01:09 21 November 2019
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    Der sowjetische und russische Schriftsteller Daniil Granin (Archivbild)

    Die Geschichte einer deutsch-russischen Versöhnung: 100 Jahre Daniil Granin

    © Sputnik / Rudolf Kutscherow
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    Soldat, lebenslustiger Mensch, Vater und einer der größten Kriegsautoren Russlands: Daniil Granin hätte in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert. Zwei Jahre nach seinem Tod ist der Schriftsteller alles andere als vergessen. Bei einer Konferenz am Dienstag in Berlin wurde der Name Granins in Erinnerung gerufen.

    Tränen flossen und es wurde gelacht. Die Konferenz „Granin und Deutschland: Der schwierige Weg zur Versöhnung“ fand am Dienstag im Deutsch-Russischen Museum Karlshorst statt. Dabei haben die Vortragenden sich nicht nur an Granin erinnert, sondern auch an seine größten Errungenschaften – an seinen Kampf gegen die Wehrmacht, gegen die Zensur und auch gegen seine eigenen Vorurteile.

    Anwesend war auch seine Tochter – Marina Tschernyschewa-Granina. Als Direktorin der Stiftung zur Bewahrung und Popularisierung des Erbes von Daniil Granin leitete sie die Tagung.

    Granin als Schriftsteller in Deutschland

    Die ersten deutschen Ausgaben von Granins Büchern erschienen im Verlag „Volk und Welt“. Der leitende Lektor des Verlages, Leonhard Kossuth, war ebenfalls bei der Tagung anwesend.  In seinen Augen ist Granins Literatur irgendwann sogar zum „Rückgrat eines Verlag-Plans geworden“.

    „Nach der Wende war es schwer für russische Literatur“, meinte Marlies Juhnke, eine Vertreterin des „Aufbau“ Verlags, rückblickend. Für eine gewisse Zeit habe die Zukunft von Granins Werken in Deutschland verschwommen ausgesehen. Durch seine Rede im Bundestag gewann Granin  jedoch wieder an Popularität. Dadurch konnte Juhnke  ihren Chef überzeugen: Das Buch „Mein Leutnant“ wurde 2014 erstmals in deutscher Sprache publiziert. Das Einzige, was gefehlt habe, sei ein Vorwort gewesen, um dem Buch einen möglichst attraktiven Wert zu geben. Dazu habe sich dann Helmut Schmidt bereiterklärt. Die Reaktionen der gesamtdeutschen Presse seien durchweg positiv gewesen.

    Doch da hörte es nicht auf: Als nächstes erschien die Neu-Übersetzung von dem „Blockadenbuch“ in einer unzensierten Fassung im „Aufbau Verlag“. In kleinster Feinarbeit hätten sie die übersetzte Fassung vom „Volk und Welt“ Verlag mit der unzensierten russischen Version des Buches verglichen. Ganze 80 neue Seiten habe man schließlich in die deutsche Ausgabe aufgenommen. Die Bemühungen stellten sich als lohnenswert heraus: Alles, was sie gedruckt hätten, sei auch verkauft worden, berichtete Juhnke.

    Die Popularität von Granin in Russland ist ebenfalls unverkennbar. Die Bibliothek-Expertin Elena Lerman sprach von 69 russischen Ausgaben seiner Werke. Sie stelle sich jedoch öfter die Frage, was davon übrig bleiben werde und ob Granin ein Autor sei, den man auch künftig lesen werde. Mit konstruktiven Vorschlägen wolle sie vor allem die jüngeren Generationen dazu bewegen, den Schriftsteller in Erinnerung zu behalten. Eine Idee wäre beispielsweise, einen Preis im Namen von Daniil Granin einzuführen, welcher an junge, talentierte Autoren vergeben werden könnte.

    Das Blockadenbuch und Granins Kriegserfahrungen

    Das „Blockadenbuch“ beschreibt aus verschiedenen Perspektiven den fürchterlichen Alltag während der 900-tägigen Blockade von Leningrad. Granin zögert nicht, die schlimmsten Seiten dieser historischen Katastrophe aufzunehmen: Er schreibt über den quälenden Hunger, die Verzweiflung und den Kannibalismus. In seiner berühmten Rede im Bundestag 2014 sprach er ebenfalls über die Ereignisse der Blockade Leningrads. Dieser Moment wurde immer wieder von den Rednern groß hervorgehoben, denn Granin sei zu dieser Tagung ohne Vorurteile und ohne Anschuldigungen gekommen. Er habe nur seine Erfahrungen als Soldat geschildert, erklärte der Autor.

    Der Professor der Europäischen Universität in St. Petersburg, Nikita Lomagin, fasste seine Forschungen zu den Tagebüchern aus Leningrad zusammen. In einer Stadt, die zur Zeit der Blockade eine Bevölkerung von 2.5 Millionen Menschen umfasste, schrieben nur 200 Personen Tagebücher. Einen der Hauptgründe für diesen Mangel formulierte Lomagin sehr simpel: „Es gab keine Hefte, keine Stifte, kein Licht oder Strom.“ Außerdem hätten die Leute Angst davor gehabt, dass ihre persönlichen Gedanken in die Finger der Kommunistischen Partei geraten könnten. Und das obwohl die KPdSU sogar dazu aufgerufen habe, ein „Kollektivtagebuch“ zu führen. Doch die Einträge blieben privat. Mit Hilfe dieser Tagebücher sei es überhaupt möglich gewesen, den Alltag der „Blockadniki“ zu rekonstruieren. „Die beste Überlebensstrategie ist wohl gewesen, der Armee beizutreten“, behauptete Lomagin, nachdem er aus einem Tagebuch eines jungen Kommunisten zitiert hatte.

    „In einer wahren Tragödie ist es nicht der Held, der stirbt, sondern der Chor.“ So sagte es die Schriftstellerin und Forscherin Natalia Sokolowskaja. In ihrer Rede über die Blockade erinnerte sie nicht nur an die mutige Tat Granins, über die Geschehnisse zu schreiben. Sie sprach auch über die Reaktion der Öffentlichkeit. Tatsächlich habe es sogar eine große Anzahl an Dankesbriefen gegeben, die sich an den Schriftsteller wandten. Der Dank galt den Bemühungen des Dichters, eine erste „nationale Erinnerung von Leningrad zu schaffen“. Denn die Blockaden seien nicht nur die Erinnerungen eines jeden Einzelnen gewesen, sondern die einer ganzen Stadt. Die Aufarbeitung durch Daniil Granins Buch habe den Anstoß dafür gegeben, „diese extremen Erfahrungen zu nutzten, um der Menschheit in einem viel größeren Maßstab helfen zu können.“

    Persönliche Beziehungen zu Granin

    Im letzten Teil der Tagung blieb Platz für persönliche Erinnerungen, die die Menschen mit dem Autor teilten. So übernahm auch seine Tochter Marina Tschernyschewa -Granina das Wort. Sie stieg ein mit einer Notiz von ihrem Vater in beiden Sprachen - Deutsch und Russisch. Darauf geschrieben stand:

    Marina Tschernyschewa-Granina redet über ihren Vater Daniil Granin
    © Sputnik / Lisa Meyer
    Marina Tschernyschewa-Granina redet über ihren Vater Daniil Granin

    „Die toten Soldaten Kriegen nicht. Sie sind in der Erdball begraben – unser gemeinsammes Haus. Sie streben schon nicht nach dem Sieg, sondern dass wir miteinander versöhnen.“ [sic]

    Diese Notiz, meinte Granina, habe ihr enorm dabei geholfen, ihren Vater besser zu verstehen. Denn als Soldat sei ihm der Sieg das Wichtigste gewesen. Doch nach 40 Jahren hätte er seine Meinung geändert. „Denn es ist nicht der Sieg das Wichtigste, sondern der Frieden.“

    Es erinnerte sich auch eine gute Freundin der Familie an Granin. Ljudmila Fomitschewa erzählte von seiner Güte und dem scheinbar unendlichen Interesse an allen Menschen, mit denen er sprach. „Er war nie zu müde, um sich mit Leuten zu unterhalten.“

    Deutsch-Russisches Museum Karlshorst

    Durchgeführt wurde die Konferenz im Saal des Deutsch-Russischen Museums in Karlshorst. Es war der Saal, in dem spätabends am 8. Mai 1945 die Wehrmacht die Kapitulation unterschrieb. Tatsächlich ist das Gebäude des Museums eine historische Stätte, die von der Wehrmacht als Offizierskasino gebraucht wurde. Nach der Unterzeichnung der Kapitulation wurde Karlshorst zum sowjetischen Sperrgebiet. Die Sowjets nutzten dieses Gebäude dann ab 1967 als Museum, in dem sie Waffen, Rüstungen und Uniformen ausstellten.

    Zu den Schwerpunktthemen des Museums zählt die Aufarbeitung des Vernichtungskrieges. In einer Dauerausstellung, die mit Installationen, Bildern und Biografien arbeitet, sollen den Interessenten diese Zusammenhänge nähergebracht werden. Der Besucher läuft durch verschiedenfarbige Themenräume, die sich jeweils mit einer bestimmten Thematik auseinandersetzen. Darunter finden sich beispielsweise Räume zum Thema Zwangsarbeit, zu den Blockaden oder den Kriegsgefangenen. Nach Angaben einer Mitarbeiterin des Museums sind die Räume verständlich kuriert. Auch Leute, die sich nicht unbedingt mit dem Thema auskennen, würden diese Ausstellung verstehen. Somit sei das Museum auch für Jugendliche und junge Erwachsene geeignet.

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    Tags:
    Deutschland, UdSSR, Sowjetunion, Der Zweite Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Berlin-Karlshorst, Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst, Blockade, Leningrad, Daniil Granin