16:01 07 Dezember 2019
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    Demo in Ost-Berlin am 08. Oktober 1989

    Oktober 1989: Als die DDR-Führung ihren Sozialismus mit Knüppeln schützen wollte

    © AP Photo / Rainer Klostermeier
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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (100)
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    Mit Gewalt haben die DDR-Sicherheitskräfte Anfang Oktober 1989 auf die zunehmenden Protestaktionen und Demonstrationen reagiert. Eine unabhängige Untersuchungskommission hat danach versucht herauszufinden, was geschah. Die Geschehnisse haben die Zweifel an der DDR genährt. Erst danach haben Verantwortliche das Prinzip „Keine Gewalt!“ durchgesetzt.

    Am 7. und 8. Oktober 1989 gab es in Ost-Berlin am Rande der offiziellen Feierlichkeiten zum 40. Gründungsjubiläum der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) Demonstrationen und Protestaktionen. Eine davon schaffte es am 7. Oktober bis vor den Palast der Republik, wo die DDR-Partei- und -Staatsführung unter Erich Honecker mit internationalen Gästen den Jahrestag feierte.

    Sicherheitskräfte von Volkspolizei und Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gingen zum Teil brutal gegen die Demonstranten vor. Das MfS setzte sogar Antiterror-Spezialisten ein, um Demonstranten aus dem Stadtzentrum in den Stadtbezirk Prenzlauer Berg zu jagen und zu verhaften. Nicht nur die dabei angewandte Gewalt sorgte für Empörung, sondern auch wie Verhaftete misshandelt und menschenunwürdig gefangen gehalten wurden.

    Ende Oktober 1989 begann unter dem Dach der Evangelischen Kirche eine unabhängige Kommission, die Ereignisse in der Hauptstadt zu untersuchen. Als kurze Zeit später die Stadtverordnetenversammlungen von Ost-Berlin ebenfalls eine Untersuchungskommission bildete, begannen nach anfänglichen Problemen beide Gremien zusammenzuarbeiten.

    Gewalt gegen Proteste

    Zuvor hatte es in der DDR keine vergleichbare Untersuchung über das rechtswidrige Verhalten der Staatsmacht gegeben. In dem Buch „… und diese verdammte Ohnmacht“ wurde 1991 der Report der Untersuchungskommission veröffentlicht. Erinnerungen der Opfer der Ausschreitungen der Staatsmacht an den beiden Oktobertagen waren schon 1990 in dem Buch „Schnauze! Gedächtnisprotokolle 7. und 8. Oktober 1989 – Berlin, Leipzig, Dresden“ zu lesen.

    Den Ereignissen in der DDR-Hauptstadt waren am 4. und 5. Oktober des Jahres ähnliche gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten am Hauptbahnhof in Dresden vorausgegangen. Anlass waren die Sonderzüge mit den Botschaftsbesetzern aus Prag, die in die BRD ausreisen durften. Diese wurden auf ausdrücklichen Wunsch der SED-Spitze über die DDR geführt, unter anderem über Dresden. Hinzu war gekommen, dass gleichzeitig die Grenze zur ČSSR geschlossen wurde, was erst recht zu den Protesten führte.

    In Ost-Berlin wurden in den Nächten vom 7. und 8. Oktober 1989 1047 Menschen festgenommen und „zugeführt“. Das schrieb der damalige Rektor der Humboldt-Universität, Heinrich Fink, in dem Band „Schnauze!“. Das Buch gibt Aufzeichnungen „über erschütternde Erfahrungen mit Polizeiknüppeln und der entwürdigenden Behandlung auf dem Transport zu und auf Zuführungsstellen“ wieder, so Fink in seinem Vorwort.

    Unerwartete Menschenverachtung

    Das Erschreckende daran war für viele wie den Rektor, die es erlebten oder davon erfuhren, dass die Zeugnisse der Menschenverachtung nicht aus einer faschistischen Diktatur stammten. „Vom Kindergarten bis zum Schulabschluss hatten sie von der Friedenspolitik ihres Landes gesungen und gelesen. Plötzlich wurden sie selbst als Feinde des Sozialismus behandelt. Genügten den Sicherheitsorganen Sprechchöre, Kerzen und Lieder schon als Indiz für Konterrevolution?“

    Fink weiter: „Statt Dialog wurde der Stasi und der Polizei der Befehl erteilt, mit Knüppeln, Wasserwerfern, Verhaftung und brutalem Abtransport die Antwort der Regierung zu geben. Hat damit der Sozialismus sein wahres Gesicht gezeigt oder war etwa die Konterrevolution auf der Seite der Regierung?“

    In dem Band aus dem Jahr 1990 mit Augenzeugenberichten ist nachzulesen, dass die Sicherheitskräfte nicht nur Demonstranten angriffen. Sie jagten und verhafteten genauso Unbeteiligte wie Passanten oder Bewohner der umliegenden Häuser, die den Fehler machten, das Haus zu verlassen. In einem Erlebnisbericht ist zu lesen, was in den späten Stunden des 7. Oktober 1989 in der Greifswalder Straße in Ost-Berlin passierte: „Ohne Vorwarnung, wild losprügelnd“, hätten die Einsatzkräfte einen „nicht mehr allzu großen Demonstrationszug“ auseinander getrieben.

    Schläge für die „Internationale“

    Der Zeugenbericht beschreibt weiter, wie selbst das Singen der „Internationale“ mit Schlägen der Gummiknüppel beantwortet wurde. Die Verhafteten hätten mehrere Stunden auf dem LKW ausharren müssen, mit denen sie in ein Polizeirevier gebracht wurden. Die Frauen und Mädchen unter ihnen seien auf den Wunsch, auf Toilette gehen zu können, von den „Bewachern auf dem LKW und zusätzlich hinter dem Fahrzeug postierten Bütteln mit Hunden mit ekelhaften Beleidigungen“ bedacht worden. Später sei in dem Haftkeller selbst Sprechen, Lächeln oder gar Schlafen unter Gewaltandrohung untersagt worden.

    Solche und schlimmere Details sind in den Gedächtnisprotokollen der Betroffenen von damals nachzulesen: das reicht vom stundenlangen Stehen an Garagenwänden mit dem Kopf zur Wand, vom Spießrutenlaufen mit Gummiknüppelschlägen, von schweren Verletzungen am Kopf und Gliedmaßen, völlig überfüllten Zellen bis hin zu brutaler Gewalt gegen Frauen und dem Verweigern von Nahrung und dem Verrichten der Notdurft. All das habe auch vor Minderjährigen nicht halt gemacht, ist immer wieder zu lesen.

    Immer wieder ist zu lesen, dass die Demonstranten den heranrückenden Einsatzkräften in Uniform und Zivil entgegenriefen: „Keine Gewalt!“ Doch selbst das konnte den Berichten zufolge die zum Teil wie von der Leine gelassen wirkenden Polizisten und MfS-Kräfte nicht stoppen. „Wahllos wurden Bürger geschlagen, getreten, an den Haaren gerissen, zu Boden gestoßen und weggeschleppt“, heißt es in einem anderen Bericht. „Auch gegenüber Frauen und Mädchen wurde ‚ohne Gnade‘, ein von mir mehrfach gehörter Satz der Schläger, vorgegangen. Unter den Demonstranten kam es, was ich sah, nicht zu Ausschreitungen oder Gegengewalt.“

    Brutalität als Antwort

    Der oder die Berichtende – die Angaben zu den Betroffenen wurden anonymisiert – beschreibt, wie die alkoholisiert wirkenden Schläger auf ihn bzw. sie losgingen, nachdem sie aufgefordert worden waren: „Hör doch mit dem Terror auf, die Menschen sind friedlich.“ Die Antwort darauf waren laut dem Bericht brutale Schläge und Tritte ohne jegliche Rücksicht, das Stoßen des Kopfes auf das Straßenpflaster bis zur Bewusstlosigkeit. Der menschenverachtende Umgang mit der verletzten und wehrlosen Person sei bei der Verhaftung und in der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Rummelsburg fortgesetzt worden.

    Ähnliches ist in dem Buch aus dem Jahr 1990 aus Leipzig und Dresden zu lesen. Auch dort hatte es an beiden Tagen um den 40. „Republikgeburtstag“ wieder Proteste und Polizeigewalt sowie brutale Verhaftungen gegeben. Ein Opfer hielt fest, wie vor einer Kirche andere und es selbst grundlos verhaftet „und unter den Worten ‚Du Schwein, Du Hund, jetzt bekommst Du erstmal Prügel!‘ brutal verdroschen“ wurde. Die Festgenommenen seien zum „Agra“-Gelände bei Leipzig gebracht und in Pferdeboxen eingesperrt worden. Oftmals traf es den Berichten zufolge Passanten, die sich nichtsahnend den Orten genähert hatten, die die Polizisten schon abgesperrt hatten.

    Immer wieder ist ebenso zu lesen, wie ungläubig die Opfer erlebten, was ihnen geschah. Manche hätten das Gefühl gehabt, „in Chile oder Salvador zu sein“, wie in einem Bericht geschrieben wurde. Beamtenwillkür, zum Verbrecher abgestempelt, ich glaube sogar, dass unter den Bedingungen jemand nach fünf Tagen zum Selbstmord reif ist.“

    Lügen der Verantwortlichen

    Ein Augenzeuge hielt fest: „Es ist nicht wahr, ‚dass die Volkspolizei äußerst zurückhaltend und erst nachdem sie angegriffen wurde, gegen Unruhestifter unter Anwendung polizeilicher Hilfsmittel vorging‘.“ Das hatte das Ministerium des Inneren der DDR in einer Pressemitteilung vom 11. Oktober 1989 behauptet.

    Der Schriftsteller Christoph Hein, der in der Berliner Untersuchungskommission mitarbeitete, schrieb im Vorwort zu deren 1991 veröffentlichtem Report: „Im Herbst behaupteten leitende Offiziere der Polizei und der Staatssicherheit, die Ausschreitungen der Sicherheitskräfte seien nur erfolgt, weil es zuvor tätliche Angriffe der Demonstranten gegeben hätte. Die Kommission konnte nachweisen, dass es die behaupteten Angriffe nicht gegeben hatte.“

    Die Offiziere hätten daraufhin von verbalen Angriffen auf die Einsatzkräfte gesprochen. So seien Uniformierte als „rote Säue“ beschimpft worden. Laut Hein hatte die Kommission dagegen einen Fall aufgedeckt, bei dem ein junger Mann von drei Polizisten aus einer Kneipe geholt und zusammengeschlagen wurde. Dabei hätten die Uniformierten das Opfer als „rote Sau“ beschimpft.

    Erfolglose Untersuchungen

    Die Kommission schätzte in ihrem Bericht, dass allein in Ost-Berlin am 7. Oktober 1989 rund 3.000 Sicherheitskräften von Volkspolizei und MfS eingesetzt wurden, um Demonstrationen aufzulösen. Am Folgetag seien etwa 2.000 zum Einsatz gekommen. Einer von ihnen, der vorsätzlichen Körperverletzung für schuldig befunden, berichtete der Untersuchungskommission, die Vorgesetzten hätten angekündigt, dass er und die anderen Polizisten gegen „Staatsfeinde“ vorzugehen hätten, die als solche behandelt werden müssten. Es habe sich um „gewalttätige Personen, die einen Mauerdurchbruch geplant hatten“, gehandelt, hätten die höheren Offiziere ihren Untergebenen gesagt.

    Wer für den Befehl zur Gewalt Anfang Oktober 1989 verantwortlich war, konnte die Kommission bei allen Nachforschungen nicht herausfinden. Hein schrieb dazu am Ende der Arbeit des Gremiums: „Heute stehen wir mit fast leeren Händen vor diesen Opfern der Gewalttätigkeiten vom Oktober 1989. Die wirklich Schuldigen, die Befehlshaber, konnten sich kaum erinnern, schriftliche Unterlagen waren spärlich vorhanden oder wurden vernichtet. Immer wieder erzählten uns hohe Offiziere und Politiker, dass man über die Gewaltmaßnahmen bedauerlicherweise erst im Nachhinein informiert worden sei; Befehle, Gewalt anzuwenden, habe es nie gegeben.“

    Universitätsrektor Fink schrieb 1990 davon, dass Staatssicherheitsminister Mielke an den beiden Tagen die Führungsrolle auch gegenüber den anderen beiden Ministerien des Inneren und für Verteidigung beanspruchte und ausübte. In dem Buch mit dem Report der Untersuchungskommission sind die Protokolle der Vernehmungen von hochrangigen SED-Funktionären wie Egon Krenz und Günter Schabowski, ebenso von Mielke und anderen, enthalten.

    Rolle von Egon Krenz

    Immer wieder wurde dabei gelogen, wie Fink am Beispiel Schabowski zeigte: „Er hat nicht, wie er behauptete, von allen Vorfällen erst am Montag, dem 9. Oktober 1989, erfahren, sondern bereits seit dem 7.10.89 berichtete er persönlich in mehreren Schreiben Honecker über den Verlauf der Berliner Ereignisse.“

    Bei einer Beratung im Zentralkomitee (ZK) der SED am Morgen des 8. Oktober 1989 seien die Ereignisse vom Vortag ausgewertet worden und es sei eine verschärfte Lagebeurteilung erfolgt, so Fink. Mielke habe dabei und in einem nachfolgenden Schreiben sich für eine „offensive Auflösung“ von Demonstrationen ausgesprochen, ebenso dafür, die westlichen Medien beim Berichterstatten zu behindern. Bei der Beratung war laut dem Rektor auch Krenz anwesend.

    Gegenüber der Untersuchungskommission hatte er am 17. Januar 1990 erklärt: Er habe sich am 8. und 9. Oktober auf eine Sitzung des SED-Politbüros zwei Tage später vorbereitet, bei der „die politische Wende in der Führung der SED“ vorbereitet werden sollte. Deshalb habe er an beiden Tagen sich nicht „im Detail um weitere Fragen“ kümmern können. Ihn habe aber der Gedanke beschäftigt, „dass sich in Leipzig [bei der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 – Anm. d. Red.] nicht wiederholen darf, was in Berlin geschehen war“.

    Schlussfolgerungen und Taten

    Krenz erklärt 30 Jahre später unter anderem in seinem neuen Buch „Die Russen und wir“, er sei am Morgen des 8. Oktober im MfS mit den hochrangigen Vertretern der Sicherheitsorgane zusammengetroffen. Auf die Frage nach den Ereignissen vom Vorabend habe ihm Mielke-Stellvertreter Rudi Mittig erklärt: „Was da passiert ist, war nicht nötig. Jemandem sind die Nerven durchgegangen.“

    Der spätere Honecker-Nachfolger erklärte gegenüber Sputnik, er habe bei der Beratung mit den Generälen eine Erklärung für die nächste Sitzung des SED-Politbüros verlesen. Die habe geendet: „Politisch entstandene Probleme müssen politisch und dürfen nicht mit polizeilicher oder militärischer Gewalt gelöst werden.“ Die sonst so sachlichen Militärs hätten daraufhin geklatscht, beschrieb er die Reaktion der Anwesenden. Mit ihnen habe er vereinbart: „Der Staat wendet keine Gewalt an.“

    Warum es dann am Abend des gleichen Tages wieder in Berlin, Leipzig und Dresden zu gewalttätigen Ausschreitungen von Polizei und MfS gegen Demonstranten und Unbeteiligte sowie zu Festnahmen und tagelangen Verhaftungen kam, ist bei Krenz nicht zu erfahren. Erst am 9. Oktober 1989 in Leipzig zog sich die Staatsmacht in Gestalt von Polizei und anderen Einsatzkräften zurück. Das geschah dank einzelner Verantwortlicher vor Ort, die neue Gewalt verhindern wollten, nicht aufgrund eines Befehls aus Berlin.

    Die Montagsdemonstration in der Messestadt konnte an dem Montag vor 30 Jahren erstmals unbehelligt den gesamten Stadtring entlang gehen – 70.000 Menschen wurden nicht mehr wie befürchtet aufgehalten, obwohl die Sicherheitskräfte erst einen anderen Befehl hatten. Danach galt nicht nur in Leipzig endgültig auf beiden Seiten: „Keine Gewalt!“

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    SED, Untergang, Demokratie, Proteste, Demo, DDR