Widgets Magazine
17:07 12 November 2019
SNA Radio
    Kanzler der Bundesrepublik Deutschland am 28. Oktober 1969 im Bundestag

    50 Jahre Kanzlerwahl von Willy Brandt – Ex-Mitarbeiter beklagt Funkstille der SPD zum Jubiläum

    © AP Photo /
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    Von
    6220
    Abonnieren

    Am 21. Oktober 1969 wurde Willy Brandt zum ersten SPD-Kanzler der Bundesrepublik gewählt. Obwohl er nur rund viereinhalb Jahre regierte, bewirkte er mehr, als andere in dem Amt. Sein früherer enger Mitarbeiter, Albrecht Müller, kritisiert im Sputnik-Gespräch unter anderem eine mangelhafte Erinnerung in der SPD an dieses historische Ereignis.

    Albrecht Müller war im Team von Willy Brandt unter anderem an der Organisation der beiden Wahlkämpfe 1969 und 1972 zuständig. In den letzten beiden Jahren der Kanzlerschaft war er der Chef der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt. Eine Funktion, die er auch für den Nachfolger von Brandt bis zu dessen Ende als Bundeskanzler ausübte. Er sei erschrocken darüber, wie wenig in der SPD an diesen großen Mann der Partei und seinen historischen Erfolg in diesem Jahr erinnert wird, erklärt Müller im Gespräch mit Sputniknews Deutschland:

    „Ich habe schon einmal daran erinnert, dass vor einem knappen Monat, am 28. September, die Wahl war. Da hab ich recherchiert. Und dann habe ich herausgefunden, dass die Partei von Willy Brandt, die SPD, dieses Siegs damals, der ja immerhin die Grundlage eines Kanzlerwechsels nach 20 Jahren von der CDU/CSU zur SPD war, nicht einmal gedacht, förmlich sowieso nicht, man hätte das zwar feiern können im Willy-Brandt- Haus, aber sie haben nicht einmal daran gedacht, dass sowas stattfindet.“

    Woran das liegen könnte, darüber hat Albrecht Müller auch eine so genaue Vorstellung, dass er keine Sekunde zögern muss, um eine entsprechende Frage wie folgt zu beantworten:

    „Das mag ein psychisches Problem sein, dass jene Leute, die die SPD herabgewirtschaftet haben, auf jetzt, bei Umfragen 15 Prozent, das ist ja weniger als ein Drittel von dem, was wir '69 erreicht haben, und noch weniger als in dem von '72, dass die Leute sich schämen oder – und es wäre ja gut, wenn sie sich schämen würden, aber sie wollen nicht konfrontiert werden damit, dass sie die SPD so heruntergewirtschaftet haben und dass sie sie zu einer eigentlich zahnlosen Partei gemacht haben.“

    Willy Brandt ein schwacher überbewerteter Politiker? „Das ist alles Quatsch!“

    Albrecht Müller sagt es zwar nicht, aber die Vermutung liegt nahe, dass dies genau die gleichen „Leute“ sind, die es geschafft haben, ein Bild von Willy Brandt als Kanzler in der Öffentlichkeit zu platzieren, dass derart unzutreffend ist, dass es Müller regelrecht erzürnt. Kritiker Brandts erklären immer wieder, er sei trotz seiner Ostpolitik in der Summe ein überbewerteter Kanzler gewesen, der angeblich weniger fleißig wie sein Nachfolger gewesen sei. Albrecht Müller hat dafür im Sputnik-Interview sehr klare Worte übrig:

    „Das ist alles Quatsch, das ist alles ausgemachter Quatsch, verzeihen sie.“

    Es seien gezielt unwahre Behauptungen gestreut worden, empört sich Müller:

    „Man hat ihm unterstellt, er sei psychisch sehr labil und deshalb habe er sich auf den Venusberg zurückgezogen. Ich habe mal über diese Sache mit dem Persönlichen Referenten für die Außenpolitik gesprochen. Der ist fast im Quadrat gesprungen. Der hat gesagt, 'ich bin oft dann, wenn er sich auf den Venusberg zurückgezogen hat, mit einer Unterschriftsmappe zu ihm gegangen, da saß der da und hat eine Rede vorbereitet oder hat sich Gedanken gemacht, über das wie es weiter geht.'“

    Medien hätten diese Vorurteile und Falschmeldungen seinerzeit in die Welt gesetzt, Politiker in der SPD hätten es „nachgeplappert“, wie Müller das qualifiziert und so habe es schließlich auch seinen Weg in die Geschichtsbücher gefunden. Aber, so Müller:

    „Die Geschichtsschreibung ist meist ein Nachgeplapper dessen, was die Medien zeitaktuell geschrieben haben, verzeihen sie, dass ich das so deutlich sagen muss.“

    Und Albrecht Müller stellt dem fragenden Sputnik-Journalisten eine Gegenfrage, die ziemlich plausibel klingt:

    „Meinen sie vielleicht, jemand, der ein schwacher Charakter und ein Durchhänger war, hätte die Ostpolitik eingeleitet und durchgezogen?“

    Auch die wesentlichen Grundzüge der berühmten Ostpolitik mit der Parole „Wandel durch Annäherung“ und der nicht minder berühmte Vorsatz „Mehr Demokratie wagen“, seien mitnichten nur das Werk der Spin-Doktoren im Umfeld von Brandt gewesen, erklärt Albrecht Müller mit Nachdruck. Dass Egon Bahr als einer der Väter der Ostpolitik genannt wird, gönne ihm Müller, aber eigentlich habe Bahr seine berühmte Rede in Tutzing, in der er die Grundpfeiler dieser Politik zum ersten Mal öffentlich darlegte, nur deshalb gehalten, weil Willy Brandt sich schlicht verspätet hatte.

    Willy Brandt sei ein „großer Durchhalter“ gewesen, wie es Müller nennt. Er habe einiges aushalten müssen, sowohl vom politischen Kontrahenten als auch aus den eigenen Reihen. Sein Verhältnis zum anderen großen SPD-Alphamann jener Tage, Herbert Wehner, wird allgemein als nicht spannungsfrei beschrieben. Aber dass Wehner Brandt sogar dafür verantwortlich machte, dass ihm hitzköpfige Studenten 1968 in Nürnberg die Pfeife aus dem Mund schlugen, weil einer der Brandt-Söhne damals mitdemonstriert hatte, das wirkt aus heutiger Sicht schon etwas bizarr. Aber so aggressiv sei damals die Atmosphäre gegenüber Willy Brandt gewesen. Und dennoch habe er durchgehalten, erinnert sich Müller und äußert im Sputnik-Interview dann eine Ansicht, die sowohl ernst als auch etwas ironisch verstanden werden könnte:

    „Die eigentlichen Gegner von Willy Brandt, die sitzen in der rechten Seite der SPD, wahrscheinlich mehr als auf CDU/CSU-Seite. Also mit Willy Wimmer (Anmerk.d.Red.: ehemaliger Parlamentarischer Staatssekretär der CDU im Bundesverteidigungsministerium, heute u.a. auch Gastkommentator von Sputnik Deutschland) kann ich mich heute wunderbar über Willy Brandt unterhalten. Ob ich das mit den Seeheimern kann (Anmerk.d.Red.: gemeint ist der als konservativ und wirtschaftsliberal geltende „Seeheimer Kreis“ innerhalb der SPD), da habe ich meine Zweifel, weil die die ganzen Vorurteile nachplappern.

    „Der größte, albernste Angriff, den der arme Willy Brandt auszuhalten hatte“

    Zu diesen Vorurteilen gehörte auch der Vorwurf, Brandt habe zu große Erwartungen geweckt, im Hinblick auf seine beiden großen Themenfelder „Neue Ostpolitik“ und „Mehr Demokratie wagen“. Wenn er an diesen Vorwurf denkt, kann sich Albrecht Müller nur schwer zügeln:

    „Sie können politisch überhaupt nichts durchsetzen, wenn sie nicht Erwartungen wecken, wenn sie nicht ein Ziel formulieren, auch meinetwegen ein weiter gestecktes Ziel. Erst dadurch schaffen sie es, Menschen zu bewegen, die dann das Eigentliche unterstützen, und dann kann man positive Veränderungen machen. Das ist der größte, albernste Angriff gewesen, den der arme Willy Brandt überhaupt auszuhalten hatte.“

    Immer wieder wird gefordert beziehungsweise laut darüber wehklagt, dass die aus den Fugen zu fallen scheinende Welt heute wieder eine visionäre Politik wie die von Willy Brandt braucht und einen charismatischen Politiker wie Willy Brandt, der diese Visionen glaubhaft vertreten und Menschen begeistern kann. Ob sich das Damals problemlos auf das Heute übertragen lässt, da deutet Albrecht Müller im Sputnik-Interview leise Zweifel an. Aber er wolle seine Hoffnung nicht aufgeben, weshalb er daran glaube, „dass sich die Zeiten wieder bessern können.“

    Das vollständige Interview mit Albrecht Müller zum Nachhören hier: 

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Geschichte, Willy Brandt, SPD, Kanzleramt, BRD, Deutschland