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    Juan Moreno bei der Buchmesse in Frankfurt-am-Main am 19. Oktober 2019

    Der Mann, der Relotius zu Fall brachte: Juan Moreno schildert Super-GAU von „Spiegel“

    © AFP 2019 / DANIEL ROLAND
    Gesellschaft
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    Dass die Unwahrheiten des preisgekrönten „Spiegel“-Journalisten Claas Relotius ans Licht gekommen sind, ist seinem Kollegen Juan Moreno zu verdanken: Der freie Reporter im Hamburger Medienhaus hat ein Buch veröffentlicht, in dem er die größte Krise vom „Spiegel“ beschreibt.

    Sein Buch „Tausend Zeilen Lüge“ habe er nicht aus Rache geschrieben, stellt Moreno in einem Interview für die österreichische Zeitung „Standard“ klar. Sondern er habe „dieses Kapitel“ seines Lebens abschließen wollen.

    In dem Gespräch schildert Moreno, wie er Relotius auf die Schliche gekommen ist. Einen Anfangsverdacht habe er schon 2013 gehabt, als sein damaliger Kollege frisch von der Journalistenschule gekommen sei. Damals habe Relotius über Schuhputzer auf Kuba geschrieben, die nach der „Öffnung des Landes hin zum Kapitalismus“ nun Steuerberater bräuchten.

     „Wer schon mal auf Kuba war, der weiß: So viele Schuhputzer leben dort nicht. Es schien mir völlig unrealistisch, dass die wenigen, die es gibt, nun einen Steuerberater brauchen“, so Moreno. Er habe die Geschichte aber nicht weiter verfolgt.

    Die Lügen flogen erst fünf Jahre später auf. 2018 habe er vom „Spiegel“ den Auftrag bekommen, gemeinsam mit Relotius einen Flüchtlingstreck von Lateinamerika in Richtung USA zu begleiten. Relotius sollte dabei eine US-Bürgerwehr an der Grenze zu Mexiko befragen.

    Am Ende des Beitrags habe Relotius beschrieben, wie einer der Männer einen Mord an einem Flüchtling beging.

    „Dabei lassen diese Männer deutsche Reporter zusehen? Ich hatte starke Zweifel, und wenn man diese Zweifel im Kopf hat, dann lasen sich die Relotius-Texte plötzlich ganz anders“, so Moreno weiter.

    Als er seinen Kollegen darauf angesprochen habe, habe er eine ganz andere Seite von ihm erlebt: „Alle beschrieben ihn ja als ausgesprochen angenehmen, höflichen und zurückhaltenden Kollegen. Mir gegenüber wurde er sehr hart und meinte, er könne nichts dafür, dass ich mit seinem Schreibstil nicht mithalten könne. Da war zu spüren, dass sich einer um Kopf und Kragen redet und lügt.“

    Später sei im „Spiegel“ der hochgelobte Text von Relotius über eine Amerikanerin erschienen, die durch das ganze Land reist und freiwillig Hinrichtungen von zum Tode Verurteilten beiwohnt. Moreno erinnert sich, wie eine Leserin aus Hessen ihn kontaktiert habe, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. Die Frau habe Relotius geschrieben, sie halte den Text für erfunden, und zählte ihm ganze 40 Punkte auf, die nicht stimmen konnten.

    „Relotius bearbeitete die Frau daraufhin so lange, bis sie sich bei ihm für die Unterstellungen entschuldigte.“

    Am Anfang habe ihm niemand beim „Spiegel“ geglaubt, weil Relotius als „Lichtgestalt des deutschen Journalismus“ gegolten habe. Er hatte 40 Preise gewonnen, darunter viermal den renommierten Reporter-Preis.

    Er habe sogar mit einer Entlassung gerechnet, so Moreno. „Mir wurde vermittelt: ,Das ist eine Hinrichtung, aber nicht die von Claas.‘“ Im Nachhinein sehe er das als Armutszeugnis für den „Spiegel“. „Wer Kritik wagt, dem droht die Entlassung – falls er sich irrt.“

    Seine Rolle bei der Entlarvung von Relotius sieht Moreno nicht als Heldentat – es sei vielmehr „Notwehr“ gewesen. Er habe Angst um seine Zukunft und um die Zukunft seiner Familie gehabt. Denn wenn sein Kollege tatsächlich lügen würde, wäre er auch mit hineingezogen und hätte keinen journalistischen Job mehr bekommen.

    Deshalb sei er auf eigene Kosten in die USA gereist. „Ich machte ein Video dieser Bürgerwehr, darin erzählen die Männer, dass sie einen Claas Relotius nie gesprochen und getroffen haben.“  Seine Vorgesetzten beim „Spiegel“ hätten ihm aber auch diesmal nicht geglaubt und gesagt, er habe die Männer ja theoretisch bezahlen können.

    Also habe er weitere Relotius-Texte unter die Lupe genommen und immer mehr recherchiert. Seine Ergebnisse habe er dann der Chefredaktion erneut vorgelegt. Als Relotius damit konfrontiert worden sei, habe er damit begonnen, E-Mails und Facebook-Seiten zu fälschen. „Da war es dann ein Leichtes für die IT-Abteilung beim "Spiegel", die Manipulation zu erkennen. Dann brach alles zusammen.“

    Das Buch von Moreno soll nun verfilmt werden.

    ta/gs

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