23:12 16 November 2019
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    Biomassensterben? – Wie hält es Extinction Rebellion selbst mit der Wahrheit?

    CC0 / Pixabay/cocoparisienne
    Gesellschaft
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    60 Prozent der Arten sind bereits ausgestorben, die Masse der Wildtiere ist von 99 auf einen Prozent gefallen. Wenn man Extinction Rebellion glauben mag, ist die Welt komplett am Ende. Doch obwohl auch Biologen über die Trends Besorgnis zeigen: Was die Klimaaktivisten da fabrizieren, strotzt vor Denkfehlern – zugunsten von Horrorszenarien.

    „Sagt die Wahrheit!“ Das ist eine der drei großen und mit Ausrufezeichen versehenen Forderungen der Klimaaktivisten „Extinction Rebellion“, die in letzter Zeit durch Blockaden und Demonstrationen viel von sich haben reden lassen. Da „Extinction Rebellion“ sich zum Mittler dieser Wahrheit aufwirft, ist es wichtig, ihr eigenes Verhältnis zur Wahrheit auf den Prüfstand zu stellen. In diesem Artikel soll es um das „Aussterben“ gehen, das immerhin die Hälfte des Namens der Bewegung ausmacht.

    Wie hält es „Extinction Rebellion“ mit der Wahrheit?

    Es ist nicht interessant, was einzelne Demonstranten an Wahrheiten zu verkünden haben – über Demonstrationsteilnehmer kann man jede Veranstaltung diskreditieren oder legitimieren. Viel wichtiger ist die Frage, welche Aussagen die Organisation selbst vermitteln möchte. Hier nimmt ein fast zweistündiger Vortrag des Redners Nick Holzberg, verfasst von der Autorin Friederike Schmitz, eine zentrale Stelle auf der Webseite von „Extinction Rebellion“ ein. Das lange Video soll offensichtlich das Wissensfundament liefern und Mitglieder für die Bewegung gewinnen.

    60 Prozent der Tierarten in 40 Jahren ausgestorben?

    Arten sind nicht einfach nur vom Aussterben bedroht, sondern sie sind schon überwiegend ausgestorben. Das ist die Wahrheit, wenn man Holzberg folgt, denn dieser sagt wörtlich: „Seit 1970 sind Studien zufolge bereits 60 Prozent aller Fisch-, Reptilien-, Vogel- und Säugetierarten weltweit ausgestorben.“ (Selbst nachhören bei: 26:16-26:29)

    Solche Aussagen können bei aller Selbstgefälligkeit und Ruhe des Vortragenden eine Massenhysterie auslösen. Sie sind aber schlichtweg falsch, wenn man einen Blick auf die „IUCN Red List of Threatened Species“ wirft, eine internationale wissenschaftliche Datensammlung von Tierarten mit Gefährdungsstatus. Das Ergebnis der Roten Liste lautet: Von den 105.732 bis 2019 erfassten Arten sind 873 nachweislich gänzlich ausgestorben und 73 in der freien Wildbahn nicht mehr anzutreffen. Zusammen ergibt das einen Anteil von 0,9 Prozent an den bislang bekannten Arten. Holzberg hätte sich um grob 59 Prozent verschätzt.

    Bei näherem Hinschauen verdreht er aber eine andere Aussage zugunsten der Katastrophe. Herangezogen wurde wohl eine Studie des WWF aus dem Jahr 2016, der zufolge sich die Bestände der Wildtiere im Zeitraum 1970 bis 2012 mehr als halbiert haben sollen. Das bedeutet: Die Arten haben im Schnitt deutlich weniger Vertreter. Ausgestorben ist auf dieser Grundlage aber zunächst noch niemand.

    Es gibt fast gar keine Wildtiere mehr

    Es gibt bald überhaupt keine Wildtiere mehr, schon heute liegen sie bei nur einem Prozent. Morgen gibt es vielleicht gar keins mehr. Wir haben also keine Zeit zu diskutieren und müssen sofort handeln, sonst ist auch das eine Prozent weg. Das ist der Eindruck, den man erhält, wenn man folgende Aussage von Holzberg vernimmt:

    „Vor 10.000 Jahren waren 99 Prozent der tierischen Masse Wildtiere und ein Prozent waren Menschen. Heutzutage gibt es nur noch ein Prozent tierische Masse, die Wildtiere sind. Es gibt 32 Prozent Menschen und es gibt 67 Prozent Nutztiere.“ (Nachzuhören bei: 29:44-30:15).

    Hier bezieht sich Holzberg auf eine Studie des Weizmann-Instituts, die Mitte 2018 in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS) erschienen ist. Die Zahlen stimmen, aber durch Aussparung deuten sie etwas an, was sie nicht aussagen sollten. Denn die Populationen der Wildtiere sind nicht um 99 Prozent zurückgegangen, da die Biomasse der Nutztiere und des Menschen nicht nur auf ihre Kosten gewachsen gegangen ist. Folgende Grafik aus der Studie zeigt die Entwicklung der verschiedenen Biomassen:

    Man sieht sofort die enorme Zunahme der Nutztiere sowie Menschen auf der Grafik. Ebenfalls zu sehen ist, dass die absolute Biomasse auf ein Vielfaches angewachsen ist. Damit ist es nicht zielführend, die Abnahme der Wildtiere an der Gesamtmasse prozentuell zu messen, sonst begeht man einen logischen Fehler.

    Dennoch sind die Zahlen beunruhigend und keineswegs herunterzuspielen, denn auch laut dieser Abbildung ist die Masse der Wildtiere um etwa 80 Prozent gefallen. Bei seinem Umgang mit Forschungsergebnissen sollte aber „Extinction Rebellion“ vorsichtiger sein, wenn es die Wahrheit und nicht eine „Steigerung“ von ihr darstellen möchte.

    Ferner ist zu betonen, dass es sich hierbei, wie die Forscher ausdrücklich betonen, um Schätzungen handelt. Es lag ihnen natürlich weder die Biomasse aller Lebewesen aus der Vergangenheit noch die Biomasse der heute lebenden vor, sondern sie haben diese nur hochgerechnet – und die Ergebnisse solcher Hochrechnungen können bekanntermaßen in einem weiten Bereich schwanken.

    Klimawandel = Massensterben?

    Unter den Demonstrierenden gibt es auch Plakate mit sehr plakativen Wahrheiten. Dem Autor dieses Artikels ist vor allem das Plakat „Klimawandel = Massensterben“ ins Auge gefallen. Das Hauptaugenmerk von Extinction Rebellion liegt schließlich trotz der Namenswahl vor allem auf dem Klima. Über die Rolle, welche das Klima beim Artensterben spielt, hat Sputnik mit Holger Kreft, dem Leiter des Arbeitskreises Makroökologie der Gesellschaft für Ökologie (GfÖ) gesprochen.

    Bislang keine Art durch Klimawandel ausgestorben

    Der findet solche Statements zwar zugespitzt, gibt aber auch zu bedenken: „Da kann man halt keinen wissenschaftlichen Artikel hochhalten, bei solchen Veranstaltungen.“ In der Forscherwelt gebe es durchaus einen Konsens, dass Klimawandel eine große Gefahr für die globale Artenvielfalt darstelle. „Aber es gibt andere Gefährdungsursachen, die derzeit zumindest, deutlich gravierender sind“, betont Kreft auch. „Es gibt bislang keine Art, von der dokumentiert ist: Diese Art ist ausschließlich durch den Klimawandel ausgestorben.“

    Umweltzerstörung und Übernutzung von Naturressourcen

    Allen voran zerstörten der Landnutzungswandel sowie die Intensivierung der Landnutzung die Biodiversität. Ebenso sei die Verschmutzung von Lebensräumen etwa durch Pestizide ein schwerwiegender Faktor. Auch die schlichte Übernutzung von natürlichen Ressourcen durch Fischerei und Jagd falle schließlich schwer ins Gewicht. „Solche Prozesse sind derzeit viel gravierender für die Artenvielfalt“, betont er. Aber es gebe in der Forschergemeinschaft auch die Befürchtung, dass viele Prozesse durch Klimawandel beschleunigt werden in der Zukunft und dass dieser dadurch einen wesentlich stärkeren Druck auf die Tierarten ausüben wird. Bislang könne nur beobachtet werden, dass manche Arten ihre Verbreitungsgebiete verlagern und den Temperaturen folgen.

    Eine Schwierigkeit bei Aussagen um den Ernst der Lage stellt auch der Umstand dar, dass den Forschern die Mehrzahl der Arten noch gar nicht bekannt ist und laufend neue entdeckt und kategorisiert werden. Das drückt sich in der Zahl der erfassten Arten aus, die die IUCN jährlich neben die Zahl der gefährdeten Tiere stellt. Die Prozentzahl wird immer daraus abgeleitet.

    Neue Arten entstehen sehr langsam

    Aber ganz gleich wie viele Arten neu entdeckt werden: Bis eine Art sich neu bildet, dauert es Millionen von Jahren. Sollten also Arten schnell aussterben, dann werden nicht genauso schnell neue von der Triebkraft der Natur neu gebildet. Auch wenn man aus den Zahlen nicht versucht zusätzliches Potential herauszuschlagen, gilt laut Kreft: „Es gibt eine gewisse Unsicherheit in den Prognosen, aber der Trend ist klar. Wir verlieren Biodiversität auf allen möglichen Ebenen, die wird auch nicht ersetzt. Wie groß der Verlust ist, da gibt es Unsicherheiten.“

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    Tags:
    Einfluss, Menschheit, Aussterben, Wildtiere, Extinction Rebellion