21:52 06 Dezember 2019
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    Ehrenwache der Bundeswehr auf der Kriegsgräberstätte Rossoschka (Archivbild)

    Gebeine von bei Stalingrad gefallenem Antifaschisten gefunden – 83-jähriger Sohn weint

    © AFP 2019 / MIKHAIL MORDASOV
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    Ein bei Stalingrad gefallener deutscher Soldat konnte nun unter seinem Namen beigesetzt werden. Der Sohn weiß jetzt, wo sein Vater seine letzte Ruhestätte hat. Unter den 1837 Gebeinen, die unlängst auf dem deutschen Soldatenfriedhof Rossoschka bei Wolgograd bestattet wurden, konnten die Namen von mehr als 50 Wehrmachtsoldaten ermittelt werden.

    Wie Hermann Krause, Leiter der Moskauer Vertretung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) im Sputnik-Gespräch mitteilte, wurde einer von ihnen anhand seiner Blechmarke identifiziert. Die Erkennungsmarken haben die deutschen Soldaten immer bei sich getragen.

    „Es stellte sich heraus, dass dieser eine Karl Kramm heißt und wir seinen Sohn, der in Niedersachsen wohnt, informieren konnten. Er trägt den gleichen Namen und weiß jetzt, wo sein Vater liegt.“

    Karl Kramm hat unter Tränen die Erkennungsmarke entgegengenommen, auf der die Nummer eingraviert war. Anhand der Nummer konnte der Volksbund seinen Vater identifizieren. Kramm dachte nicht, dass er das mit 83 Jahren noch erleben würde, und dankte dem russischen Volk dafür, dass man die Möglichkeit bekommen hat, deutsche Soldaten in russischer Erde zu beerdigen.  Krause sagte: "Wir wussten, der Vater war in Wolgograd gefallen! Das ging aus den Unterlagen hervor. Deshalb stand sein Name auf den großen Würfeln. Jetzt haben wir bei Ausgrabungen die Plakette gefunden. Die Gebeine  konnten eindeutig zugeordnet werden. Der Vater wurde jetzt an der Mauer bestattet. Sein Name wird von dem Block dann entfernt werden.“ Die Würfel auf dem Soldatenfriedhof enthalten die Namen von Soldaten, von denen man wusste, dass sie in Stalingrad gefallen waren, die aber nie beerdigt werden konnten.

    • Karl Kramm hat unter Tränen die Erkennungsmarke entgegengenommen
      Karl Kramm hat unter Tränen die Erkennungsmarke entgegengenommen
      © Foto : Hermann Krause
    • Karl Kramm auf dem Soldatenfriedhof Rossoschka
      Karl Kramm auf dem Soldatenfriedhof Rossoschka
      © Foto : Hermann Krause
    • VdK-Veranstaltung auf der deutschen Kriegsgräberstätte Rossoschka
      VdK-Veranstaltung auf der deutschen Kriegsgräberstätte Rossoschka
      © Foto : Hermann Krause
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    © Foto : Hermann Krause
    Karl Kramm hat unter Tränen die Erkennungsmarke entgegengenommen

    Kramm war vor acht Jahren da, in Wolgograd, und hatte ein Treffen mit Veteranen. Man hat sich gegenseitig angehört und sich am Ende in den Armen gelegen. Karl Kramm sagte, er wünsche sich eine tiefe Freundschaft zwischen Russland und Deutschland und dass man aufhöre, sich gegenseitig mit Waffen zu bedrohen.

    Sein Vater war 38, als er eingezogen wurde, was ganz ungewöhnlich war. Kramm erklärt das damit, dass sein Vater nicht bereit gewesen sei, in die Nazi-Partei einzutreten. „Da war mein Vater wahrscheinlich nicht genehm, weil er zu standfest war, seinen Standpunkt vertrat, nicht so gehorsam und folgsam war, wie man das eigentlich von ihm erwartet hatte. Er passte nicht in das System. Deshalb musste er weg. Er ist 1939 eingezogen worden, gleich zu Kriegsbeginn, zum ersten Tag. Und den letzten Brief haben wir von ihm vom 1. Januar 1943.“

    Karl Kramm war fünf Jahre alt, als er seinen Vater zum letzten Mal gesehen hat. Er erinnert sich, dass er unwahrscheinlich viel geweint hat, besonders wenn er das Nazi-Lied hörte: „Wetzt die langen Messer am Laternenpfahl, Blut, Blut, Blut muss fließen, knüppelhageldick, wir pfeifen auf die Freiheit der Sowjetrepublik.“ Er habe dabei an seinen Vater gedacht. „Er ist getötet worden. Und ich habe mir das grausam vorgestellt.“

    VDK-Vertreter Krause meint: „Das war für den jungen Karl ein fürchterliches Erlebnis: Auf einmal war der Papa nicht mehr da. Auch für die Mutter war das schrecklich, weil man nicht wusste, wo er ist. Der Volksbund hat nun den Hinweis gegeben, dass der Vater in der Nähe des Friedhofs gefunden worden und vielleicht auch als Nichtbekannter beerdigt ist. Jetzt weiß Karl Kramm genau, wo sein Vater liegt.“

    Einheimische fragen, warum man sterbliche Überreste nicht in Deutschland einbetten kann.

    „Im Großen und Ganzen hört man so etwas selten“, antwortet Krause, „denn es ist eine gewaltige Zahl: 2,2 Millionen deutsche Soldaten sind in der Sowjetunion ums Leben gekommen. Sie umzubetten wäre von der Größe her unmöglich. Das wäre auch sehr teuer und schwierig. Der eigentliche Grund ist aber, dass man 1992 zwischen der Russischen Föderation und Deutschland ein Abkommen abgeschlossen hat. Dieses Abkommen sieht vor, dass die Überreste sowjetischer Menschen, die in Deutschland liegen, das sind oftmals Lagerinsassen und Verschleppte gewesen, aber auch Soldaten in deutscher Erde und die deutschen Soldaten würdig in russischer Erde beerdigt werden.“

    Unschuldig ums Leben gekommen?

    Die Worte eines russischen Schülers im Bundestag über die deutschen Soldaten als „unschuldig ums Leben gekommene Menschen“ löste in Russland eine Welle der Empörung aus. Der Volksbund und sein Präsident Schneiderhan sagen eindeutig, so der VDK-Vertreter, „dies ist ein Krieg, der aggressiv von Deutschland ausgegangen ist. Das kann man nicht vertuschen. Der Angreifer war die Wehrmacht. Deutschland hat unendliches Leid über Russland gebracht. Hier gibt es nichts zu beschönigen.“

    Deutsche Kriegsgräberstätte Rossoschka
    © Foto : Hermann Krause
    Deutsche Kriegsgräberstätte Rossoschka

    Man dürfe aber auch die Worte dieses 16-jährigen Jungen nicht allzu hoch bewerten, fügt Krause hinzu.

    „Er hat sich möglicherweise in der Wortwahl geirrt, zu schnell gesprochen, war aufgeregt. Ein 16-jähriger Junge, der im Bundestag auftritt, man muss sich das einmal vorstellen. Man darf aber nicht dem Volksbund das in die Schuhe schieben, nach dem Motto, wir hätten ihm diesen Text gegeben. Dem ist nicht so. Der Volksbund hat eine eindeutige Position: Er will Geschichte nicht verharmlosen und sagt auch nicht, dass die Wehrmacht in irgendeiner Weise unschuldig ist.“

    Der Volksbund Deutsche Kriegsgräber orientiere sich nicht nur an der Vergangenheit, regt Krause an, sondern schaue nach vorne: „Unsere Friedhöfe sind Mahnmale. Wir mahnen, dass es niemals mehr Krieg geben darf und dass es zwischen Deutschland und Russland eine gute Beziehung geben muss. Aus dem Grunde werden junge Leute sowohl von russischer als auch von deutscher Seite nach Deutschland oder nach Russland eingeladen. Sie arbeiten auf Friedhöfen zusammen, reinigen sie und machen Workcamps. Sie haben viel Freude miteinander und merken, dass es keine großen Gegensätze zwischen Deutschen und Russen gibt. Im Gegenteil.“

    Das komplette Interview mit Hermann Krause zum Nachhören:

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    Tags:
    Sozialverband VdK Deutschland, Rossoschka, Antifaschisten, Wehrmacht, Stalingrad, Wolgograd, Sowjetunion, UdSSR, Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg