20:34 14 November 2019
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    Proteste in Barcelona am 15. Oktober 2019

    Hunderte Verletzte: Darum entlädt sich die Wut der Katalanen auf die Polizei

    © REUTERS / Juan Medina
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    Das Hafturteil gegen die Organisatoren des Unabhängigkeitsreferendums in Katalonien hat die politische Krise in Spanien verschärft. In den größten Städten der nordspanischen Region gingen die Menschen auf die Straße, in Barcelona blockierten die Protestierenden den Flughafen. Weder Polizeiknüppel noch Gummigeschosse konnten sie aufhalten.

    Die Anstifter der Massenunruhen versprechen, dass die Lage weiter eskalieren wird.

    Ungerechte Urteile

    Für großen Unmut unter den Anhängern der katalanischen Unabhängigkeit sorgten die Urteile von Spaniens Oberstem Gericht gegen die Anführer der separatistischen Bewegung, die vor zwei Jahren Katalonien abspalten wollten. Neun Angeklagte wurden wegen „Anstiftung zur Rebellion“ und „Unterschlagung von Staatseigentum“ verurteilt.

    Das härteste Urteil traf den früheren stellvertretenden Regionalpräsidenten Oriol Junqueras – 13 Jahre Haft. Die Klägerseite forderte sogar 25 Jahre.

    Die ehemaligen Berater der katalanischen Regierung, Raül Romeva, Jordi Turull und Dolors Bassa, wurden zu jeweils zwölf Jahren Haft verurteilt. Neun bis 11,5 Jahre Haft bekamen der ehemalige Parlamentsvorsitzende und mehrere Anführer der Proteste. Drei weitere ehemalige Regierungsmitglieder wurden wegen Ungehorsam zu Geldstrafen in Höhe von 60.000 Euro verurteilt.

    Die Richter weigerten sich, der Position der Staatsanwaltschaft zu folgen, die auf dem Klagepunkt „Organisation eines Aufstands“ beharrte, was bis zu 25 Jahren Haft bedeuten kann. Die meisten kamen aber mit milderen Strafen davon.

    Allerdings ist es noch nicht das Ende. Ein Teil der Gerichtsverfahren wird vom Obersten Gericht Kataloniens behandelt. Anfang des kommenden Jahres sollen weitere katalanische Politiker vor Gericht gestellt werden.

    Die Anhänger der Unabhängigkeit Kataloniens sind der Ansicht, dass die Verurteilten nur den Willen des Volkes erfüllten, das 2017 beim Referendum beschloss, sich von Spanien abzuspalten. An dem Referendum nahmen 40 Prozent der Katalanen teil. 90 Prozent von ihnen stimmten für die Unabhängigkeit.

    Protest-Tsunami

    Auf den Straßen von Barcelona versammelten sich Tausende Protestierende. Mit katalanischen Flaggen und Plakaten mit den Maximen „Freiheit“, „Unser Urteil – Ungehorsam“, „Wir wissen, dass sie nicht schuldig sind“. In den Straßen wird auch gesungen – „Bella Ciao“, ein spanisches Volkslied, das einst ein Symbol des antifaschistischen Widerstands war.

    Die Demonstranten blockierten die Straßen, es wurden Barrikaden errichtet. Einige U-Bahn-Stationen wurden gesperrt, der Bahnverkehr wurde zum Teil unterbrochen.

    Zentrum der Unruhen war der Flughafen Barcelona-El Prat. Polizisten versuchten mit Knüppeln, die Menschenmenge zu stoppen, die sich zu den Terminals bewegte. Mehr als 130 Menschen mussten nach den Auseinandersetzungen medizinisch versorgt werden. Wegen der Unruhen mussten viele Flüge verschoben werden.

    Die Verantwortung für die Aktionen übernahm die Organisation Tsunami Democratic. Die Bewegung hat keine sichtbaren Anführer. Informationen werden via Messengers, anonyme Chats, Twitter, Instagram und eine geschlossene Facebook-Gruppe verschickt.

    Die Aktionen sollen am 17. und 18. Oktober fortgesetzt werden. „Einige meiner Bekannten, die mit Tsunami verbunden sind, sagen, dass sie ihr Ziel auch mit offenen bewaffneten Zusammenstößen anstreben werden“, sagte der Russe Georgi, der seit sechs Jahren mit seiner Familie in Barcelona lebt. „Der Flughafen ist erst der Beginn, die wichtigsten Veranstaltungen sind am Freitag zu erwarten. Konkretes wissen nur die Anführer der Bewegung, einfache Mitglieder erfahren die Einzelheiten im letzten Moment.“

    Nichts Gutes

    „Die einheimische Bevölkerung spielt verrückt“, beschreibt der Vorsteher einer orthodoxen Kirche in Barcelona, Vater Serafim, die Situation. Katalonien sei ohnehin die reichste Region Spaniens, doch sie fühlten sich zurückversetzt oder beleidigt, obwohl die Situation in den benachbarten Gebieten viel schlechter sei.

    Allerdings könne man die Protestierenden verstehen. Hohe Steuern belasteten sie, besonders einfache Landwirte, so Serafim.

    Der Wunsch nach Abtrennung manifestierte sich in Katalonien vor allem zwischen 2013 und 2014. Damals warfen die Politiker, die zunehmend den Zuspruch der Katalanen verloren, die schwere Lage der Zentralregierung vor – damals hieß es, dass Madrid Geld aus der wohlhabenden Region abpumpe.

    Laut Vater Serafim verstehen gebildete Spanier, dass die Abspaltung zu nichts Gutem führen werde. Der Russe Georgi teilt ebenfalls diese Besorgnisse. „Die Mittelschicht ist vorwiegend gegen die Entwicklung. Darunter am Flughafen, denn das bedroht das Geschäft, das dank dem Tourismus existiert“, so Georgi. Ihm zufolge haben viele Katalanen Mitgefühl für die zu langen Haftstrafen Verurteilten, doch sie sind nicht bereit, zu protestieren.

    Dennoch zeigen Umfrageergebnisse, dass in den vergangenen fünf bzw. sieben Jahren 45-55 Prozent der katalanischen Bevölkerung für die Abspaltung von Spanien sind. „Es gibt tatsächlich viele Anhänger dieser Idee, jedes Jahr halten sie lautstarke Aktionen ab“, sagte Georgi Filatow, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für spanische und portugiesische Studien des Instituts für allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften. Ihm zufolge ist das Urteil des Obersten Gerichts einfach ein weiterer Anlass, auf die Straße zu gehen.

    Während die Antriebskraft der Unabhängigkeitsbewegung anfänglich wirtschaftliche Probleme waren, ist es mittlerweile eine politische Frage: „In diese Idee wurde viel Kraft investiert, ihre Anhänger tun sich schwer, von ihr Abstand zu nehmen.“

    Ob die Proteste das Verhalten Madrids gegenüber den verurteilten katalanischen Politikern ändern werden, ist schwer zu sagen. Wenn sich die Demonstrationen in die Länge ziehen und die Städte lahmlegen, könnte die Zentralregierung Zugeständnisse machen. Zudem gehören zu den linken Republikanern Kataloniens – den Anhängern der Unabhängigkeit – auch jene, die zur Zusammenarbeit mit Madrid bereit sind. „Doch jetzt, da ihr Anführer Oriol Junqueras zu 13 Jahren verurteilt wurde, überlegen sie es sich wohl, ob sie Verhandlungen mit jenen aufnehmen sollen, die solche Repressalien umsetzen“, so Filatow.

    Auf jeden Fall will die Zentralregierung in Madrid die Situation unter Kontrolle nehmen. Die Fortsetzung der angekündigten Proteste am Wochenende könnte dazu führen, dass unschöne Bilder von einer brutalen Zerschlagung der Demonstrationen um die Welt gehen.

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