23:07 16 November 2019
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    DDR-Bürger nach Eröffnung der Grenze zwischen der BRD und DDR (Archiv)

    „DDR-Bürger konnten sich selbst voller Stolz im Spiegel anschauen“ – Expertin zur Republik-Gründung

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    Am 7. Oktober 2019 wäre die DDR 70 Jahre alt geworden. Es wird angenommen, dass die deutsche sozialistische Republik die wirtschaftliche Konkurrenz zu ihrem westlichen Nachbarn verloren hat, was ihren Zusammenbruch unvermeidlich machte. Die Historikerin und Menschenrechtlerin Brigitte Queck ist anderer Meinung.

    „Wenn man Review passieren lässt und die wirtschaftliche Situation in der ehemaligen DDR und in der heutigen BRD vergleicht, dann muss man sagen, wenn man ehrlich ist, die DDR-Bürger konnten sich selbst voller Stolz im Spiegel anschauen. Wir waren nicht wie die Bundesrepublik heute der drittgrößter Rüstungsexporteur, der im Rahmen der Nato Kriege führt. Wenn man sieht, wie viel Geld für Rüstung in der Bundesrepublik ausgegeben wird, dann muss man sagen, dass der Wohlstand der Bundesrepublik auf dem Blut anderer Völker basiert. Das war in der DDR nicht der Fall“, sagte die diplomierte Staatswissenschaftlerin für Außenpolitik im Sputnik-Gespräch.

    Die DDR habe nie Angriffskriege geführt, die per UN-Charta verboten sind, sie sei ein Friedensstaat gewesen, setzt Brigitte Queck fort. „Wir hatten keine Erdbeeren und Bananen im Winter, aber wir waren unabhängig vom Weizenimport. Unser Wohlstand basierte nicht nur auf der Landwirtschaft: die DDR war das zehntgrößte Industrieland der Welt. So war die wirtschaftliche Situation vor 1989“, betonte die Expertin.

    War es möglich, die DDR zu erhalten und ihre Vereinigung mit der BRD zu verhindern? Unter bestimmten Umständen ja, meint die Historikerin. Als Leiterin der Bewegung „Mütter gegen den Krieg“ Berlin Brandenburg hatte sie eine andere Meinung als viele DDR-Honoratioren. Während der Wende hat Queck in Brandenburg in einer Abteilung der Landesregierung gearbeitet.

    „Ich wusste aus meinen Kontakten zu Radio Wolga (Hörfunksender für die sowjetischen Streitkräfte im Gebiet der sowjetischen Besatzungszone), dass die sowjetischen Truppen in Wünsdorf eine ganz andere Haltung zur DDR hatten als Gorbatschow. Sie betrachten seine Tätigkeit als verfassungswidrig und wollten ihn inhaftieren, falls er nach Wünsdorf kommen würde. Und sie könnten eingreifen, wenn die Führung der DDR sie dazu auffordert. Insofern, dass keiner der großen europäischen Länder wie Frankreich und Großbritannien eine Vereinigung beider deutschen Staaten wollte“, so Queck.

    Blick auf den zerstörten Palast der Republik (Archiv)
    © AP Photo / Markus Schreiber
    Die Politiker, die Deutschland zur Vereinigung geführt haben, haben sich nicht die Mühe gegeben, sie wie einen Zusammenschluss von Gleichen und nicht wie eine unfreundliche Übernahme aussehen zu lassen. Die zurückhaltende Würde von Ossis habe dazu geführt, dass sie neben der Linken auch für die extreme Rechte stimmen. Dies sei auch durch die Migrationskrise erleichtert worden: Die Bundesbehörden siedeln Flüchtlinge im Osten des Landes aktiv um, was Ossis noch wütender mache. Man könne von Kapitalisten nicht erwarten, dass sie mit der DDR gleichberechtigt umgehen würden, bedauert die ehemalige DDR-Bürgerin.

    „Die ehemalige DDR-Bevölkerung fühlt sich verraten. Es ist sehr schade, denn die Bevölkerung der sozialistischen Republik hat den Staat mit ihren Kräften aufgebaut, und sie ist jetzt wütend und traurig, dass es die DDR nicht mehr gibt. Natürlich kommen solche Leute in den Massenmedien nicht zu Wort, aber sie sagen in Gesprächen, dass sie die DDR wieder haben wollen.“

    In den achtziger Jahren war die DDR das sechste Land in Europa in Bezug auf die industrielle Produktion. Das System der Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen der DDR diente vielen Ländern der Welt als Vorbild. 1978 war der erste Deutsche, der den Weltraum eroberte, ein Militärpilot der DDR, Sigmund Jähn. In Ostdeutschland spielte der Sport eine große Rolle. Die DDR-Mannschaft hatte bei den Olympischen Spielen Spitzenpositionen inne.  In den heutigen Massenmedien wird aber laut der Expertin über die Errungenschaften der DDR gar nicht gesprochen. Im Gegenteil spricht man über Doping.

    „Man tut so, als ob die Errungenschaften der DDR im Sport nur durch Doping erreicht worden sind. Dies erweckt bei der jüngeren Generation einen falschen Eindruck. Aber glücklicherweise haben sie noch Eltern und Großeltern, die ihnen zu Hause erzählen, wie es wirklich in der damaligen DDR war und dass man auf ihre Errungenschaften stolz sein kann.“

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    Tags:
    Krieg, Sport, Industrie, Geschichte, Stolz, DDR