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11:47 13 November 2019
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    Ausgerechnet im Jubiläumsjahr: Letzter Wachturm der Berliner Mauer soll verschwinden

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    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (93)
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    30 Jahre Mauerfall und ganz Berlin ist im Taumel. Ganz Berlin? Ausgerechnet an einem einmaligen historischen Mauerbauwerk wird nicht gefeiert. Der letzte erhaltene Wachturm der Berliner Grenzanlagen soll verschwinden. Der Historiker Jörg Moser-Metius stemmt sich dagegen an. In der Berliner Verwaltung fühlt sich niemand zuständig.

    So etwas kann es wohl nur in Berlin geben. Die ehemalige Mauerstadt reißt erst alles ab, um dann für viel Geld die Geschichte der Mauer, die die Stadt 28 Jahre lang teilte, virtuell und anhand weniger noch erhaltener Schauplätze neu zu erzählen. Von den über 160 Kilometern Mauer gibt es nur noch wenige zusammenhängende Stücke. Und von dem ehemals über 300 Wachtürmen gibt es noch genau drei. Zwei der neueren Generation, die ab 1975 entlang der Mauer standen, stehen an der Bernauer Straße und am Checkpoint Charlie.

    Von der ersten Generation der Wehrtürme, die ab 1966 im Einsatz waren, gibt es nur noch ein einziges Exemplar. Dieses steht in einer Seitengasse beim Potsdamer Platz. Man muss schon wissen, wo man suchen muss, um den knapp zehn Meter hohen Wachturm zu finden auf der kleinen Erna-Berger-Straße im Schatten der Wolkenkratzer. Trotzdem ist der Originalturm beliebt bei Touristen und hat es auf der Website „TripAdvisor“ unter die 50 beliebtesten Sehenswürdigkeiten Berlins geschafft.

    Potsdamer Platz in den 1980er Jahren mit Hinterlandsmauer, Todesstreifen und Grenzmauer. Rechts gekennzeichnet der DDR-Wachturm
    © Foto : berlinwallexpo/H. Pastor
    Potsdamer Platz in den 1980er Jahren mit Hinterlandsmauer, Todesstreifen und Grenzmauer. Rechts gekennzeichnet der DDR-Wachturm

    Goldgräberstimmung am Potsdamer Platz

    Blick auf den zerstörten Palast der Republik (Archiv)
    © AP Photo / Markus Schreiber
    Bis dahin war es ein weiter Weg. Zunächst stand der Turm in den 1990er Jahren unbeachtet auf einer Baubrache und gammelte vor sich hin. Die meisten anderen Wachtürme wurden in der Zeit von der Stadt und von Investoren zusammen mit der Mauer weggerissen. Es herrschte Goldgräberstimmung in Berlin. Durch den Fall der Mauer wurden Hunderte Quadratkilometer zentralen Baulandes frei. Ein besonders spektakuläres Filetstück war der Potsdamer Platz.

    Nach dem zweiten Weltkrieg zerstört und leergeräumt, bliebt der Platz nach dem Bau der Mauer 1961 eine Brache. Hier wurde zuerst die sogenannte Hinterlandsmauer gebaut und später die allgemein als Berliner Mauer bekannte Grenze zu Westberlin. Dazwischen war eine circa 250 Meter breite grüne Wiese, der Todesstreifen mit Panzersperren und anderen Elementen zur Fluchtverhinderung. Überblickt werden konnte die Speerzone rund um die Uhr von den achteckigen „Rundblickbeo­bachtungs­türmen“, die die Mauer überragten und so den Überblick Richtung Osten und Westen ermöglichten.

    „Keiner kennt die Straße“

    Der Wachturm vom Potsdamer Platz wurde vor rund zehn Jahren vorläufig gerettet. Jörg Moser-Metius kam Mitte der 1970er Jahre nach Berlin, um Theaterwissenschaft und Geschichte zu studieren. Die Mauer hat den Historiker schon immer interessiert. Den Mauerfall erlebte er live am Brandenburger Tor. 2010 entdeckte Moser-Metius den inzwischen schon recht verfallenen Turm und begann sich für dessen Geschichte zu interessieren. „Dieser Wachturm stand fast als eine Ruine hinter diesen Bäumen versteckt. Ich habe das jahrelang beobachtet und dann irgendwann recherchiert, wer der Eigentümer ist: Bezirksamt Mitte. Die sagten, sie kennen das Problem, aber keiner kennt die Straße, keiner kennt den Wachturm und Geld haben wir auch nicht.“, erzählt der Historiker im Sputnik-Interview.

    Der letzte seiner Art

    Moser-Metius fand heraus, dass der Wachturm der letzte seiner Art ist. Einmal Feuer gefangen, mobilisierte der Historiker Mittel und Wege, den Turm mit Hilfe von Sponsoren, aber auch mit eigenen Mitteln zu renovieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Insgesamt steckte er 50.000 bis 60.000 Euro in die Sanierung. Vier Monate lang wurden Strom- und Telefonleitungen, Suchscheinwerfer und Fassade erneuert. Seit 2013 ist der denkmalgerecht restaurierte Turm zu besichtigen. Der BT6, wie dieses Wachturmmodell offiziell hieß, steht in den internationalen Berlin-Reiseführern und wird trotz der versteckten Lage immer wieder von Touristen gefunden und besichtigt. Damit soll ab 2020 Schluss sein. Dann nämlich verwandelt sich die Ecke, wo der Turm steht, in eine Baustelle. Ausgerechnet das Bundesinnenministerium wird hier ein Gebäude bauen lassen. Im Moment ist der Plan der Bauherren, den Turm ab Beginn der Bauarbeiten im Januar nächsten Jahres einzuhausen. Das würde aber quasi das Ende des Turms bedeuten, wie Moser-Metius vermutet: „Darin wird er verrotten und auf unabsehbare Zeit der Öffentlichkeit entzogen.“

    Knochenjob im Winter, wie Sommer

    Unten rund, oben achteckig führen im Inneren des im Durchmesser vielleicht zwei Meter breiten Turms zwei eiserne Leitern die rund zehn Meter nach oben. Im Aussichtsbereich saßen oder standen zwei DDR-Grenzbeamte eher unbequem in jeweils 8-Stunden-Schichten und überblickten das Grenzgelände. Es war ein Knochenjob: Im Winter war es eiskalt, im Sommer brüllendheiß und meist war es trotz der gefährlichen Bestimmung des Turms langweilig. Im Falle einer Flucht hatten die Soldaten jedoch Schießbefehl. Allerdings kam es wohl genau hier an diesem Turm wohl nie dazu, zumindest hat der Historiker dazu nichts gefunden in den Archiven.

    Die Mauer ist weg - der Turm soll bleiben

    Moser-Metius hat mit dem Thema „Mauer“ einen Teil seiner Lebensbestimmung gefunden und vermittelt sein Wissen unter anderem auch über die große Open-Air-Ausstellung „Berlin Wall Exhibition“, die von ihm kuratiert wurde. Seit dem 7. Oktober kann man gegenüber dem Einkaufstempel „Mall of Berlin“ die Geschichte der Berliner Mauer von ihrem Bau bis zum Abriss noch einmal detailgetreu auf großen Schautafeln nachvollziehen. Hier steht auch ein etwas kleineres Pappmodell des Wachturms.

    Für den Erhalt des Originals pendelt Moser-Metius seit einem halben Jahr zwischen Denkmalschutzbehörde und Bezirksamt Mitte. Niemand fühlt sich für den weiteren Verbleib und Erhalt des historischen Wachturms zuständig. Der Historiker erwägt nun, im Internet über eine Petition Aufmerksamkeit und Unterstützung zu erzeugen. Moser-Metius ist überzeugt, dass der Turm nach Abschluss der Bauarbeiten nie wieder eröffnet wird, wenn er denn die Einmottung überhaupt unbeschadet übersteht. Der Turm würde so nah an dem neuen Ministeriumsgebäude stehen, dass dies wohl sowohl bautechnisch, als auch optisch untragbar wäre. „Außerdem möchte niemand so einen Turm vor der eigenen Haustür haben“, sagt Moser-Metius. Sein Ziel ist es, in unmittelbarer Nähe, also im historischen Grenzgebiet zwischen Potsdamer und Leipziger Platz, möglichst auf einer Freifläche einen endgültigen, würdigen Platz, für den Turm zu finden. Konkrete Vorschläge und Ideen hat der Historiker bereits präsentiert. Jetzt muss sich nur die Stadt bewegen. Möglichst vor Januar 2020, wenn der Turm unter einer Holzverschalung verschwindet.

    Moser-Metius appelliert: „Wir haben nächstes Jahr 30 Jahre Deutsche Wiedervereinigung und dann ein Relikt der Berliner Mauer von solch einer Authentizität abzuräumen, ist einfach unfassbar.“

    Themen:
    DDR 1989 – Erst Feier zum 40. Jahrestag, dann "Mauerfall" und Untergang (93)
    Tags:
    30 Jahre Mauerfall, Berliner Mauer, Bewachung, Grenze, DDR
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