10:36 15 November 2019
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    Menschen bei der Berliner Mauer (Archiv)

    Die DDR im Ruhrgebiet: Warum in Bochum an den zweiten deutschen Staat erinnert wird

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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (94)
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    Tief im Westen, da liegt Bochum, mitten im Ruhrgebiet. Dort erinnert das „DDR-Kabinett“ seit etwa zehn Jahren an den zweiten deutschen Staat. Warum er das für notwendig hält, erklärt Initiator Andreas Maluga im Interview. Er beschreibt, wie er und seine Mitstreiter etwas gegen die einseitige Sicht auf die DDR setzen.

    Herr Maluga, Sie sind Direktor, Vorsitzender oder Generalsekretär des „DDR-Kabinetts“ in Bochum. Warum ein „DDR-Kabinett“ im Ruhrgebiet?

    Weil ich es persönlich wichtig fand, die Geschichte der DDR zu erhalten. Ich habe es 1990/91 vor Ort in Nordhausen (Thüringen) mitbekommen, wie dort Geschichte entsorgt worden ist. Alles, was an die DDR erinnert hat, wurde auf den Müll geworfen: Literatur, Auszeichnungen, Uniformen. So ist das Ganze entstanden. Ich habe angefangen, bestimmte Dinge wieder aus den Containern zu holen und in Sicherheit zu bringen. Wenn man damit anfängt, dann ist das eine Kettenreaktion. Man lernt Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen kennen. Dadurch hat sich eine sehr große Sammlung an Dingen entwickelt.

    Irgendwann habe ich mich gefragt: Was mache ich damit? Das hat keinen Sinn, das einfach nur wieder in Lagerräume zu stecken, sondern das muss an die Öffentlichkeit. So haben wir vor fast zehn Jahren mit dem „DDR-Kabinett“ Bochum angefangen, als eine Dauerausstellung zur Geschichte der DDR, die alle Themenbereiche von Freizeit, Schule, Ausbildung, aber auch sämtliche gesellschaftliche Organisationen, die Parteien, ebenso die Nationale Volksarmee, die Volkspolizei umfasst. Wir finden es wichtig, diese Dinge interessierten Menschen zu zeigen. Das wollen wir aber auch inhaltlich füllen. Es geht nicht nur darum, Gegenstände auszustellen, sondern wir wollen das Ganze mit Leben erfüllen. Das machen wir mit regelmäßigen Veranstaltungen zu den unterschiedlichsten Themen, die die DDR betreffen, von Fragen des DDR-Sports bis zu Fragen der Staatssicherheit, der Grenzsicherung. Das schließt kontroverse Themen ein.

    Wie kamen Sie darauf? Hatten Sie vorher selbst etwas mit der DDR zu tun?

    Ich bin ein richtiger Ruhrpottler, wie man bei uns sagt, bin dort geboren, in Bochum. Ich habe die DDR durch Delegationsreisen kennengelernt, war in Weimar, Buchenwald, Leipzig, Erfurt, Dresden. Ich bin sehr bewusst Anfang der 1980er Jahre Mitglied der deutschen Kommunistischen Partei (DKP) geworden. Dadurch habe ich einige Delegations- und Kinderferienreisen in die DDR begleitet und habe dadurch die ersten Kontakte und Freunde in der DDR gefunden.

    Andreas Maluga vom „DDR-Kabinett“ in Bochum am 12. Oktober am Rande der Festveranstaltung zu 70 Jahren DDR-Gründung
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Andreas Maluga vom „DDR-Kabinett“ in Bochum am 12. Oktober am Rande der Festveranstaltung zu 70 Jahren DDR-Gründung

    Wie ist die Resonanz auf das „DDR-Kabinett“ in diesen knapp zehn Jahren? Wie ist der Zuspruch?

    Der Zuspruch ist gleichbleibend hoch. Wir haben regelmäßig Besucher aus den unterschiedlichsten Beweggründen. Dazu gehören Menschen, die ursprünglich aus der DDR kommen und die es ins Ruhrgebiet verschlagen hat, die sich einfach erinnern wollen. Sie freuen sich, wenn sie bestimmte Dinge aus ihrer Kindheit oder Jugend wiedersehen. Zu uns kommen Menschen, auch jüngere, die absoluten keinen Einblick in das Thema haben, die einfach Fragen haben: Warum ist die DDR entstanden? Warum hat es zwei deutsche Staaten gegeben? Manche Besucher interessieren sich für Uniformen, als Sammler und Experten. Wir haben Besucher aus dem Ausland, aus Belgien, aus den Niederlanden, aus Japan. Die japanischen Besucher interessiert in erster Linie das DDR-Design. Sie sind der Meinung, dass es da eine Ähnlichkeit zu dem asiatischen Design besonders in den 70er Jahren gibt. Wir sind sogar in einem japanischen Museumsführer erwähnt.

    Wer heute an die DDR erinnert, dem wird schnell vorgeworfen, er verkläre die DDR. Nun hat die DDR gute, aber auch schwierige und schlechte Seiten gehabt. Wie gehen Sie mit diesem unterschiedlichen Erbe um?

    Es wird ja versucht, die DDR zu reduzieren. Es wird von „SED-Diktatur“ gesprochen, man kommt mit Mauertoten und „Stasi“. Das sind im Prinzip die ständig wiederholten Argumente, als ob die DDR aus nichts anderem bestanden hätte. Wir sind der Meinung, gerade die, die aus dem Westen stammen, können das nie von der gesamtdeutschen Geschichte losgelöst sehen. Wir sagen immer: Wir müssen uns fragen, warum die DDR überhaupt entstanden ist. Was sind die Ursachen dafür?

    Da sagen wir ganz klar und deutlich: Für uns beginnt die Entstehung der DDR nicht am 7. Oktober 1949, sondern eigentlich im Jahr 1933, mit dem deutschen Faschismus. Hätte es den Faschismus und den fürchterlichen Zweiten Weltkrieg mit Millionen Toten nicht gegeben, würden wir diese Frage gar nicht stellen. Was noch wichtig ist: Die Bundesrepublik beschäftigt sich nie mit ihrer eigenen Geschichte und ihren eigenen Fehlern. Wir gucken auf die Staatssicherheit der DDR, auf die Überwachung, bei der die Post mitgelesen wurde. Keiner redet darüber, dass das im Westen genauso passiert ist.

    Geschichte darf nie einseitig betrachtet werden. Man muss immer beide Teile sehen, sowohl das Positive als auch das Negative, und das auch diskutieren.

    Sie hatten nach Berlin, in den Osten der Hauptstadt, der mal Hauptstadt der DDR war, zu einer Festveranstaltung am 12. Oktober eingeladen, aus Anlass des 70. Jahrestages der Gründung der DDR. Wie kam es zu dieser Idee?

    Der Hintergrund ist, dass wir vor acht Jahren mit diesen Erinnerungsveranstaltungen in Bochum angefangen haben. Schon bei der ersten Veranstaltung in den Räumen des „DDR-Kabinetts“ hatten wir so viele Teilnehmer, dass es dort zu eng wurde. Wir mussten dann ausweichen und haben eine große Schulaula gefüllt. Das wurde zu einer Tradition, einmal im Jahr, um den 7. Oktober herum, in Bochum einen DDR-Geburtstag zu feiern, jeweils mit Kulturprogramm und Rednern. Wir haben aber frühzeitig gesagt: Zum 70. Jahrestag gehört solch eine Veranstaltung nicht nach Bochum, sondern in die Hauptstadt, auch in die „Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik“! Wir haben uns schon vor anderthalb Jahren bemüht, entsprechende Räume zu finden und von Bochum aus diese Veranstaltung komplett vorzubereiten.

    Jedes Jahr zeigt sich das „DDR-Kabinett“ aus Bochum am Tag des Sieges, dem 9. Mai, am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Jedes Jahr zeigt sich das „DDR-Kabinett“ aus Bochum am Tag des Sieges, dem 9. Mai, am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow

    Bei der Festveranstaltung am Samstag hat Egon Krenz gesprochen, der letzte SED-Generalsekretär. Wie kam es dazu?

    Das hat eigentlich weniger mit dem 70. Jahrestag der Gründung der DDR zu tun. Egon Krenz hat uns seit Jahren versprochen, eine Veranstaltung in Bochum zu machen. Das ist bisher gescheitert. Daraufhin haben wir gesagt: Wenn wir es nicht schaffen, ihn nach Bochum zu bekommen, dann auf jeden Fall in Berlin. Deshalb ist Egon Krenz als Gast und Redner gekommen.

    *Das „DDR-Kabinett“ präsentiert sich auch im Internet und bietet online zahlreiche Informationen über die DDR.

    Das Interview mit Andreas Maluga zum Nachhören:

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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (94)
    Tags:
    Veranstaltung, Geschichte, Erinnerungen, Bochum, Deutschland, DDR