03:55 19 September 2020
SNA Radio
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    1415927
    Abonnieren

    Der lettische Ex-Außenminister Jānis Jurkāns will bei der offiziellen Narration zu den lettischen SS-Legionen offenbar nicht wegsehen und fordert von Riga Mut „zur Wahrheit“. Riga würde die NS-Verbrechen billigen, wenn es die kürzliche Ehrung der SS-Verbände durch das Verteidigungsministerium des Landes unkommentiert lasse. Auch Brüssel schweigt.

    Seine Empörung über den Auftritt des lettischen Verteidigungsministers Artis Pabriks anlässlich der Schlacht in der Nähe der Ortschaft More äußerte Jurkāns am Wochenende in einem Interview mit Radio Baltkom. Pabriks hatte Tage zuvor in einer auf der Webseite seines Ministeriums dokumentierten Rede die lettischen Legionäre, die im Zweiten Weltkrieg in den Reihen der Waffen-SS kämpften, als „Helden“ und „Stolz des Landes“ gefeiert, derer man gedenken müsse. Laut Jurkāns dürfen die lettischen SS-Legionäre aber keinesfalls als Helden bezeichnet werden.

    „Mein Großvater war ein wohlhabender Wirt, er lebte in einem Dorf in Skrudaliena. Dann kamen die Deutschen und da sie die Polen nicht mochten - und er war Pan Cahajevičs, verbrannten sie alles, einschließlich des Hauses und der Wirtschaft. Sie nahmen ihm die Pferde und einen 18-jährigen Sohn weg. Dieser war ausgestattet worden und sollte in der Wehrmacht dienen. Das war eine echte Tragödie. Der Mann war erst 18 Jahre alt. Vor seinen Augen verbrannten die Deutschen alles, was es da noch gab. Und er sollte noch dienen. Und es gibt viele solche Tragödien“, erzählte Jurkāns aus der eigenen Erfahrung.

    „Das zeigt, dass Lettland nicht mit Europa und der Welt Schritt hält“

    Jurkāns zeigte sich weiter darüber empört, dass niemand von der lettischen Regierung auf die peinlichen Worte des Verteidigungsministers eingegangen sei. Sogar der lettische Präsident Egils Levits, in dem jüdisches Blut fließe und dessen Mitbürger unter diesen Legionären gelitten hätten, habe sich nicht zu Wort gemeldet.

    „Nun, treten Sie vor und sagen Sie die Wahrheit - ja, sie waren Opfer, aber keine Helden! Und wenn die Regierung schweigt, bedeutet das, sie stimmt zu. Wozu ist das alles? Es ist ein sehr schlechter Stil und ein schlechtes Beispiel für die Schüler, wenn man in der Vergangenheit wühlt und die Menschen, die im Prinzip tragische Persönlichkeiten waren, als Helden proklamiert. Das zeigt, dass Lettland nicht mit Europa und der Welt Schritt hält“, sagte der Ex-Politiker weiter.

    Zuvor zeigten sich einige lettische Historiker über die Äußerungen Pabriks’ empört, indem sie die Rede des Ministers als Schande bezeichneten. So schrieb der Historiker Edgars Engīzers in seinem Twitter-Account, er schäme sich für Lettland und die Leichtigkeit der Geste, mit der Pabriks alles, woran die Experten jahrelang gearbeitet hätten, in einem Augenblick gestrichen habe. Der Abgeordnete der Saeima von der oppositionellen sozialdemokratischen Partei „Saskaņa“ (Eintracht) Igor Pimenow rief Pabriks zum Rücktritt auf und forderte eine Strafe für seine Erklärung - vergeblich.

    In die „Lettische Legion“ wurden lettische Strafkommandos der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS eingegliedert. Deren Mitglieder wurden nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Beteiligung an den Strafaktionen „Winterzauber“ und „Frühlingsfest“ verurteilt, die 1943 und 1944 in den von den Nationalsozialisten besetzten Gebieten der Sowjetunion, nämlich gegen die Partisanen im Norden Weißrusslands und dem Westen Russlands, stattgefunden hatten. Legionäre zerstörten Hunderte von Dörfern, töteten Tausende von Zivilisten, was auch durch historische Dokumente und Zeugen bestätigt worden war. In den Reihen der im Februar 1943 aufgestellten lettischen SS-Freiwilligen-Division kämpften Letten sowohl gezwungen als auch freiwillig. Jedes Jahr dürfen die letzten Veteranen der Lettischen Legion der Waffen-SS im März noch durch Riga marschieren und ihrer Gefallenen und seit 1945 gestorbenen Kameraden gedenken.

    Nur ein Beispiel eines allgemeinen Trends?

    Die Beteiligung von Einwohnern Lettlands an nationalsozialistischen Strafaktionen während des Zweiten Weltkriegs wird in der heutigen politischen Darstellung der baltischen Länder eher vertuscht. Nach Angaben der lettischen Behörden waren die Einheimischen Lettlands nicht am Mord an Zivilisten beteiligt, wobei die historischen Angaben dafür sprechen. In einem kürzlichen Sputnik-Interview bemängelte der deutsche Historiker Erich Später als Reaktion auf die umstrittene Resolution des EU-Parlaments zum Hitler-Stalin-Pakt, dass auch Polen heute rund 80.000 polnische NSZ-Soldaten, die mehr Juden und Sowjets ermordeten als Deutsche, rehabilitiert und sie in die nationale Überlieferung als Widerstandskämpfer aufnimmt. „Man verabschiedet noch ein Gesetz dazu, wonach jeder strafrechtlich verfolgt werden kann, der die unzweifelhafte Unterstützung der Shoah durch große Teile der polnischen Rechten anspricht“, verwies der Historiker. Die Resolution wurde übrigens auf Initiative Litauens und mit Einsatz polnischer PiS-Politiker erarbeitet.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    „Machen uns sehr angreifbar“: CSU-Urgestein und Rechtsanwalt Gauweiler zum Fall Nawalny – Exklusiv
    Fall Nawalny: Deutsche Eliten und „Ausdruck eines Niedergangs“ – Experte Fischer knallhart
    Fall Nawalny: Deutschland und OPCW weichen Antworten auf Russlands Fragen aus – Lawrow
    Fall Nawalny: Wasserflaschen aus Hotelzimmer im deutschen Rettungsflieger nach Berlin geholt
    Tags:
    Saeima (lettisches Parlament), NS, SS, Lettland