21:51 14 Dezember 2019
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    DDR-Star-Autorin Gisela Steineckert

    Exklusiv - DDR-Star-Autorin Gisela Steineckert: „Ich wollte nie die Mauer umkippen"

    © Foto : Ronny Marzok
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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (100)
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    Gisela Steineckert war eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der DDR. Im Exklusiv-Interview schaut die 88-Jährige, die noch immer auftritt, zurück auf ihr Leben in der DDR, die Biermann-Affäre, Zensur und Gerhard Gundermann. Den Mauerfall sieht die überzeugte Sozialistin mit gemischten Gefühlen.

    - Frau Steineckert, zur Gründung der DDR waren Sie 18 Jahre alt. Sie sind quasi mit dem Land volljährig geworden. Wie waren die ersten Gehversuche als Erwachsene für Sie in dem jungen Staat?

    - Ich kam 1946 aus Oberösterreich in das zerbombte Berlin zurück. Durch die Kinderlandverschickung hatte ich dort den Krieg überlebt. Meine Familie war arm und ungebildet. Mit 16 habe ich eine Lehre in einem Baubetrieb begonnen und die Handelsschule besucht. Diese Ausbildung wurde unterbrochen, weil ich 1949 mit 17 Jahren heiratete. Diese frühe Ehe wurde trotz der Geburt meiner Tochter geschieden, weil mein Mann und ich unüberbrückbare politische Erfahrungen und Meinungen hatten.

    - Und wie kamen Sie zum Schreiben?

    - Als ich die Volksbibliotheken entdeckte und mich dort mit Büchern ausstatten konnte, habe ich viel von dem, was mir an Bildung und Wissen fehlte, lesen können. Tiefen Eindruck machte mir die Literatur der Antifaschisten, der großen Schriftsteller, die ihr Leben verloren, weil sie sich gegen den Faschismus in die Reihe der Kämpfer stellten. Das hat mich geformt. Mit 20 begann ich, erste Verse zu schreiben. Und im Oktoberklub reihte ich mich unter die begabten jungen Leute, die Lieder machen und verbreiten wollten. Dort war ich Lehrerin und Schülerin. Unser Beispiel als Singeklub breitete sich aus und war für viele junge Leute der Grund für den eigenen Aufbruch zur Kreativität.

    - 1961 wurde die Mauer gebaut. Durften Sie in den Westen reisen, nachdem Sie bekannt wurden?

    - Nachdem die Mauer gebaut war - meine Familie war seit 1954 im Westen -, habe ich mir hier durch Arbeit mein eigenes Leben entwickelt. Ich hatte lange Zeit nicht das Bedürfnis zu reisen, und dazu zählte ich auch West-Berlin. Ich war in vielen Ländern, wo sich auch immer Anlässe ergaben, denn ich habe von dort sowohl Eindrücke als auch Aufzeichnungen mitgebracht. In West-Berlin war ich aus dienstlichen Gründen nur ein paar Mal, einen Pass dafür hatte ich nicht. Mein Mann war Chefredakteur für Musik im Radio, als solcher hatte er einen Pass und konnte den Rundfunk mit Platten und uns mit Zeitungen und Büchern versorgen.

    - Es war für Sie auch nie eine Option rüberzugehen?

    - Niemals! Ich war hier Zuhause.

    - Spätestens ab den 1970er Jahren waren Sie etabliert ganz oben im Kulturbetrieb der DDR. Auf der anderen Seite waren Sie mit Künstlern befreundet, die das Land verließen - Wolf Biermann, Manfred Krug, Veronika Fischer. Wie haben Sie diesen Spagat geschafft?

    - Wer in der DDR lebte, hat weder Augen noch Ohren verschlossen. Die meisten Leute hatten schon ihr eigenes Bild von dem, was allmählich immer besser wurde und dem, was kleinlicher und einengender in das alltägliche Leben reichen wollte. Wir haben als Künstler in der zunehmend kritischen Situation dagegen gehalten. Manche wollten gehen. Bei der einen war der Grund, wie andere Musiker mit ihr umgehen. Ein anderer war krank und die Behandlung dafür gab es nur in der Schweiz. Die einen bekamen kein Auto, andere kein Musik-Equipment. Einer wollte gehen, weil er keinen Telefonanschluss bekommen hat, so banal das klingt. Da gab es Frust. Wer gehen wollte, hätte sich nicht aufhalten lassen. Als Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst konnte ich dann zumindest etwas dabei helfen, dass daraus kein Drama entstand.

    - Hat die Stasi Sie eigentlich mal angeworben?

    - Es gab einen sehr einfachen Weg, sich künftige Versuche zu ersparen. Man teilte telefonisch und im Kreise der anderen von der Anfrage mit, machte sie öffentlich und beschwerte sich zusätzlich bei ein paar Dienststellen. Klug war, sich nicht über den Anlass zu beschweren, sondern über die Qualität des Vorgangs. In meinem Fall kamen sie dann nicht wieder.

    - Das Problem in der DDR war ja oft  - bist du dafür oder dagegen? Bist du dafür, steht dir die Welt offen, bist du dagegen, machen wir dir das Leben schwer oder ekeln dich raus.

    - So habe ich das nicht erlebt. Niemand hat mir verboten zu arbeiten. Und was ich gemacht habe, für die DEFA oder für Verlage, Zeitschriften, Rundfunk, wurde veröffentlicht und weil das normal ist, habe ich anschließend versucht, daraus zu lernen und es nächstes Mal besser zu machen. An Angeboten für Manuskripte hat es nie gefehlt.

    - Saßen Sie da nicht zwischen den Stühlen?

    - Ich habe gelernt, mich durchzusetzen, weil ich eine eigene Meinung hatte, die ich auch begründen konnte. So konnte ich Künstlern helfen, es ging um Aufnahme in die Künstlerverbände, um Stipendien, vielleicht auch um den Pass für die Ausreise. Das habe ich unterstützt, wenn mich die Gründe überzeugt haben, und derjenige es allein nicht geschafft hätte.

    - Wolf Biermann wollte nicht ausreisen, sondern wurde ausgebürgert. Dagegen haben Sie nicht protestiert.

    - Biermann war erst ein sehr enger Freund von mir. Später hat sich das geändert. Gegen seine Ausbürgerung hat sich Manfred Krug eingesetzt, mit dem ich auch eng befreundet war. Wir hatten zusammen den Film „Auf der Sonnenseite" gemacht. Und Krug hat Listen gesammelt gegen die Ausweisung von Wolf Biermann. Manfred Krug hatte ja schon Karriere gemacht in der DDR und hatte eigentlich Narrenfreiheit. Und er wollte von mir eine Unterschrift haben für Biermann und die hab ich ihm nicht gegeben. Krug hatte alle möglichen bekannten Schauspieler, Künstler, Musiker zu sich nach Hause eingeladen und sagte: Wer heute unterschreibt, bleibt ein anständiger Mensch. Ich war damals allerdings bereits Mitglied der Partei. Ich konnte das nicht unterschreiben. Und ich wollte das nicht heimlich hinter verschlossenen Türen diskutieren, sondern im Schriftstellerverband. Und so bin ich gegangen und habe nicht unterschrieben, was mir Krug nie verziehen hat.

    - Auf der einen Seite war die DDR sehr spießig, auf der anderen Seite gab es schon eine „Boheme-Intelligenzia", wie im Buch „Der Turm" von Uwe Tellkamp geschildert.

    - Natürlich gab es die Künstler-Boheme. Aber die DDR war auch so unglaublich kleinbürgerlich-piefig. Aber unterm Strich gibt es von der DDR ein kulturelles Erbe, das weder bei Uwe Tellkamp anfängt noch in dessen Nähe endet. Als 1990 unsere Bücher auf dem Misthaufen landeten und sich Idealisten aufmachten, so viele wie möglich zu retten, war das eine kulturelle Heldentat, zu der Haltung gehörte, Haltung zur Kunst, die sie nicht mit auf die Welt gebracht haben, sondern längst verinnerlicht hatten als Teile einer Kulturpolitik, die nicht nur manchmal aufhielt und beschädigte, sondern manchmal auch mit Hilfe der Künstler zur gültigen Politik wurde. Was einige von uns gerettet und neu ins Leben gebracht haben, ist wieder Besitz geworden. Das halte ich für wichtiger als die Frage, ob einige Leute immer versucht haben, Macht mit ihrer Stellung zu nutzen, um ihren Geschmack durchzusetzen. Wir haben uns dagegen gewehrt, untereinander solidarisch, und es ist uns immer am Ende gelungen, solche übereifrigen Dummköpfe aus dem Gefecht zu bringen.

    - Sie wurden als Präsidentin des Komitees für Unterhaltungskunst oft zu Rate gezogen und haben Lieder von aufstrebenden, frechen Bands wie „Pankow“ abgelehnt. 

    - Nein, so war das nicht. Drüben in meinem Zimmer hängt ein Foto, wo ich freundschaftlich mit Andre Herzberg von Pankow zusammensitze. Mir wurde damals nur zugetragen, dass dieses Stück – „Paule Panke“ - so schwierig sein soll. Ich selbst kannte das Stück gar nicht. Aber ich kriegte schon mit, dass in der Sache „Pankow“ das Kulturministerium, die Partei und die Leitung der Unterhaltungskünstler völlig unterschiedlicher Meinung waren. Auf der einen Seite wurde das Stück als „DDR-feindlich" denunziert. Andererseits liebte man eigentlich den Andre Herzberg als Spross einer verfolgten jüdischen Familie. Da hat sich keiner recht getraut, eine Entscheidung zu treffen. Und letzten Endes durften sie das Stück ja dann doch aufführen. Verboten hat das niemand.

    - Es war sicher eine Gratwanderung in der DDR. Gerhard Gundermann, der jetzt durch einen Film wieder berühmt geworden ist, ist auch so ein Fall. Sie kannten ihn.

    - Ja, ich kannte Gundi. Mir wurde dann zugetragen, dass ihm zuhause in der Lausitz Unrecht geschieht. Da haben wir ihm ein Sonderkonzert bei den Chansontagen in Frankfurt (Oder) organisiert. Gundermann hatte damals Auftrittsverbot. Unser Hauptpreis hat ihn aus dieser schweren Krise gerettet, so dass er wieder eine Einstufung bekam und überall auftreten konnte. Und er durfte dann ja sogar sofort eine Schallplatte machen.

    - Sie haben die Texte für Hunderte, ja Tausende von Liedern geschrieben für DDR-Stars wie Jürgen Walter, Frank Schöbel oder Dagmar Frederic. So stammt eines der schönsten Lieder der DDR – „Als ich fortging" von Karussell - aus Ihrer Feder. Was war das Besondere am DDR-Lied?

    - Wir hatten ein paar wirklich große Talente wie Kurt Demmler als Texter oder Holger Biege als Sänger. Und wir verspürten keinen kommerziellen Druck. Wenn ich Veronika Fischer nehme, für die ich viel geschrieben habe, sie hatte, als sie in den Westen ging, drüben gar keinen Erfolg. Als sie dann zurückkam, hatte sie ihren Zauber verloren. Bei Ute Freudenberg war das ähnlich. Hier waren sie etwas ganz Besonderes. Drüben mussten sie kämpfen.

    Was „Als ich fortging" betrifft, ist übrigens die Auslegung des Liedes im Nachhinein ein politischer Irrtum. Ich wollte nie die Mauer umkippen mit diesem Lied. 1986 war ich doch nicht so schlau zu denken, in drei Jahren fällt die Mauer.

    - Haben Sie den Mauerfall als Fest oder als Schrecken erlebt?

    - Beides. Wir haben ja hier in meiner Wohnung vom 25. Stock mit Blick auf Ost- und West-Berlin alles sehen können. Wir sahen die Menschenmenge direkt hier unten am Checkpoint Charlie. Ich hatte nicht damit gerechnet. Für einen kurzen Moment kam bei mir sogar die Erinnerung an die Kristallnacht hoch, die ich als Siebenjährige in Berlin erlebt habe. Diese Menschenmassen...

    - Für die meisten Menschen war es ein Fest.

    - Aber nur kurz. Es ist den Menschen ja erst einmal alles genommen worden. Der Umgang der Bundesrepublik mit der DDR nach dem Fall der Mauer gehört für mich in den Bereich der geschichtlichen Schandtaten. Sie haben uns so überfahren und uns mit ihrem Geld zugespült. Und dann bei der Währungsunion war es ja auch ungerecht. Die Altersrücklagen der Menschen wurden nur 1:2 getauscht - die Hälfte der Lebensleistung war weg. Dafür hatte man ein Leben lang gearbeitet.

    - Es wurden ja nicht nur Biografien negiert, sondern so ziemlich alles aus der DDR erst einmal weggeworfen - Betriebe, soziale Einrichtungen bis hin zu Kunst und Kultur. War wirklich alles schlecht?

    - Natürlich war nicht alles schlecht. Denken Sie an die medizinische Versorgung, die Kinderbetreuung, die Schulbildung. Die Finnen haben unser Schulsystem übernommen und sind Pisa-Sieger geworden!

    Und was die Kunst betrifft, das haben die im Westen ja gar nicht unterscheiden können. Meinen Sie, die konnten Maxi Wanders „Guten Morgen, du Schöne" von einer Fortsetzungsgeschichte in einer ihrer Zeitschriften unterscheiden? Das hat die doch gar nicht interessiert. Sie haben für alles aus der DDR den Stempel „Auftragskunst" erfunden. Dabei war die Qualität der Kunst, die in der DDR entstand, oft größer und ethisch anspruchsvoller. Wir hatten nicht so viel Raum und Geld für Kitsch.

    - So langsam verschwinden immer mehr Zeitzeugen der DDR. Was bleibt? Was soll man sich einmal erzählen von der DDR? Nur das West-Narrativ vom „Unrechtsstaat“?

    - Ich habe 1990 in einem Buch geschrieben: „Immer schleift der Sieger den Palast des Verlierers und baut auf selben Grund vom Geld des Verlierers seinen eigenen Palast.“ Stimmt doch. Warum ist denn der Palast der Republik jetzt weg? Meinen Sie wirklich, da ging es um Asbest? Es ging darum, dass dort die Volkskammer war.

    Erst jetzt fangen die Ersten zaghaft an, darüber nachzudenken, ob die Erfolge der AfD im Osten vielleicht auch mit Fehlern zusammenhängen könnten, die der Westen nach der Wende im Osten gemacht hat.

    - Wie ist es Ihnen persönlich ergangen nach der Wende? Den Eliten der DDR schlug ja erst einmal ganz schön viel Hass entgegen vom Volk.

    - Ich gehörte nicht zur Elite, zumindest habe ich mich nicht dazugehörig gefühlt. Ich war populär durch meine Literatur.

    Nach der Wende habe ich einfach weitergearbeitet, habe noch einmal sechzehn Bücher veröffentlicht. Ich war weiter ständig auf der Bühne - mit Dirk Michaelis, mit Veronika Fischer, mit Jürgen Walter und in letzter Zeit mit meiner Tochter. Und dann haben ich und meine Familie meinen Mann  hier zuhause zwölf Jahre gepflegt. Er war an Parkinson erkrankt. Wir haben alles versucht, ihn so normal wie möglich leben zu lassen.

    - Gibt es etwas, dass Sie persönlich bereuen?

    - Ja, natürlich, zum Beispiel, dass ich schlecht Nein sagen konnte. Ich habe mir zu viel aufgehalst. Und so bereue ich jede versäumte Minute ohne Stift in der Hand. Persönlich bereue ich nichts.

    Gisela Steineckert wurde 1931 in ärmlichen Verhältnissen in Berlin geboren. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie nach Österreich evakuiert und besuchte dort eine Volksschule. 1946 kehrte sie nach Berlin zurück. Seit 1957 war sie in der DDR freischaffend tätig als Schriftstellerin und Autorin für Verlage, Presse und Hörfunk. Ab 1965 war sie Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR. Von 1965 bis 1973 war sie in der Singebewegung aktiv und schrieb Liedtexte für den Oktoberklub. 1973 heirate sie den damaligen Musikchef von Radio DDR, Wilhelm Penndorf. 1979 wurde sie Mitglied des Komitees für Unterhaltungskunst in der DDR, dessen Präsidentin sie von 1984 bis 1990 war. Neben Büchern (Lyrik, Kurzprosa, Briefe) verfasste sie viele Liedtexte (Schlager, Chansons, Kinderlieder, Rockmusik) für unterschiedliche Interpreten und arbeitete an Filmen der DEFA mit. Insgesamt hat Steineckert über 50 Bücher und mehr als 3000 Liedtexte verfasst. Bekannte Lieder mit Texten von ihr sind zum Bespiel „Als ich fortging“ von Karussell, „Komm wir malen eine Sonne“ von Frank Schöbel oder „Clown sein“ von Jürgen Walter.

    Aktuelle Auftrittstermine:

    • 27. September Berlin, Freizeitzentrum Marzahn
    • 9. Oktober Magdeburg, Zentralbibliothek
    • 19. Oktober Friedrichshagen, Tanzschule Sabrina M.
    • 23. Oktober Königs Wusterhausen, Kulturkino Capitol
    • 15. November Meerane, Romantik Hotel
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    Tags:
    30 Jahre Mauerfall, Gisela Steineckert, Deutschland, BRD, DDR