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21:29 16 Oktober 2019
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    Autorin und Einheits-Kritikerin Daniela Dahn

    „Dem falschen System beigetreten“ – Daniela Dahn rechnet mit der Einheit ab

    © Sputnik / Tilo Gräser
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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (69)
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    Der Osten der Bundesrepublik nach dem 3. Oktober 1990 – dieses Thema hat die Publizistin Daniela Dahn bereits in acht Büchern beschäftigt. Mit Fakten und Analysen hat sie darin beschrieben und belegt, was falsch gelaufen ist. Nun legt sie ein weiteres Buch nach, in dem sie mit der Einheit abrechnet. Am Dienstag hat sie es in Berlin vorgestellt.

    Daniela Dahn ist sich nach 29 Jahren deutscher Einheit „sicherer“ als zuvor, „dass der eigentliche Fehler darin bestand, dem falschen System beizutreten“. Das schreibt die renommierte ostdeutsche Publizistin und Einheits-Kritikerin in ihrem neuen Buch „Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute“. Der Titel ihrer aktuellen Abrechnung mit der Einheit wirkt etwas sperrig. So wirkte stellenweise auch ihre Diskussion mit dem Historiker Peter Brandt am Dienstag im Pfefferberg-Theater in Berlin, wo das Buch vorgestellt wurde.

    „Wenn die DDR-Bürger die Zustände nicht lobpreisten, dann gab es nach Meinung der Parteiführung nur eine Erklärung: Sie waren vom Klassenfeind verführt. Wenn sie heute nicht begeistert sind, dann hindert sie daran ausschließlich ihr mangelndes Vermögen, sich richtig zu erinnern und den rosaroten Schleier der Verklärung von der Vergangenheit zu ziehen. Ob verführt oder verklärt – immer ist es die gleiche Arroganz und Ignoranz der Mächtigen, die dem Volk die Fähigkeit abspricht, aus tatsächlicher Erfahrung eine begründete Meinung zu bilden.“

    Das schrieb Dahn bereits 1994 in ihrem Buch „Wir bleiben hier oder Wem gehört der Osten“. 25 Jahre später weist sie nach, dass sich daran nichts geändert hat. Sie zeigte sich am Dienstag skeptisch, etwa in zehn Jahren bessere Nachrichten melden zu können. Die Autorin betonte, dass ihr neues Buch – das sie ursprünglich nicht mehr schreiben wollte – keines über die DDR, sondern eines über die 30 Jahre danach ist.

    Radikale Schlussfolgerungen

    Darin ist zu lesen: „Die Einheit hatte lange gefälligst als Erfolgsgeschichte zu gelten. Nicht nur in den Großmedien, wohl auch bei der Mehrheit der Menschen in Ost und West und Nord und Süd. Doch die angebliche ‚nachholende Modernisierung‘ galt der Kopie eines Systems, das damals längst veraltet war. Und heute von allen Seiten erodiert.“

    Prof. Peter Brandt
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Prof. Peter Brandt

    Historiker Brandt, Sohn des SPD-Politikers Willy Brandt, bescheinigte Dahn Einseitigkeit, zu der sie sich aber auch bekenne. Er fasste seinen Eindruck vom Buch zusammen, das vor wenigen Tagen erschienen ist, bevor er mit der Autorin darüber diskutierte: Es sei lesenswert, gerade wegen der „radikalen Schlussfolgerungen“.

    Zu diesen gehört: „Die Einheit war eine feindliche Übernahme auf Wunsch der Übernommenen. Für die Sieger war das schönste an der friedlichen Revolution, dass sie nichts revolutionierte. Das Neue bestand darin, den alten Spielregeln beizutreten.“

    Dahn stellt zu Beginn ihres Buches fest, die „friedliche Revolution“ im Herbst 1989 in der DDR sei „derart friedlich“ gewesen, „dass sie im Westen alles beim Alten gelassen hat“. Sie habe nur im Osten „alle Tore weit aufgerissen, das Brandenburger Tor und das Betriebstor und das Scheunentor auch. Für den Investor aus dem Westen.“ Dem folgen weitere Bezeichnungen, die sie am Ende zusammenfasst in: „Für viele Kamele.“ Im Buch erklärt sie zu Beginn, wie sie zu der Aussage mit den Kamelen kommt.

    Großes Glück

    Bei der Buchvorstellung las sie unter anderem die Passage zum „Mauerfall“ vor 30 Jahren. Dahn erinnert daran, dass die Mauer „natürlich nicht einfach gefallen“ ist, „plötzlich und unerwartet wie ein Soldat im Krieg. Seit dem Tag des Mauerbaus haben verschiedenste Kräfte an ihrem Fall gearbeitet.“ Es habe zahlreiche „brenzlige, gefährliche Versuche“ dazu gegeben – „dass sich schließlich die Keine-Gewalt-Fraktion durchgesetzt hat, war auch ein Zeichen gewachsener politischer Reife der Beteiligten“.

    Die Autorin meint dazu: „Wir haben schon vergessen, welches Glück letztlich alle hatten.“ Aus ihrer Sicht ist der Begriff vom „Mauerfall“ nicht ganz passend und wird den komplexen Zusammenhängen des Vorganges nicht gerecht. Aber er habe sich wie „manch andere angemessene Deutung auch“ durchgesetzt.

    „Fakt ist, dass der sogenannte Mauerfall eine tektonische Erschütterung des ganzen Globusses war“, stellt sie fest. Nicht nur die deutsche Teilung sei aufgehoben worden, sondern auch die der Welt in zwei feindliche Systeme. „Die Mauer trennte längst nicht nur Deutschland. Hier verlief sie oberirdisch, sichtbar, in ihrer ganzen Hässlichkeit und Hilflosigkeit. Unterirdisch durchquerte sie die Kontinente, die Köpfe und Herzen.“

    Neokoloniale Landnahme

    Im dritten Teil ihres Buches geht die Publizistin vor allem auf die weltpolitischen Folgen ein. Die Welt sei seit 1989/90 nicht friedlicher geworden, wie sie auch im vollbesetzten Theatersaal betonte, „sondern natur- und menschenfeindlicher, kriegerischer, nationalistischer und unsolidarischer“. Davon zeugen aus ihrer Sicht der Krieg gegen Jugoslawien 1999, der 11. September 2001 mit dem anhaltenden „Krieg gegen der Terror“, der US-Überfall auf den Irak 2003 sowie weitere Beispiele bis heute.

    „Ich habe nicht die Absicht, mich daran zu gewöhnen, in einem Land zu leben, das sich ungestraft an Angriffskriegen beteiligt“, erklärt sie im Buch. Und nimmt dabei unter anderem die Rolle der hiesigen Medien in das Visier ihrer Kritik. Mit dem Ende der DDR und ihrer Einverleibung in die Bundesrepublik seien die Ergebnisse des 2. Weltkrieges in Frage gestellt worden, so Dahn.

    Die Krise um die Ukraine seit 2013 sieht sie „als Beispiel für neokoloniale Landnahme“ durch die Europäische Union (EU): „Die EU ist dabei, die einstige Kornkammer der Sowjetunion zu ihrer eigenen zu machen. Das ist mit fortschreitender Deindustrialisierung verbunden.“

    Abhängige Neubundesbürger

    Wie diese Deindustrialisierung in Ostdeutschland seit 1990 wirkte, beschreibt sie auf den vorherigen Seiten ihres neuen Buches wie bereits in den vorherigen. Das aus dem Jahr 2009 trägt den Titel „Wehe dem Sieger!“ Für dieses bedankte sich am Ende der Lesung ein 29-Jähriger aus dem Publikum, weil es ihm geholfen habe, seine Eltern und deren Leben in der DDR sowie danach besser zu verstehen.

    In dem neuesten Buch erinnert Dahn daran, dass der neue Wohlstand für die Ostdeutschen seit 1990 „ein subventionierter Wohlstand ist, kein selbsterarbeiteter“, ist: „Wie auch, wenn 95 Prozent des volkseigenen Wirtschaftsvermögens in westliche Hände übergingen. Damit war über den Grad der Abhängigkeit der Neubundesbürger entschieden.“ Nur Eigentum gewährleiste persönliche Sicherheit und geistige Unabhängigkeit, dass sei das „Fundament westlicher Funktionslogik“.

    Die Autorin hatte sich Ende der 1980er Jahre in der DDR für demokratische Veränderungen eingesetzt und war 1989 unter den Aktiven. So nimmt es nicht wunder, wenn sie auf die kritische Sicht auf die Einheit von ihr und anderen Bürgerbewegten bereits damals hinweist. Es sei abzusehen gewesen, „wohin das Veruneinheitlichen führen würde: Ein Prozent hyperreiche Haushalte verfügen über ein Drittel des volkswirtschaftlichen Gesamtvermögens.“ Und: „Die Quittung für soziale Kälte und politisches Versagen ist die AfD.“

    Rechtslastige Signale

    Von rechts laufe besonders in Ostdeutschland der Versuch, „die Macht zu übernehmen“ und Geschichte umzudeuten, meint die Autorin. Wenn sie zwar die Symptome rechtsnationalistischer und -extremer Landnahme im Osten richtig beschreibt, ist hier doch in dem Punkt zu widersprechen: Parteien wie die AfD und Gruppen noch weiter rechts sollen die Macht genau des Systems vor tatsächlichen Alternativen schützen helfen, das Dahn selbst als gescheitert ansieht.

    Im zweiten Teil ihres Buches widmet sie viele Seiten den rechten Entwicklungen in der vergrößerten Bundesrepublik. Auch darauf ging sie im Saal des Pfefferberg-Theaters ein. Sie nannte den Verfassungsschutz den „geheimen Verfassungsschänder“, der rechtsextreme Strukturen geschaffen habe, statt sie zu bekämpfen. Das gehört zu den Beispielen für die „rechtslastigen Signale aus allen staatlichen Institutionen“, die sie im Buch benennt. Dafür bekam sie deutlichen Beifall wie für ihre Forderung nach einer antifaschistischen Klausel im Grundgesetz.

    Zuzustimmen ist der Einheitskritikerin, wenn sie feststellt: „Doch die Probleme von heute sind die Rache für die falschen Weichenstellungen des Anschlusses.“ Dass die Bevölkerungszahl im Osten der Bundesrepublik heute auf dem Stand von 1905 ist, bezeichnet sie als „Menetekel“ der Einheit. „Das Leben ist eher postindustriell.“ Sie stellt nicht in Frage, dass für viele Ostdeutsche sich der individuelle Spielraum „enorm erweitert“ hat. Zugleich erinnert sie an die Befunde, dass die Mehrheit von ihnen mit der Wirtschaftsordnung „und der dieser untergeordneten Demokratie unzufrieden“ ist – „weit mehr als im Westen“.

    Notwendiger Protest

    Sie habe das Buch eigentlich nicht mehr schreiben wollen, erklärte Dahn gegenüber dem Publikum. Sie habe sich über das, was sie in den Jahren zuvor mehrfach festgestellt und kritisiert hatte, nicht mehr aufregen wollen. „Das hing mir eigentlich zum Hals raus, diese ewige Ost-West-Konzentrierung.“ Doch nicht nur ihr Lektor vom Rowohlt Verlag habe sie dazu doch überreden können.

    Hinzu sei gekommen, dass der Osten in den letzten Jahren immer mehr als der „braune Osten“ in Verruf geriet. „Ich fand, dass man auch den Protest nicht den Rechten überlassen sollte“, beschrieb sie ihr Motiv, das Buch doch zu schreiben. Das dankte ihr das Publikum im Theatersaal – darunter Schriftsteller wie Volker Braun und Christoph Hein ebenso wie Sozialwissenschaftler Dieter Klein – nicht nur mit Beifall, sondern mit einer Schlange beim Signieren nach der Lesung.

    Daniela Dahn: „Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute. Die Einheit - eine Abrechnung“
    Rowohlt Verlag, 2019. 287 Seiten. ISBN 978-3-499-00104-8. 14 Euro

    von links: Historiker Peter Brandt, Lektor Frank Strickstrock und Autorin Daniela Dahn
    © Sputnik / Tilo Gräser
    von links: Historiker Peter Brandt, Lektor Frank Strickstrock und Autorin Daniela Dahn
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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (69)
    Tags:
    BRD, Ostdeutschland, Deutschland, DDR, Wende, 30 Jahre Mauerfall, Mauerfall, Peter Brandt