10:35 15 November 2019
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    Das Signet der Festveranstaltung in Berlin-Marzahn und eine DDR-Fahne

    „Verteufelung der DDR soll ablenken“ – Egon Krenz über 40 Jahre DDR und 30 Jahre Einheit

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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (94)
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    Mit Nationalhymne, Ehrenfahnen, Rede des früheren Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz und Grußworten – so hat am Samstag in Berlin eine Festveranstaltung an die vor 70 Jahren gegründete DDR erinnert. Die mehr als 300 Gäste haben Krenz ebenso mit Beifall bedacht wie die Sänger und Musiker für Lieder aus den 40 Jahren DDR und aus Russland.

    „Je weiter wir uns zeitlich vom Ende der DDR entfernen, umso märchenhafter, wirklichkeitsfremder und boshafter werden die offiziellen Ausfälle gegen sie.“ So schätzt Egon Krenz ein, was gegenwärtig politisch und medial über das untergegangene Land gesagt, gezeigt und geschrieben wird. Er war der letzte Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).

    „Geht es nach den Meinungsführern des Politgeschäfts, dann sind die Millionen DDR- Bürger nur noch ein Häuflein gegängelter Kreaturen, eingesperrt hinter einer Mauer, mit einer schrottreifen Wirtschaft, umgeben von Mief und Muff und Spitzeln der Staatssicherheit.“

    Gegen dieses Zerrbild der DDR-Wirklichkeit redete Krenz am Samstag in Berlin an. Er tat das auf einer Festveranstaltung zum 70. Jahrestag der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949. Organisiert und eingeladen in das Freizeitforum Berlin-Marzahn hatte dazu das „DDR-Kabinett“ in Bochum. Es gebe keinen besseren Ort als der Ost-Teil Berlins, der DDR-Hauptstadt war, so Kabinett-Gründer Andreas Maluga gegenüber Sputnik. Auf den Eintrittskarten war der „Palast der Republik“ abgebildet, der aber längst dem Schlossnachbau in Berlins Mitte weichen musste.

    DDR als Alternative

    Zuvor musste die DDR weichen, wie kurze Zeit später die Sowjetunion, ohne die es den zweiten deutschen Staat nicht gegeben hätte. „Die Welt von heute ist ohne Sowjetunion und ohne DDR weder gerechter noch friedlicher geworden“, stellte Krenz fest. In einem politischen und geschichtlichen Rundumschlag ging er auf die DDR ebenso ein wie auf die Folgen ihres Unterganges und der deutschen Einheit seit 1990.

    Die mehr als 300 Teilnehmenden an der Veranstaltung hatten den Nachfolger von Erich Honecker und vorletzten DDR-Staatsratsvorsitzenden mit langem Beifall begrüßt. Den bekam er auch nach seiner Rede. Aus seiner Sicht dominiert seit der Einheit 1990 wieder das antikommunistische DDR-Bild, das in der frühen Bundesrepublik Deutschland in den 1950er Jahren geprägt wurde. An die Aussage von Konrad Adenauer, der Osten Deutschlands müsse „befreit“ werden, erinnerte Krenz ebenso wie daran, dass später viele Bundespolitiker Honecker als Staatsmann lobten.

    In der DDR sei nicht gegen das eigene Volk regiert worden, so der letzte SED-Generalsekretär. „Beim Werden und Wachsen der DDR gab es Siege und Niederlagen, Freude und Enttäuschungen, leider auch Opfer“, stellte er fest. „So sehr ich diese bedaure, bleibt es doch wahr: Die Geschichte der DDR ist keine Kette von Fehlern oder gar Verbrechen. Sie ist vielmehr die Geschichte eines Ausbruchs aus dem ewigen deutschen Kreislauf von Krieg und Krisen, eines Aufbruches für eine tatsächliche Alternative zum Kapitalismus, eine Absage an Faschismus und Rassenhass, Antisemitismus und Russophobie!“

    Der Ex-SED-Generalsekretär und -DDR-Staatsratsvorsitzende Egon Krenz blickte zurück und nach vorn
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Der Ex-SED-Generalsekretär und -DDR-Staatsratsvorsitzende Egon Krenz blickte zurück und nach vorn

    Viel Beifall und wenig Protest

    Laut Krenz wird mit der These von der DDR als „Unrechtsstaat“ abgelenkt, auch davon, dass die politische Führung der heutigen Bundesrepublik zahlreiche gesellschaftliche Probleme nicht löst. Viele Menschen, die in dem zweiten deutschen Staat lebten, hätten sich eng mit diesem verbunden gefühlt. „Deshalb ist die Degradierung der DDR zu einem ‚Unrechtsstaat‘ in vielerlei Hinsicht auch eine Beleidigung derer, die sich für die DDR engagierten. Die DDR wollte nie sein wie die Bundesrepublik Deutschland. Es ist daher auch dumm, sie nach deren Maßstäben zu bewerten.“

    Krenz bekam während seiner fast einstündigen Rede immer wieder Beifall vom Publikum. Das bestand zu großen Teilen aus solchen, die den zweiten deutschen Staat mitaufbauten und in ihm groß wurden. Viele von ihnen hatten einst kleinere und größere Funktionen in der DDR, arbeiteten im SED-Apparat oder bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ), bei NVA und Volkspolizei oder auch beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS).

    Einige wenige Kritiker des untergegangenen Landes hatten sich vor Beginn vor dem Freizeitforum in Marzahn getroffen. Sie empfingen die Gäste der Festveranstaltung mit Schildern, auf denen Losungen wie „Nie wieder Sozialismus!“ oder „Wahlbetrüger“ zu lesen war. Ein Kind hielt ein Schild hoch: „Mein Papa sollte auf Flüchtlinge schießen.“ Lange hielten es diese DDR-Gegner nicht aus, sie zogen ab und vor dem Forum spielten Kinder Krieg, wie eine Teilnehmende beobachtete.

    Erinnerung an Leistungen

    Ex-SED-Chef Krenz zitierte den Dramatiker Heiner Müller, beileibe kein unkritischer Geist aus der DDR. Dieser habe ihm gesagt: „Ein Kadaver kann dem Obduk­tionsbefund nicht widersprechen. Der historische Blick auf die DDR ist von einer moralischen Sichtblende verstellt, die gebraucht wird, um Lücken der eigenen ›moralischen Totalität‹ zu schließen.“

    So forderte Krenz die heute politisch Verantwortlichen in der Bundesrepublik auf, die DDR nicht weiter zu verteufeln. Die dafür eingesetzten Mittel und Ressourcen – „eine ganze Aufarbeitungsindustrie ist damit beschäftigt“ – wären „sinnvoller eingesetzt für eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass“. Er fügte hinzu: „Nazis und Neonazis und die Brunnenvergifter in der AfD sind eine Gefahr für Deutschland, nicht aber das Erbe der Deutschen Demokratischen Republik.“

    Diese sei dagegen „die achtenswerteste Periode in der deutschen Geschichte“, hatte Kabinett-Gründer Maluga aus Bochum zu Beginn der Festveranstaltung erklärt. Er erinnerte daran, dass das untergegangene Land in seiner knapp über 40-jährigen Existenz seinen Bürgern die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte, wie sie die UNO in einer Konvention 1966 festgelegt habe, gewährt habe. Das sei im Grundgesetz der Bundesrepublik nicht zu finden.

    Vom realen Sozialismus lernen

    Maluga verwies ebenso darauf, dass die DDR im Konsum-Vergleich mit der BRD nicht mithalten konnte, was zur Erzählung von der Mangelwirtschaft im Osten gehöre. „Wer sich jedoch in der Welt umgesehen hat, hat einen anderen Maßstab.“  In der DDR habe es keinen Bildungsnotstand gegeben, seien keine Obdachlosen im Winter erfroren und keine Menschen gestorben, weil sie nicht die notwendige medizinische Versorgung bekommen hätten.

    Andreas Maluga vom „DDR-Kabinett“ in Bochum
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Andreas Maluga vom „DDR-Kabinett“ in Bochum

    Auf solche Aspekte machte auch die Portugiesin Elsa Silva, Vertreterin der Kommunistischen Partei Portugals, in ihren Grußworten aufmerksam. In der DDR habe es viele soziale Errungenschaften gegeben, die es in ihrem Heimatland nicht gegeben habe und nicht gebe, so die 44-Jährige. In Portugal habe es bis zur „Nelkenrevolution“ 1974 nur eine vierjährige Schulpflicht gegeben, nannte sie als Beispiel für den Gegensatz. Das habe dazu geführt, dass viele portugiesische Kinder bereits mit zehn Jahren arbeiten gehen gemusst haben.

    Es gehe darum, aus der Geschichte der Arbeiterbewegung und des realen Sozialismus zu lernen – „weil der Kapitalismus keine Zukunft bietet“, betonte Silva. Ähnlich klang es zuvor bei Maluga und Krenz. Ersterer sagte, es gehe darum, in der Geschichte der DDR den „Keim für eine menschliche Gesellschaft“ zu erkennen. Dafür seien diese „40 Jahre gelebte Erfahrung“ wichtig.

    Niederlage statt Scheitern

    Gleichzeitig biete die Erinnerung an die DDR „30 Jahre nach ihrer Zerschlagung für die damaligen Sieger gefährlichen Sprengstoff“. Deshalb werde sie schlecht geredet und werde versucht, ihre positiven Seiten vergessen zu machen. Für Ex-SED-Generalsekretär Krenz ist der Untergang der DDR eine Niederlage, aber kein Scheitern: „Wenn der Sozialismus gescheitert wäre, könnte das bedeuten, dass er auch in Zukunft keine Chance mehr hätte und der Kapitalismus doch das Ende der Geschichte wäre.“

    Krenz zeigte sich sicher, dass es einen neuen Anlauf für eine sozialistische Gesellschaftsordnung geben werde – „wann und wie, das weiß heute niemand“. „Die Erfahrungen der DDR, die positiven wie die negativen, werden dabei aber auf jeden Fall von Bedeutung sein.“ Er rief das Publikum auf, sich dagegen zu wehren, „unser sinnvoll gelebtes Leben in den Schmutz ziehen zu lassen. Tun wir weiter das uns Mögliche, damit nie wieder, wie es in der DDR-Nationalhymne heißt, eine Mutter ihren Sohn beweint.“

    Bei der Hymne des untergangenen Landes zu Beginn der Veranstaltung standen alle auf und viele sangen mit. Das taten sie ebenso bei der „Rotfuchs“-Singegruppe und den meisten russischen Liedern des „DuO Faller“ und der Sängerin Nadeschda Krimskaja. Sie gestalteten den kulturellen Teil mit, ebenso der Schriftsteller Günter Herlt und der Liedermacher Hartmut König, Mitbegründer des „Oktoberklub“.

    „Druschba-Freundschaft“, dieses Lied, das einst beschwor, dass die DDR und die Sowjetunion „immer zusammen“ stehen, erklang unter anderem wieder in Marzahn. Die Sängerin Nadeschda Krimskaja sagte danach: „Auch wenn unsere Länder nicht mehr so heißen, aber wir müssen zusammenhalten für eine gemeinsame friedliche Zukunft.“ Auch dafür gab es langen Beifall.

    Die „RotFuchs“-Singegruppe sang die DDR-Nationalhymne, begleitet von den mehr als 300 Gästen
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    Die „RotFuchs“-Singegruppe sang die DDR-Nationalhymne, begleitet von den mehr als 300 Gästen
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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (94)
    Tags:
    UdSSR, Egon Krenz, Kapitalismus, Untergang, Verbrechen, Geschichte, DDR