01:47 21 November 2019
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    Ist Extinction Rebellion eine „Weltuntergangssekte“?

    © REUTERS / Christian Mang
    Gesellschaft
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    Beherrschen esoterische Ideologien und Apokalypseszenarien die Bewegung Extinction Rebellion und machen sie zu einer „Weltuntergangssekte“? Oder handelt es sich um eine gekonnte symbolträchtige Inszenierung auf der Suche nach Aufmerksamkeit für Themen der Zeit? Sputnik hat diese Frage mit einer Religionswissenschaftlerin untersucht.

    Sie blockieren wichtige Verkehrsadern und Plätze, liegen in gespielter Leichenstarre auf dem Boden, prozessieren mit Plastikskeletten und zugespitzten Slogans in blutroten Gewändern durch die Straßen und haben in einer Aktion auch schon den Schweizer Fluss Limmat giftgrün gefärbt.

    Klimaaktivisten oder Sektenmitglieder?

    Bei ihren Demonstrationen und Protesten inszenieren sich die Mitglieder der Gruppe Extinction Rebellion so gekonnt, dass sie medial breite Beachtung erfahren. Gleichzeitig spalten sie die Gemüter. Die einen sehen in ihnen eine radikale Bewegung, die irrational handelt und sich religiöser und esoterischer Elemente, gepaart mit Apokalypse-Szenarien, bedient. Zu diesen Kritikern gehört die Autorin und Soziologin Jutta Ditfurth, die in Extinction Rebellion eine „Weltuntergangssekte“ sieht. Andere sehen in den vielen ästhetischen Elementen nur ein Mittel zum Zweck medialer Aufmerksamkeit.

    Extinction Rebellion ist keine Sekte im strengen Sinne

    Esther-Maria Guggenmos ist Sprecherin des Arbeitskreises Religionsästhetik in der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft (DVRW) und steht der Anwendung des Begriffs „Weltuntergangssekte“ für die Gruppe mit gemischten Gefühlen gegenüber, denn begrifflich sauber sei das aus religionswissenschaftlicher Sicht nicht. „Bei dem Begriff Sekte handelt es sich um einen Kampfbegriff, der sehr stark in der europäischen Christentumsgeschichte verortet ist. Christen haben ihn verwendet, um Gruppierungen zu bezeichnen, die sich von ihnen abgewendet haben“, erklärt sie im Sputnik-Interview.

    Auch in anderer Hinsicht ähnele die Bewegung keiner Sekte: „Kaum einer wird Extinction Rebellion vorwerfen eine Sekte wie Scientology etwa zu sein“, so Guggenmos. Es handle sich um keine Abspaltungsbewegung, die ihre Mitglieder psychisch manipuliert sowie einen Austritt unmöglich macht.

    Von der Hypothese zum Anspruch auf Wahrheit

    Andere Momente, die bei Sekten auch anzutreffen seien, können dagegen bei Extinction Rebellion beobachtet werden: Dazu gehört „eine Fixierung auf bestimmte inhaltliche Elemente“, die „nicht weiter hintergangen wird“. Etwas, das manche Menschen eher als eine Hypothese begreifen würden, setze eine Bewegung dann als absolut, mit Anspruch auf Wahrheit, erklärt die Religionswissenschaftlerin. Daneben sei auch die Auseinandersetzung mit Weltuntergangsszenarien häufig ein Merkmal von Sekten, aus der das Handeln erwachse. Dabei könne es vorkommen, dass „die Weltuntergangshypothese derartig in den Vordergrund rückt, dass jegliche politische Verfasstheit gesellschaftlicher Systeme demgegenüber zurückzustehen hat“, so die Religionswissenschaftlerin.

    Apokalypse – nur ein Mittel zum Wachrütteln?

    Guggenmos selbst ist sich aber nicht sicher, inwieweit diese Fixierung und die Weltuntergangsszenarien wirklich die Köpfe beherrschen. Es könne sich aus ihrer Sicht auch schlichtweg um eine „junge Bewegung handeln, die wachrütteln möchte“. Dabei spielten ästhetische Elemente zwar eine massive Rolle, aber deren religiöser Gehalt sei nicht überzubewerten. „Wir haben es mit einer Bewegung zu tun, die wirklich um Aufmerksamkeit ringt und die deshalb die ganze Breite des ästhetischen Repertoires ausschöpft“, so Guggenmos. Dabei würden buddhistische Magazine über den Anschluss engagierter Buddhisten an die Bewegung berichten. Christlich deutbare Symbole seien nicht von explizit christlichen Gruppierungen getragen, sondern entstammten dem kulturell verbreiteten Schatz an Symbolen. Sehr viele Symbole spiegelten aber schlichtweg einen gekonnten Umgang mit den visuellen Medien und dienten zur Herstellung des Eindrucks der Unmittelbarkeit wie die oft eingesetzte Farbe Rot, die Blut, Leben und Tod symbolisiert oder aber das Giftgrün der Limmat, das unmittelbar auf Umweltverschmutzung verweist.

    Extinction Rebellion will ein Rätsel aufstellen

    Dass die Bewegung so viele verschiedene Zeichen in einen Topf wirft, hängt für Guggenmos vielmehr damit zusammen, dass diese ein Rätsel darstellen möchte: „Man ist geneigt, das Rätsel zu lösen, aber in dieser Narration geht es gerade darum, so ein Rätsel als Aufmerksamkeitskonzentrationspunkt zu schaffen, deshalb sollte man sich nicht verleiten lassen, selbst dieses Rätsel lösen zu wollen.“ Besser sei es, zurückzutreten und zu schauen, was die Bewegung erreichen möchte und auf welche Fakten sie ihren Wahrheitsanspruch begründe.

    Das Interview mit Esther-Maria Guggenmos:

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    Tags:
    Apokalypse, Umwelt, Sekte, Proteste, Extinction Rebellion