19:22 14 Dezember 2019
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    Botschafter a.D. Frank Elbe (Archivbild)

    „…um Ihnen zu verkünden, dass Ihre Ausreise ..." - Genschers Redenschreiber im Exklusiv-Interview

    © Sputnik / Tilo Gräser
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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (100)
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    Als rechte Hand vom Außenminister Hans-Dietrich Genscher war Frank Elbe eine der Schlüsselfiguren der deutschen Einheit. Im Sputnik-Interview erinnert sich der spätere Botschafter an die legendäre Ausreiseverkündung in der Prager Botschaft am 30. September 1989 und die Reise mit Helmut Kohl nach Warschau, wo sie der Mauerfall in Berlin überraschte.

    - Herr Elbe, ich nehme an, Sie haben nie wieder so wenig geschlafen wie in dem Jahr zwischen September 1989 und September 1990. Was war damals Ihre Aufgabe?

    - Ich war damals der Leiter des Ministerbüros von Hans-Dietrich Genscher im Auswärtigen Amt und habe ihn in dieser Eigenschaft beraten. Ich habe Reden für ihn geschrieben und war dann natürlich auch die Verbindungsstelle zwischen ihm und dem Haus.

    - Sie waren an dem denkwürdigen Abend, am 30. September 1989 in Prag dabei, als Außenminister Genscher den DDR-Flüchtlingen die Ausreise verkündete. Wie kam es dazu? 

    - Dazu sollten wir uns vielleicht vorerst die Tage vorher ansehen, die zu einer weitreichenden Schlaflosigkeit geführt hatten. Genscher und ich waren in New York auf der  Generalversammlung der Vereinten Nationen - das ist dieses jährliche Ereignis, an dem Außenminister und Premierminister teilnehmen. Und da bekam ich einen Anruf von Staatssekretär Lautenschlager, der leider dieses Jahr gestorben ist, der mir sagte: "Elbe, die Situation in der Prager Botschaft ist sehr beunruhigend. Wir fürchten, dass die Statik des Hauses - es war ein altes Barockgebäude - gefährdet ist und vor allen Dingen fürchten wir den Ausbruch von Epidemien unter den Flüchtlingen, die sich im Park der Botschaft aufhalten und die im Grunde genommen allen Widrigkeiten des Wetters ausgesetzt sind.“ Mit dieser Nachricht ging ich zu Herrn Genscher und sagte ihm, was ansteht. Wir müssten unbedingt etwas tun.  Dann sagte er: "Ok. Dann rufen Sie mal Schewardnadse an, den sowjetischen Außenminister, und bitten ihn um ein Gespräch.“ Wir sind dann mit einem Polizeiwagen mit Rotlicht durch New York zur Residenz der Sowjetischen Botschaft des Außenministers gerast. Dort stand Schewardnadse schon im Türrahmen und empfing uns. Genscher erklärte die Situation und Schewardnadse stellte eine einzige Frage:" Wie viele Kinder sind unter den Anwesenden?" Und Genscher meinte: „Weit über tausend.“ Daraufhin sagte Schewardnadse in seiner ruhigen Art: "Herr Kollege, wir werden mit Moskau telefonieren, wir werden versuchen, eine Lösung zu finden". 

    - Der sowjetische Außenminister konnte das so einfach entscheiden?

    - Es war ein großer Zufall, dass wir diese Gespräche überhaupt führen konnten zur Zeit der Generalversammlung, weil alle anderen Außenminister auch dort waren: der Außenminister der DDR Oskar Fischer, aber vor allen Dingen waren dort James Baker, der amerikanische Außenminister, Douglas Hurt für Großbritannien und Roland Dumas für Frankreich. Die waren natürlich auch wichtig, weil sie eine Zuständigkeit für alle Fragen hatten, die mit Deutschland als Ganzes und Berlin zusammenhingen. Und die haben uns Ihre Unterstützung zugesagt. Das war eine ganz entscheidende Hilfe, die auch dem DDR-Minister Fischer nicht verborgen blieb. Und es war dieses Zusammenwirken der in New York zufällig anwesenden Personen, die letztlich dazu beigetragen haben, dass es eine Bereitschaft gab, die Personen mit den Zügen ausreisen zu lassen.

    - Zuvor wurde dies den Flüchtlingen in Prag verkündet - eine historische, ikonische Szene - Herr Genscher auf dem Balkon und der Jubel der Massen.

    - Das war für uns eine ganz schwierige Angelegenheit. Herr Genscher geht auf den Balkon und sagt "Liebe Landsleute!" -  das hatten wir uns auch vorher überlegt, ob wir diese Anrede wählen dürfen. Ich meine, wir waren ja zwei verschiedene Staaten damals und es gab ja auch eine Art diplomatisches Protokoll. Man spricht nicht ohne Weiteres die Angehörigen eines anderen Staates mit "Liebe Landsleute!" an. Aber dazu hatte sich Genscher entschlossen. Er kommt auf den Balkon und sagt: "Liebe Landsleute, ich bin heute Abend zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu verkünden, dass Ihre Ausreise ..." - und da brach eigentlich schon alles ab. Es gab ein ungeheures Gejubel unter den Anwesenden. Dann kamen wir aber zu dem eigentlich kritischen Moment, der nicht bildlich festgehalten ist, der uns aber das allergrößte Kopfzerbrechen bereitete, denn nun musste Genscher erklären, dass die Zugfahrt in den Westen noch einmal durch die DDR gehen würde. Daraufhin kam ein tausendkehliges "Nein". Und dann setzte sich Genscher in Bewegung und sagte "Liebe Landsleute, ich habe den gleichen Schritt, den sie jetzt vor sich haben, in den frühen 1950er Jahren gemacht. Ich weiß, worauf es ankommt." Und dann las er als vertrauensbildende Maßnahme die Namen der Personen vor, die den Zug begleiten würden. Und da war auch mein Name bei, ich begleitete den Zug Nummer 3. 

    - Wie war die Zugfahrt? Hatten Sie noch Bedenken, dass das Ganze scheitern könnte?

    - Nein, wir hatten keine Bedenken. Mein Vorgänger Michael Jansen und ich, wir waren in diesem Zug. Die Stimmung war von Prag an auch relativ gelöst, aber je näher wir der Grenze zwischen der Tschechoslowakei und der DDR kamen, umso nervöser wurden die Menschen natürlich. Zu dieser Zeit gab es aber bereits Verkündigungen der DDR-Regierung über das Radio, dass sich die DDR-Regierung entschlossen hatte, die Flüchtlinge ausreisen zu lassen aus humanitären Gründen, wie sie das nannten. Und so verbreitete sich die Nachricht und als wir an den Grenzübergang kamen, war dort eine Grenzstation bei einem Bahnhof, auf dem bereits einige hundert Menschen standen, die den Zug noch mitkriegen wollten. Und da war in einem Moment so eine angespannte Stille und eine sehr monotone, fast verschlafene Stimme, die so ein bisschen an den Soldaten Schwejk erinnerte, sagte: "Es ist nicht erlaubt, in den Zug einzusteigen." Und irgendjemand aus dem Zug rief: "Nun kommt doch endlich rüber!" Und dann nahmen sie ihr weniges Handgepäck und waren blitzschnell im Zug verschwunden. Und die Grenzer der Tschechoslowakei unternahmen nichts.

    - Und wie war die Durchfahrt durch die DDR?

    - Da waren wir alle schon todmüde, insbesondere diejenigen, die aus New York gekommen waren, wie ich. Und dann war es beeindruckend zu sehen, wie an den Straßen, in größter Entfernung, Menschen standen, die mit weißen Tüchern winkten.  Ich habe mir das dann erklären lassen. Dieses weiße Tuch, das man sich um das Handgelenk wickelt, war, so wurde mir gesagt, ein Zeichen dafür, dass man einen Ausreiseantrag gestellt hatte. 

    Dann haben wir den Grenzübergang bei Gutenfürst, ohne anzuhalten, durchfahren. Da stand ein sehr verloren wirkender, einzelner Major der NVA, der überhaupt nicht verstand, was da im Moment passierte. Unmittelbar hinter der Grenze, bevor wir nach Hof kamen, hielt der Zug noch einmal. Und, was mich selbst beeindruckte, dort kamen Beamte des Bundesgrenzschutzes, des Roten Kreuzes, des Hilfswerkes und Betreuer rein. Das machte einen ungeheuer tollen Eindruck. Und dann kamen wir nach Hof.

    - Die restlichen DDR-Bürger mussten dann noch ein paar Wochen warten. Auch Sie haben sicherlich nicht mit diesem 9. November, mit dem Mauerfall, so schnell gerechnet. Soweit ich weiß, waren Sie auch da gerade international im Einsatz?

    - Wir hatten an dem Tag, an dem es passiert ist, die Reise angetreten des Bundeskanzlers Helmut Kohl nach Polen. Wir kamen also um 15 Uhr in Polen an. Und niemand hatte irgendetwas erwartet. Die Polen zogen das Programm ab und dann gerade so um 19 Uhr kam eine Journalistin, die ich von früher kannte, von der DPA, auf mich zu und sagte: "Frank, die Mauer ist weg." Und dann sagte ich: "Du machst doch einen Scherz?" -"Nein." Da bin ich sofort auf mein Zimmer gegangen und habe im Auswärtigen Amt angerufen. Dort hatte ich den Kollegen aus dem Bereitschaftsdienstzimmer am Apparat, der sagte: "Wir haben keine Meldung darüber." Und dann sagte er aber auch: "Warte mal." Da stellte er das Fernsehen an und sagte: "Frank, ich kann nichts bestätigen, aber hier tanzen Menschen auf der Mauer." Und da ging ich runter zu Genscher und gab ihm einen Zettel, das war während des Essens, und darauf stand eben: "In Berlin tut sich etwas. Da tanzen Menschen auf der Mauer." Genscher reichte den Zettel an Kohl weiter, und dann ist in der Nacht noch beschlossen worden, den Besuch zu unterbrechen. 

    - Und Sie sind nach Berlin gefahren?

    - Nicht sofort. Wir hatten am nächsten Morgen noch ein Frühstück mit Lech Wałęsa, dem Führer der Gewerkschaft Solidarność, dem Mann, der Polen eigentlich verändert hatte durch seinen mutigen Einsatz in der Danziger Werft. Er wurde beim Frühstück begleitet von seinem außenpolitischen Berater. Und Wałęsa wirkte völlig entsetzt und konsterniert. Und er zitierte einen Freiheitshelden Polens, der nach einer verlorenen Schlacht bei den Aufständen sagte: "Das ist das Ende Polens." Daraufhin legte Wałęsas Berater seine Hand beruhigend auf dessen Arm und sagte: "Nein. Das ist die Chance für Polen." Und mit diesem Eindruck fuhren wir dann nach Berlin, wo es die großen Veranstaltungen gab vor dem Schöneberger Rathaus und am Europaplatz."

    Das Interview mit Frank Elbe zum Nachhören: 

    Frank Elbe (78) war von 1987 bis 1992 Bürochef und Redenschreiber des damaligen deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher.
    Der Diplomat war später langjähriger deutscher Botschafter in Indien (1993–1997), Japan (1997–1999), Polen (1999–2003) und der Schweiz (2003–2005).

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