00:38 22 November 2019
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    Goldbarren und -münzen unterschiedlicher Nationalbanken (Symbolbild)

    Von Thors Hammer zur Weltwährung: Die blutige und glitzernde Geschichte des Goldes – Zeitschrift

    © AFP 2019 / PAUL FAITH
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    „Das Gold der Wikinger“, „Die Herren der Goldringe“ oder „Ihr tötet sie, um Gold zu gewinnen“ – Das sind Themen aus dem aktuellen Sonderheft des Magazins „Spektrum der Wissenschaft“ über die lange Geschichte des begehrten Edelmetalls. Die ist untrennbar mit dem Weg der Menschheit durch die Jahrtausende verbunden – im Guten wie im Schlechten.

    Experten der Geologie schätzen „die Gesamtmenge des geförderten Goldes seit Beginn der Zivilisation auf 178.100 Tonnen, von denen 85 Prozent noch immer in Gebrauch sind.“ Solche Informationen lassen sich im neuen Spezial-Heft des populärwissenschaftlichen Magazins „Spektrum der Wissenschaft“ (Ausgabe 3.19, Herbst 2019) zum Thema „Gold“ finden. Der Begriff Gold „wurzelt im indogermanischen ‚ghel‘ für glänzend oder gelb. Und auch die lateinische Bezeichnung ‚aurum‘ bedeutete ursprünglich ‚das Leuchtende‘.“

    Gold entstand naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge „letztlich in den Sternen“, durch Supernova-Explosionen. „Als die Erde noch ein glutflüssiger Himmelskörper war, sank das Edelmetall aufgrund seines Gewichts in den Planetenkern ab. Durch vulkanische Prozesse stieg ein Teil davon in die sich bildende Erdkruste auf. Eine weitere Goldquelle waren Meteoriteneinschläge. Bei der späteren Auffaltung von Gebirgen bildeten Einschlüsse die primären Lagerstätten des Berggolds. Durch Verwitterung gelangte solches Gestein in Flüsse, wo größere Gold-Nuggets mit der Zeit zu winzigen Goldflittern zerrieben wurden. (…) Auch Meerwasser enthält Gold.“

    Um aus Gold Schmuckstücke zu fertigen, wurde das Edelmetall häufig mit Kupfer oder Silber legiert, also gemischt. „Auch in der Medizin wurde Gold verwendet. So fertigten die Etrusker daraus Zahnprothesen. In Ägypten sollte seine Einnahme Geist und Körper heilen.“ Auch die politische Dimension des Goldes wird im Heft wiederholt hervorgehoben: „Seiner ungewöhnlichen Eigenschaften wegen schätzen gesellschaftliche Eliten das seltene Metall seit mehr als 8000 Jahren“.

    Seit Urzeiten: Gold-Mächte der Vergangenheit

    Im untergegangenen Mesopotamien und in den heutigen Staaten Iran und Afghanistan gibt es laut der Zeitschrift archäologische Hinweise auf historisch sehr frühe Goldnutzung. „In der Umgebung des heutigen afghanischen Ortes Sar-e Sang hat man seit dem vierten Jahrtausend v. Chr. Gold abgebaut und wohl den gesamten vorderasiatischen Raum damit beliefert.“

    Übrigens: „Am Schwarzen Meer entstanden um 4600 v. Chr. die ersten Goldobjekte der Geschichte. Warum gerade dort, das war bis vor kurzem noch ein Rätsel. Nun haben Forscher den Ursprung der Goldmetallurgie aufgeklärt. (…) Das erste bekannte Gold der Welt stammt weder aus Ägypten noch Mesopotamien, sondern aus Warna an der bulgarischen Schwarzmeerküste. (…) Vor rund 7000 Jahren wurden (aus den dortigen, Anm. d. Red.) Bauern die ersten Metallurgen Europas. Mit ihnen brach eine neue Epoche in der Technologiegeschichte des Menschen an, die so genannte Kupferzeit.“

    Die Herrscher in der nachfolgenden Epoche, der Bronzezeit, bedienten sich „im östlichen Mittelmeerraum und in Vorderasien (den Ägyptern, Anm. d. Red.) ähnlicher Motive, um Status und Macht sichtbar zu machen. Hinzu kommt: Mit Goldblechen verzierte Gegenstände und Waffen waren als Geschenke zwischen den Herrschern ziemlich beliebt.“ Demnach waren Syrien und vor allem die Levante – das heutige Libanon gehört zu dieser Region – während der Bronzezeit „eine zentrale Drehscheibe für den Kulturaustausch“ gewesen. Dies beschreibt die Ägyptologin Julia Bertsch aus Tübingen im Heft.

    „Schickt mir Gold!“, schrieb beispielsweise vor 3300 Jahren ein König aus der Levante an den ägyptischen Pharao.
    Die goldene Totenmaske des Tutanchamun im Ägyptischen Museum Kairo
    © Sputnik / Dmitrij Korobejnikow
    Die goldene Totenmaske des Tutanchamun im Ägyptischen Museum Kairo

    Unvergessen bleibt auch die Entdeckung ägyptischer Goldschätze in der Neuzeit, als beispielsweise 1922 der britische Archäologe Howard Carter „das Grab von Pharao Tutanchamun entdeckte. Prächtig waren die Schätze, der goldene Sarkophag, der vergoldete Thron, die goldene Totenmaske.“

    Mit „Thors Hammer“ geschmiedet: Das Gold der Wikinger

    In Skandinavien und Nordeuropa gilt und galt Gold auch seit jeher als Zeichen der Macht. „Goldschmuck kennzeichnete den erfolgreichen Wikinger-Krieger ebenso wie den treuen Gefolgsmann seines Königs – das verraten Überlieferungen und Grabbeigaben. (…) Glanz, Farbe und Seltenheit machten Gold zu einem sozialen und politischen Statussymbol. Auch die Feinschmiede der Wikinger, die es zu verarbeiten wussten, genossen hohe gesellschaftliche Anerkennung.“

    Goldfunde in Deutschland aus der Wikingerzeit seien bis heute keine Seltenheit:Demnach stieß 1905 eine Frau auf der Ostsee-Insel Usedom auf den „Schatz von Peenemünde: Schmuck, Münzen und Edelmetallbarren.“ Konkret fand sie: „Zwei goldene Armringe und das Fragment eines weiteren Rings.“ Später entdeckten Archäologen an gleicher Stelle „noch einmal fünf solcher Objekte“ aus Gold.

    Bedeutend sind laut „Spektrum der Wissenschaft“ auch die goldenen Ringe der Wikinger. Sie galten damals als sozial anerkannte Symbole. Historikern zufolge erkannte das „Gefolge der schwedischen Königin Sigrid (starb im Jahr 1014) einen Ring, den ihr der norwegische König Olav Tryggvason (regierte von 995 bis 1000) als Verlobungsgeschenk gesandt hatte, als Fälschung aus vergoldetem Kupfer. Die Heirat kam nicht zustande! (…) Einen besonderen Stellenwert genossen aus Gold geschmiedete Ringe. Sie gehörten oft den Göttern und brachten ihren Besitzern Glück oder Unglück. (…) Der Ring Draupnir symbolisierte der Sage nach Reichtum und Überfluss, tropften doch in jeder neunten Nacht acht neue Ringe von ihm ab. Der magische Ring galt als Attribut Odins, des Herrn der Götter. Zwerge hatten ihn geschmiedet, gemeinsam mit Thors Hammer und dem goldenen Eber, der den Wagen des Naturgottes Freyr zog.“

    Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben nordische Legenden wie diese auch spätere Literaturklassiker wie „Herr Der Ringe“ inspiriert. Dazu liefert die Zeitschrift einen passenden Beitrag zu Flussgold am und im Rhein: „Ein Ring der Macht, geschmiedet aus Rheingold? Mehr als 80 Jahre vor J. R. R. Tolkien verwendete schon Richard Wagner dieses Motiv in seinem Opernzyklus ‚Der Ring der Nibelungen‘. Dem Zwerg Alberich gelingt es, den magischen Reif zu formen. Er unterwirft das Volk der Nibelungen und verfügt damit über deren immensen Goldschatz.“ Dabei sei Gold im Fluss Rhein kein Mythos, sondern real, wie Jahrhunderte vor dem Komponisten Wagner „schon die Kelten und Römer wussten.“ Außerdem „ist anzunehmen, dass Römer und Germanen am Oberrhein Gold gewaschen haben, schriftliche Belege dafür fehlen aber.“

    Wie Troja-Entdecker Schliemann einst Gold fand

    Auch der berühmte deutsche Archäologe und Abenteurer Heinrich Schliemann, der ab 1870 Troja im Gebiet der heutigen Türkei entdeckt hatte, wird in der Zeitschrift prominent erwähnt: „Penibel dokumentierte Schliemann seine Grabungen in Mykene, die er 1878 (…) veröffentlichte. 1876 setzte er auf dem Peloponnes den Spaten an und wurde bald mit spektakulären Goldfunden belohnt.“

    Dem Magazin zufolge ist es denkbar, dass die griechischen „Mykener Gold aus Westeuropa über Italien importierten. Außerdem bezeugen die Goldauflagen der berühmten Himmelsscheibe von Nebra, dass bereits in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. Flussgold aus Cornwall in England nach Mitteleuropa gelangte.“

    Die Himmelsscheibe von Nebra, die der Fachwelt immer noch viele ungelöste Fragen aufgibt, ist übrigens im Landesmuseum für Vorgeschichte der Stadt Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt zu sehen.

    Mord und Genozid: Das Edelmetall und Europas Kolonialmächte

    Am Gold klebt leider auch das Blut der Menschheit. Unzählige brutale Kriege wurden um den Rohstoff geführt, auch die Kolonialzeit und der Sklavenhandel sind ohne das Edelmetall nicht zu denken. Wie westliche Konzerne heutzutage Rohstoff-Kriege in Afrika „am Laufen halten“, um die dortigen Bodenschätze billig einzusammeln, erklärte der preisgekrönte Dokumentarfilmer Milo Rau aus der Schweiz in einem früheren Sputnik-Interview.

    Vor allem die europäischen Kolonialmächte schrieben in ihrer Blütezeit eines der blutigsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Damals fuhren die Flotten der Herrscher Europas über die Weltmeere zu fremden Ländern und Territorien, um die dortige Bevölkerung zu versklaven oder abzuschlachten – und so eben die dort vorhandenen Rohstoffe und Schätze der Völker zu plündern. „Die Hoffnung auf schnellen Reichtum lockte tausende Konquistadoren auf die Karibikinsel Hispaniola. Wenige Jahrzehnte später war deren Urbevölkerung fast ausgerottet.“

    Der Münchner Autor und Historiker Jörg Denzer zitiert im Heft den vermeintlichen „Amerika-Entdecker“ Christoph Kolumbus. Dieser hatte für die katholischen Könige Spaniens den Ozean überquert und notierte in sein Bordbuch kurz nach Landgang: „Ein älterer Eingeborener brachte zwei Klumpen Gold – jeder eine Unze (etwa 30 Gramm) schwer – und bat dafür nur um ein Glöckchen.“

    In der Folge kam es in den europäisch besetzen Überseekolonien – in der Karibik, in Südamerika und an vielen anderen Orten der Erde – zu Massenmorden, Plünderungen, dem Abbrennen ganzer Dörfer, Städte und Landstriche sowie zu genozid-artigen Säuberungen. „Den Indianern zufolge hatten sie (die Europäer, Anm. d. Red.) Gold geraubt und Frauen vergewaltigt.“ Mit diesen Worten berichtete der Theologe und Chronist Pietro Martire im 16. Jahrhundert der spanischen Krone über Gräueltaten aus der Karibik. Die spanischen Konquistadoren „verübten jede mögliche Gewalttat. Sie raubten und schändeten die Frauen vor den Augen der Eltern, Brüder, Männer und versetzten so die Einwohner in Unruhe.“

    Die Folge: „Aus freien Menschen waren Sklaven geworden.“ Diese historische Bürde und Last tragen Europa sowie ehemalige Kolonialgebiete wie Lateinamerika bis heute. Doch nach und nach erreichten Informationen über die ungeheuerlichen Zustände auf Haiti den spanischen Hof, die Pietro Martire „schockiert notierte.“ Erst im Jahre 1542 ordnete die Krone ein Gesetz an zur „Befreiung aller indianischen Sklaven“. Dieser Schutz galt allerdings nicht für afrikanische Sklaven. Diese konnten weiterhin – auch mit Gold – auf Menschenmärkten „gekauft“ werden. Der Preis für einen Sklaven aus Afrika lag damals zwischen „45 und 90“ goldenen Dukaten.

    Neuzeit: Gold-Standard für Währungen

    Mit dem Aufkommen und Erstarken moderner Nationalstaaten wie dem Deutschen Reich, Frankreich, Großbritannien oder den USA wurde im 19. Jahrhundert das „Netz der Handelsbeziehungen zwischen den Staaten“ immer enger. Es „verlangte nach einer gemeinsamen Grundlage für den Austausch von Währungen. Was könnte verlässlicher sein als Gold?“. Das schreibt im Spezial-Heft der Historiker Michael North von der Universität Greifswald zum Gold-Standard, der in jener Zeit aufkam.

    „In den 1890er Jahren waren die Industrieländer zu einem Goldstandard übergegangen.“ Zuvor „war England unbeabsichtigt zu einer Goldwährung übergegangen“, bei der das Pfund als damalige Weltleitwährung „einer festen Menge des Edelmetalls entsprach. (…) Außerdem war die Bank of England seit 1821 verpflichtet, auch Papier-Noten gegen Goldmünzen einzulösen. (…) In den meisten Staaten des Deutschen Bundes galten ebenfalls Silberwährungen, auf die Gründung des Deutschen Reichs 1871 aber folgte der Wechsel: Deutschland prägte eine Reichsgoldmünze zu 20 Mark (…) und setzte die alten Landeswährungen zum ersten Januar 1876 außer Kraft. Nahezu gleichzeitig mit Deutschland führten die Niederlande und die skandinavischen Länder die Goldwährung ein. (…) Als sich auch Österreich-Ungarn und Russland (kurz vor 1900, Anm. d. Red.) zum Wechsel durchrangen, bildete Gold nunmehr weltweit die Basis der internationalen Währungsordnung.“ Einige Zeit später konnte gesagt werden: „Alle Wechselkurse orientierten sich nun am US-Dollar, der in Gold einlösbar war.“

    Diese Gold-Währungsordnung begann jedoch Mitte des 20. Jahrhunderts nach den Wirren der beiden Weltkriege und dem Börsen-Crash von 1929 zu zerbröckeln. Letztlich zerfiel das weltweit goldgedeckte Währungssystem nach 1971. Damals entschied die US-Regierung finanzpolitisch, den Gold-Standard für ihre Weltleitwährung Dollar zu beenden. „Die europäischen Staaten waren nicht länger bereit, den Dollar-Kurs mit Stützungskäufen zu stabilisieren. Sie gaben ihre Währungen frei und überließen sie den Kapitalmärkten.“ Diese Situation besteht bis zum heutigen Tag – und hat laut vielen kritischen Ökonomen auch die Finanz- und Währungskrisen der letzten Jahrzehnte befeuert. Aktuell werden allerdings die weltweiten Forderungen nach der Wiedereinführung des Gold-Standards – selbst in den USA – wieder lauter.

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    Tags:
    Viking, "Herr der Ringe", John Ronald Tolkien, Afrika, Neukolonialismus, Kolonialpolitik, Kolonialmacht, Frankreich, England, Genozid, Europa, Gold