russischer Ex-General erinnert. Bei einer Veranstaltung zum Truppenabzug 1994 hat er zudem gefragt, was vom erhofften Vertrauen geblieben ist. Zugleich hat sich dabei gezeigt, wie tief die Enttäuschung in Russland über den Westen und seine Politik seit dem Ende der Sowjetunion ist.

    Rund 100.000 sowjetische bzw. russische Militärs hätten in der Bundesrepublik bleiben und mit Einheiten der Bundeswehr und aus Frankreich gemeinsame Manöver durchführen können. Zugleich hätten sie weiterreichende Verbindungen aufbauen können. Diesen Vorschlag soll Bundeskanzler Helmut Kohl 1990 gemacht haben, als über den Abzug der damaligen sowjetischen Truppen vom früheren Gebiet der DDR verhandelt wurde. Doch die sowjetische Seite, allen voran Michail Gorbatschow, sei darauf gar nicht erst eingegangen – und die US-Regierung sei strikt dagegen gewesen.

    Diese geschichtliche Episode schilderte am Donnerstag in Berlin der ehemalige russische Generaloberst Anton Terentjew. Er war von 1992 bis 1994 der letzte Stabschef der inzwischen russischen Truppen in der wiedervereinigten Bundesrepublik („Westgruppe der Truppen“ – WGT). Am 9. September 1994 verließ er als gewissermaßen letzter russischer Soldat in einer Transportmaschine vom Typ Il-76 vom Flugplatz Berlin-Schönefeld aus Deutschland. Der Abzug der russischen Truppen war offiziell am 31. August 1994 abgeschlossen worden.

    von links: Dolmetscher Barkow, Generaloberst a.D. Anton Terentjew, Oberst a.D. Karl R. Woelk, Museumsdirektor Dr. Jörg Morré
    © Sputnik / Tilo Gräser
    von links: Dolmetscher Barkow, Generaloberst a.D. Anton Terentjew, Oberst a.D. Karl R. Woelk, Museumsdirektor Dr. Jörg Morré

    Vergebene Chancen

    Terentjew, der Kohl als „weisen Politiker“ bezeichnete, meinte, dessen Vorschlag hätte ein Beitrag zur gemeinsamen Sicherheit in Europa sein können. Doch diese Chance sei vergeben worden. Er sagte das bei einer Veranstaltung im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst, die an den Abzug vor 25 Jahren erinnerte. Wie bei einer ähnlichen Veranstaltung zwei Tage zuvor machte er auf die geopolitischen Zusammenhänge und Folgen aufmerksam.

    Der Ex-General bedauerte, dass in den damaligen Verträgen mit Moskau über Zusammenarbeit die militärische Frage ausgeklammert worden sei. Es hätten gemeinsame deutsch-sowjetisch bzw. -russische Manöver vereinbart werden können. „Man hätte in den Manöverpausen in den Zelten sitzen und miteinander Tee oder Kaffee trinken können“, stellte sich Terentjew vor. „So etwas macht es schwerer, aufeinander zu schießen.“

    Der einstige hochrangige russische Militär machte wie bereits am Dienstag in Berlin deutlich, wie tief in Russland die Enttäuschung über die westliche Politik nach 1990 sitzt. Er wiederholte seine grundsätzliche Kritik an der Nato-Osterweiterung. Ebenso betonte er erneut, es sei unverständlich, dass die russischen Truppen nach fast 50 Jahren abzogen, während die westlichen Alliierten bis heute bleiben. Er frage sich, ob Deutschland denn wirklich souverän sei.

    Hindernisreicher Abzug

    Terentjew ist nicht irgendein ehemaliger sowjetischer Offizier, sondern war später stellvertretender Oberbefehlshaber der russischen Landstreitkräfte. Heute ist er Präsident der „Union der Veteranen der Truppengruppe in Deutschland“. Als solcher kam er mit einer mehrköpfigen Delegation in die Bundesrepublik, um an Veranstaltungen zum WGT-Abzug vor 25 Jahren teilzunehmen.

    Bevor er dazu sprach, hatte der Historiker Christoph Meißner vom Museum in Karlshorst einen Überblick gegeben über die damaligen Vorgänge und wie es zu diesen kam. Dabei wurde deutlich, dass bei den heutigen Feiern Zweifel an einer „logistischen Meisterleistung“ und eines „Abzugs in Würde“ der russischen Truppen ausgeblendet werden.

    Meißner machte klar, dass der dreijährige Abzug von 340.000 Soldaten und 200.000 Zivilisten nicht so problem- und reibungslos ablief, wie es gegenwärtig oft dargestellt wird. „Zunächst weigerte sich das Oberkommando der WGT, auf die Abzugspläne der Politik einzugehen. Erst der Wechsel zu Generaloberst Matwej Burlakow im Dezember 1990 brachte Schwung in die Planungen und Umsetzung des Abzuges.“ Später sollte der General in einem Interview mit dem Magazin „Der Spiegel“ feststellen: „Bei uns zu Hause interessierte sich niemand für das Schicksal der Westgruppe.“

    Unterschiedliche Sichtweisen

    Der Historiker beschrieb die politischen, gesellschaftlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen des Abzuges. So habe die ostdeutsche Bevölkerung einen sofortigen Truppenabzug gefordert, der aber nicht umsetzbar gewesen sei. Auch gegen die fortgesetzten Truppenmanöver sei protestiert worden, die aber für das WGT-Kommando wichtig gewesen seien, „um die Disziplin in der Truppe aufrechtzuerhalten“.

    „Für die Deutschen spielten diese Faktoren aber eine untergeordnete Rolle, ebenso wie der Zerfall der Sowjetunion, der aber für die heimkehrenden Soldaten eine große Belastung darstellte.“ Nach den internen Machtkämpfen in der Noch-Sowjetunion mit dem Putschversuch im August 1991 und dem Ende der Organisation des Warschauer Vertrages im März 1991 habe sich die WGT „wie auf einer Insel fern der Heimat“ gefühlt.

    Meißner erinnerte an die Debatten um die Umweltschäden im Zusammenhang mit dem Abzug. Am Ende seien die möglichen Einnahmen für den Verkauf der Gebäude und Gelände mit den Kosten der Maßnahmen, sie von Munitions- und anderen Rückständen zu säubern, verrechnet worden – als „Null-Lösung“. Ex-General Terentjew fragte dazu, ob jemals die Schäden berechnet worden seien, welche die faschistische deutsche Wehrmacht ab dem 22. Juni 1941 auf dem Gebiet der Sowjetunion anrichtete, und ob es dafür jemals eine Entschädigung gab.

    Ungeliebte Sieger

    Der Historiker vom Museum in Berlin-Karlshorst verwies ebenso auf die humanitäre Hilfe, die für die russischen Soldaten und ihre Angehörigen bis 1994 geleistet wurde. Dazu gehörte ein Unterstützungsfonds, den Bundeswehr-Angehörige gemeinsam mit russischen Offizieren gegründet hatten. Dieser half zum Beispiel, notwendige Operationen für kranke Kinder von Truppenangehörigen zu ermöglichen.

    „Jede Seite schaute vor allem auf sich selbst“, sagte Meißner zu der Frage, ob der Abzug ein Beitrag zur Vertrauensbildung gewesen sei. Über dieses Thema hatte bereits zwei Tage zuvor eine Veranstaltung in Berlin, organisiert von der „Stiftung West-Östliche Begegnungen“, diskutiert. Der Historiker zeigte am Beispiel, wie über den offiziellen Abschied 1994 diskutiert wurde, wie unterschiedlich die Sichtweisen der beteiligten Seiten waren.

    Die WGT habe sich aus ihrer Sicht als „Freunde“ verabschiedet. „Doch war es wirklich würdevoll, den russischen Soldaten eine Abschiedsparade zu verwehren und stattdessen ein militärisches Zeremoniell mit Kranzniederlegung im Treptower Park abzuhalten?“, fragte Meißner. „Der deutschen Seite war stets daran gelegen, die russischen Soldaten so schnell wie möglich aus dem Land zu bekommen.“

    Verweigerte Würde

    Die drei Westalliierten hatten eine gemeinsame Truppenparade und Abschiedsfeier mit den russischen Truppen abgelehnt. Und so wurden die Soldaten und Offiziere – immer noch mit dem Roten Stern an den Mützen –, deren Vorgänger einst als Sieger nach Berlin kamen, am 31. August 1994 auf dem Gendarmenmarkt mit einer großen Zeremonie samt Kanzler Kohl und Russlands Präsident Boris Jelzin nach Hause verabschiedet. Die westlichen Besatzungstruppen aus den USA, Großbritannien und Frankreich bekamen dagegen am 8. September des Jahres einen „Großen Zapfenstreich“ der Bundeswehr am Brandenburger Tor und eine eigene Parade.

    Das ärgert Ex-General Terentjew noch heute: „Die Sowjetunion hat 27 Millionen Menschen durch den Krieg verloren. Die Rote Armee hat das deutsche Volk und ganz Europa vom Faschismus befreit. Sie hätte dadurch einen adäquaten Abschied durch die westliche Koalition verdient.“

    Für Ex-Oberst Karl Robert Woelk war die Art und Weise des Abschiedes dagegen in Ordnung, wie er in der Veranstaltung erklärte. Er gehörte damals neben ehemaligen DDR-Offizieren zum Bundeswehr-Verbindungskommando zur WGT. „Jeder hat seins bekommen, was er verdient hat“, kommentierte er die getrennten Abschiedsveranstaltungen für die Alliierten vor 25 Jahren.

    Zweierlei Maß

    Auf die erkennbare Verwunderung im Publikum dazu erklärte er, dass die westlichen Besatzungsmächte für die Bundesrepublik zu „Schutzmächten“ geworden seien. Dagegen seien die ehemals sowjetischen und dann russischen Truppen zwar „Erben des Sieges“, aber weiterhin Besatzungstruppen gewesen. Das habe auch ein Großteil der einstigen DDR-Bevölkerung so gesehen, sagte der Ex-Oberst. Nur vereinzelt hätten sich Bundeswehrgeneräle für eine gemeinsame Verabschiedung ausgesprochen.

    Woelk begründete die unterschiedliche Behandlung der einstigen alliierten Besatzungsmächte unter anderem noch mit dem Verhalten der sowjetischen Truppen bei Ereignissen wie der Berlin-Blockade 1948. Auf die vom Westen aktiv beförderten Ursachen dafür ging er ebenso wenig wie Museumsdirektor Jörg Morré ein, der dazu noch den 17. Juni 1953 und den Mauerbau am 13. August 1961 aufzählte.

    Ex-General Terentjew nahm beiden das nicht persönlich übel. Er reichte dem einstigen Bundeswehr-Oberst Woelk die Hand und sagte: „Es lebe unsere militärische Freundschaft!“ Er machte in der Veranstaltung seiner tiefen Enttäuschung über die westliche Politik seit dem Abzug 1994 deutlich Luft. Gleichfalls stellte der Ex-WGT-Stabschef klar: „Die sowjetischen Truppen hatten keinerlei Angriffspläne.“ Es sei für sie immer nur darum gegangen, sich im Fall eines westlichen Angriffs zu verteidigen.

    Klares Bekenntnis

    Terentjew erinnerte an das Lied „Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“ nach einem Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko. Auch das heutige Russland wolle keinen Krieg und niemanden angreifen, betonte er. Das Land werde aber niemals zulassen, dass es angegriffen werde, stellte er mit Blick auf die Gegenwart klar.

    Gegen Ende des Abends an historischer Stelle in Karlshorst, in dem Raum, in dem am 8. Mai 1945 die deutsche Kapitulation unterzeichnet wurde, sagte der Ex-General: „Mein Land, unsere Staatsführung und wir Russen, wir sehen keinen besseren Freund im Westen als die Deutschen und Deutschland! Diese Freundschaft wird von Russland immer sehr stark angestrebt.“

    Russland würde weiter seine Hand ausstrecken, auch wenn Deutschland „ein bisschen zurückhaltend“ sei, sie anzunehmen. „Seien Sie mutig“, forderte Terentjew die Deutschen auf, „und machen Sie den Handschlag mit Russland! Davon gewinnt Europa, und das kommt der ganzen Welt zugute!“

    Nach der Veranstaltung erfüllte Generaloberst a.D. Terentjew Autogrammwünsche
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Nach der Veranstaltung erfüllte Generaloberst a.D. Terentjew Autogrammwünsche
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    Abzug, Soldaten, Russland, Deutschland