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22:52 13 Oktober 2019
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    Tafeln in Berlin (Archivbild)

    Im Alter arm: Immer mehr Senioren sind auf Tafeln angewiesen

    © AP Photo / JOCKEL FINCK
    Gesellschaft
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    Ein Leben lang gearbeitet und trotzdem kein Geld für Essen: Immer mehr Rentner in Deutschland müssen regelmäßig Angebote der Tafeln nutzen. Im vergangenen Jahr waren es 20 Prozent mehr, als im Vorjahr. Und das Problem von Altersarmut verschärft sich weiter. Der bundesweite Dachverband der Tafeln macht dafür eine verfehlte Politik verantwortlich.

    Immer mehr Menschen in Deutschland gehen zu den Tafeln, um sich dort Lebensmittel zu holen. Besonders betroffen: Senioren, die Rente oder Grundsicherung beziehen. Innerhalb eines Jahres sei die Zahl der regelmäßigen Kunden im Rentenalter um 20 Prozent drastisch angestiegen. Das teilte der Dachverband Tafel Deutschland e. V. am Mittwoch in Berlin mit.

    Doch auch in der Gesamtbevölkerung nehme der regelmäßige Gang zu den Tafeln zu: Insgesamt sind es aktuell 1,65 Millionen Menschen, ein Plus von zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Niedrige Renten sind laut dem Dachverband nach Langzeitarbeitslosigkeit der zweithäufigste Grund, eine Tafel aufzusuchen. Tafel-Chef Jochen Brühl warnt vor einer weiteren Verschärfung des Problems und forderte einschneidende Gegenmaßnahmen.

    "Diese Entwicklung ist alarmierend."

    Notwendig seien daher "tiefgreifende Reformen" und "verbindliche, ressortübergreifende Ziele" zur Armutsbekämpfung.

    Ebenso bereitet dem Dachverband große Sorgen, dass auch die Zahl der Tafel-Besucher unter Kindern und Jugendlichen rasant gestiegen sei, ihr Anteil an allen Nutzern des Angebots liege bundesweit nun bei 30 Prozent. Deutschland vernachlässige Kinder systematisch, kritisierte der Verbandsvorsitzende:

    "Hier wachsen wegen struktureller Nachteile die Altersarmen von übermorgen heran."

    Im Vergleich zum Vorjahr konnten die Tafeln laut ihrer Jahresbilanz mit etwa 265.000 Tonnen nur etwas mehr Lebensmittel retten, als im Jahr zuvor. Es fehle an Geld für mehr Kühlfahrzeuge und Lagerräume, sowie an Helfern. Das Ehrenamt stoße an seine Grenzen, so Brühl. Die Tafeln fordern deshalb mehr Geld vom Staat als Unterstützung. In fast allen europäischen Ländern werden Tafeln und Lebensmittelbanken laut Mitteilung der Tafel Deutschland längst von der öffentlichen Hand mitfinanziert.

    Scharfe Kritik übten die Tafeln auch an der Verschwendung von Lebensmitteln. Weltweit werde ein Drittel aller bereits produzierten Lebensmittel weggeworfen, dies sei aus sozialen wie ökologischen Gründen untragbar. Der Verband forderte finanzielle Unterstützung durch den Staat bei der "Rettung und Verteilung von Lebensmitteln". Aber auch die Verbraucher hätten eine Verantwortung. Laut einer aktuellen Studie des Bundesagrarministeriums landen in Deutschland pro Jahr etwa zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Die Tafeln gehen sogar von bis zu 18 Millionen Tonnen aus.

    Deutschlandweit gibt es rund 950 Tafel-Einrichtungen. Die Organisation ist seit 1993 als gemeinnützige Hilfsorganisation aktiv. Mit über 50.000 ehrenamtlichen Helfern gelten die Tafeln hierzulande als eine der größten sozialen Bewegungen. Zu den prominentesten Unterstützern in Deutschland gehört unter anderem der ehemalige Fußballspieler Paul Breitner, der bei den Münchner Tafeln jeden Montag selbst mithilft, oder auch der Berliner Musiker Frank Zander. Zu den weiteren Förderern gehören diverse Stiftungen, nahezu alle großen Einzelhandelsketten, sowie der ADAC.

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    Tags:
    Tafeln, Rente, Senioren, Rentner, Deutschland, Altersarmut