Widgets Magazine
11:53 19 Oktober 2019
SNA Radio
    Deutsche Panzertruppen während des Überfalls auf Polen 1939

    Schuld für den Zweiten Weltkrieg Russland in die Schuhe zu schieben ist falsch - Historiker

    CC BY-SA 3.0 / Bundesarchiv / Bild 146-1976-071-36
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    2611121
    Abonnieren

    Versuche, das Geschehen vor 80 Jahren, als der Zweite Weltkrieg begann, in den heutigen politischen Kontext einzubeziehen und Russland für den Ausbruch des Krieges verantwortlich zu machen, kritisierte der Initiator der Internationalen wissenschaftlichen Konferenz in Moskau, Alexander Tschubarjan, ein Leiter des Instituts für allgemeine Geschichte.

    Dies alles führe zur Politisierung der Geschichte, meint der angesehene russische Historiker. „Polen und die Länder des Baltikums betreiben sie besonders intensiv. Keinem anderen Ereignis des 20. Jahrhunderts wird heute so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie dem Geschehen von August bis September 1939. Es ist aber nur als Geschichte aufzufassen, wenngleich eine tragische. Die Politiker sollten daher aufhören, dieses Thema durch ihre Auslegungen auszuschlachten, in wessen Interessen auch immer. Stattdessen sollte man sich Mühe geben, Lehren für den heutigen Tag daraus zu ziehen.“

    Die Historiker, die sich in Moskau versammelt hatten, betrachteten die Entstehung des Zweiten Weltkrieges aus einer breiten historischen Perspektive. Es ging um Versailles und München, aber auch um den Molotow-Ribbentrop-Pakt. Kein Pakt, kein Vertrag könne einen so fürchterlichen Krieg auslösen, so Tschubarjan. In seinen Jugendjahren habe er das Buch „Munich — Prologue to tragedy“ von John Wheeler Bennett  gelesen. „Das war gerade so. Nach München änderte sich die Bewertung der Sowjetunion in Europa von Grund auf“, meint Tschubarjan. „Moskau sah sich dann in einer Art Isolation. So stellte sich bei Stalin die alte Furcht vor einem angeblichen  antisowjetischen Block wieder ein.“

    Der Historiker merkt an: „Im Großen und Ganzen wurde die Gefahr des Faschismus von allen Beteiligten unterschätzt. Keiner rechnete damit, dass dies in einen so fürchterlichen Krieg einmünden würde. Es wurden keine Vorbeugungsmaßnahmen getroffen. Die Liga der Nationen scheiterte vollkommen.“

    Reichsminister des Auswärtigen Joachim von Ribbentrop unterzeichnet den Nichtangriffspakt in Moskau am 28. September 1939
    Reichsminister des Auswärtigen Joachim von Ribbentrop unterzeichnet den Nichtangriffspakt in Moskau am 28. September 1939

    Vor kurzem hat das russische Verteidigungsministerium eine Denkschrift des damaligen sowjetischen Generalstabschefs Schaposchnikow an die Staatsführung von 1938 freigegeben, in der er die Hauptfeinde der Sowjetunion nannte. Akademiemitglied Tschubarjan erläutert: „Das waren Deutschland, Japan und Polen. Als unsere Verbündeten wurden Großbritannien und Frankreich bezeichnet. Wir verheimlichten unsere Absicht, uns mit ihnen trotz allem zu einigen. Doch führten die britisch-französisch-sowjetischen Verhandlungen im Sommer 1939 leider zu keinem Ergebnis. Von daher blieb Moskau praktisch keine Wahl, als den Nichtangriffspakt mit Deutschland einzugehen.“

    Der Historiker meint, Deutschland habe sich durch den Pakt einen Zwei-Fronten-Krieg erspart. Dies treffe aber auch auf die Sowjetunion zu. „Unser Land stand damals vor der Gefahr eines Krieges gegen Deutschland im Westen und gegen Japan im Osten.“

    Dr. Jörg Morré, Direktor des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst, teilte im Sputnik-Gespräch nicht die Meinung, die Gefahr des Faschismus würde unterschätzt: „Denken wir an das Franco-Regime, an Mussolini, Hitler dann in Deutschland. Es gab sehr reaktionäre Regime, wie zum Beispiel in Polen. Zwar keine faschistische, war es aber eine europaweite Bewegung. Das zu übersehen, fällt schon schwer.“

    Ein zweiter Aspekt aus der Sicht des deutschen Historikers war es, „dass die Länder in Europa, und da gehört dann auch die Sowjetunion dazu, noch in den Kategorien der Machtpolitik des 19. Jahrhunderts dachten: Einflusssphären, ‚ich brauche ein starkes Militär, Machtpositionen, ich schließe Bündnisse mit verschiedenen Partnern und auch geheime Abkommen‘. Das war durchaus üblich, dass man hinten im Kabinett noch zusätzliche Vereinbarungen traf. Alle haben in diesem Modus weitergearbeitet.“ Morré meint, das sei das Hauptproblem, „dass es so etwas wie, wir würden es ein kollektives Sicherheitssystem nennen, nicht gab. Das waren immer einzelne Nationalstaaten.“

    Versailler Friedenssystem war aus der Sicht des Historikers kein Friedenssystem, sondern eine Kompensation einzelner nationaler Interessen.

    „Für die deutsche Politik war das der Hauptmotor, und eben das ist in der internationalen Politik unterschätzt worden. Die Appeasementpolitik versucht, dem entgegenzukommen, hat aber unterschätzt, dass es noch einen ideologischen Faktor gibt. Es ist eben nur ein Teilaspekt. Die Unterschätzung des Faschismus ist nicht der Grund, dass es zum Zweiten Weltkrieg kam.“

     

    Tschubarjan meinte seinerseits, dass man den Molotow-Ribbentrop-Pakt in der Sowjetunion für eine Notlösung angesehen habe, „mit der allerdings große Imageverluste verbunden waren. Das Ansehen der Sowjetunion bestand damals darin, dass sie die Hauptkraft im Kampf gegen den Nazismus darstellte. Da unterzeichnen wir einen Nichtangriffsvertrag ausgerechnet mit diesem Nazi-Staat.“

    Der Pakt hatte einen negativen Einfluss auf alle kommunistischen Parteien, fuhr er fort, und generell auf die Kommunistische Internationale.

    „Allerdings gab Stalin mit diesem Pakt die Idee einer Weltrevolution auf und ersetzte sie durch die Idee der Verwirklichung von nationalen Interessen der Sowjetunion. Realpolitik, wie man’s nennt. Dies endete auch mit der Auflösung der Kommunistischen Internationale im Jahre 1943. Aus Dokumenten folgt, dass es keine einfache Lösung für die Sowjetunion war. Nach der Unterzeichnung des Paktes betraten die sowjetischen Truppen das polnische Territorium, rückten aber nur bis zur Curzon-Linie vor. Das wurde von der britischen Regierung auch positiv bewertet. Ich habe diesbezügliche Dokumente gesehen.“

     

    Jörg Morré fügt hinzu: „Das Konstrukt der Weltrevolution war definitiv nicht mehr die leitende Politik für Stalin, sondern eben eine starke Sowjetunion. Auch die Teilung Polens ist im Grunde ein Anknüpfen an die Stärkung der Sowjetunion. Man orientiert sich an den alten Grenzen, die eben 1920 aufgegeben werden mussten. Aber es ist so eine Art legitimes nationales Interesse, das Stalin verfolgt, dass er sagt, die sowjetische Außengrenze muss eben weiter westlich sein. Das sieht er als Cordon sanitaire, eine Pufferzone.“

    Und das sei auch dann eine häufige Argumentation, so der Historiker, „diese 300-400 Kilometer waren dann die Rettung. Die Wehrmacht kam schnell eben nicht bis Moskau. Hitler wollte grundsätzlich den Krieg, das muss man immer wieder betonen. Er hätte das wahrscheinlich auch im Fall der Tschechoslowakei schon in Kauf genommen. Bei Polen war ihm klar, es würde nur kriegerisch zu lösen sein. Deswegen war diese Vereinbarung mit der Sowjetunion, wo Grenzen und Einflusssphären geklärt wurden, von ganz großer Wichtigkeit. Damit war der Krieg in Polen schnell zu beenden, um Richtung Frankreich militärisch stark zu bleiben.“

    Stalin habe genauso wie alle anderen eine Interessenpolitik gemacht, urteilt Morré. „Das eigene Landesinteresse stand im Vordergrund. So gesehen kann man ihm sicherlich vorwerfen, dass er die Gefahr, die das heraufbeschwört, die Hilfe, die er dem Deutschen Reich durch den Nichtangriffspakt gab, unterschätzt oder einfach billigend in Kauf genommen hat. Dass er damit einen Zweiten Weltkrieg vom Zaun bricht, das kann man ihm jetzt so nicht unterstellen.“

    Doch hat sich Hitler entschlossen, die Sowjetunion zu überfallen

    Das sei natürlich die Weltanschauung der Nationalsozialisten, ist sich Morré sicher. „Der Kampf gegen den Bolschewismus und dann in der Kombination als Kampfbegriff des jüdischen Bolschewismus war immer im Programm der Nationalsozialisten. Die große Auseinandersetzung, also dann der Krieg gegen die Sowjetunion, war das Fernziel. Es musste aber nicht im Sommer ’41 sein. Diese Entscheidung fiel, weil der Krieg gegen England Ende 1940 nicht zu gewinnen war.“

    Die jüngste Resolution des EU-Parlaments, das den Molotow-Ribbentrop-Pakt als die Ursache des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs anerkannt hatte, kommentierte Akademiemitglied Tschubarjan wie folgt:

    „Diese Resolution hat mit der Geschichte nichts zu tun. Es ist ein rein politischer Beschluss, der durchaus im Rahmen der allgemeinen Konfrontation bleibt, die leider vom EU-Parlament gegenüber Russland gepflegt wird. Versuche, die Sowjetunion für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verantwortlich zu machen, wurden noch in den 60er und 70er Jahren unternommen. Diese Meinung wird von Fachhistorikern selbst in den Ländern des Westens nicht geteilt.“

     

    Es sei allen bekannt, dass Deutschland dafür maßgeblich verantwortlich sei, führt der Historiker aus. „Es hat den Krieg vom Zaun gebrochen. Einige sind aber darauf erpicht, die Verantwortung aufzuteilen, nämlich nicht Hitler allein, sondern auch Stalin soll sie tragen. Wir rechtfertigen den Stalinismus nicht, sehen alle Schwierigkeiten und Nachteile, die er mit sich gebracht hat. Das stand aber in keinem Zusammenhang mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.“

    Tschubarjan fügt hinzu: „Eigentlich ist die Idee an sich, hinter dem Rücken der Völker festzulegen, was und wie geschehen soll, mit dem Völkerrecht unvereinbar. Dies war aber gängige Praxis. Schon beim Wiener Kongress nach den Napoleonischen Kriegen hatten die Siegermächte die Kräftekonstellation in Europa bestimmt. Heutzutage muss man aber aufhören, die Schuld auf Russland abzuwälzen. Es kann nicht für alles einstehen, was in einem anderen Staat, in der Sowjetunion vorging.“

    Dabei erinnert sich der russische Historiker an die Konferenz anlässlich der 50 Jahre Pakt in Westberlin vor 30 Jahren, 1989: „Es war ein anderes Leben. Damals gingen wir mit dem Bundeskanzler Kohl an die Mauer. Inzwischen ist die Sowjetunion nicht mehr da, Deutschland hat sich total verändert. Damals war die Welt geteilt. Heute aber lautet die Hauptlehre daraus, man muss die Ideologie zurückstellen und sich vertragen. Damals lehnte der Westen das sowjetische System ab. Hierzulande wurden die westlichen Werte nicht akzeptiert. In einer Zeit der globalen Bedrohungen muss man sich aber vertragen. Beschlüsse wie die erwähnte PACE-Resolution bringen nichts außer der Befriedigung der eigenen Ambitionen.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Großbritannien, Frankreich, Drittes Reich, UdSSR, Sowjetunion, Josef Stalin, Adolf Hitler, Joachim von Ribbentrop, Wjatscheslaw Molotow, Der Zweite Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg