01:09 21 November 2019
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    Botschafter Russlands Sergej Netschajew (l.) und der deutsche Politologe Alexander Rahr

    „Ich gehöre zu Russlands Elite“: Putins deutscher Biograph mit russischem Freundschaftsorden geehrt

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    Der deutsche Politologe Alexander Rahr hat am Freitag eine der höchsten Staatsehrungen Russlands erhalten. Der russische Botschafter würdigte Rahrs Arbeit: 35 Jahre engagiert sich Rahr im bilateralen zivilgesellschaftlichen wie Wirtschafts-Austausch – mittlerweile duzt man sich. Der Geehrte selbst zeigte sich nachdenklich im Gespräch mit Sputnik.

    Die Koseform des Vornamens Alexander ist im Russischen Sascha. Und mit „Lieber Sascha!“ sprach der russische Botschafter – garniert mit sehr persönlichen Worten – den Publizisten und Osteuropa-Experten Alexander Rahr an, als er ihm den Freundschaftsorden der Russischen Föderation an die Brust heftete. Folgend einem „Ukas“ Putins aus dem Mai dieses Jahres.

    „Herr Rahr hat einen besonderen Beitrag geleistet zur (...) Vertiefung der deutsch-russischen Beziehungen, (...) er hat mehrere öffentliche Reden gehalten, die darauf gerichtet sind, die Verhältnisse wieder zu normalisieren und auf pragmatische Schienen zu stellen“, so Botschafter Russlands Sergej Netschajew gegenüber Sputnik.

    Man würde seine vielfältigen Talente schätzen. Und so sei er vom Präsidenten für seine Verdienste mit dem Staatsorden geehrt worden: „Das ist eine hohe Auszeichnung, die Alexander natürlich verdient hat“, so Netschajew. Die beiden kennen sich seit Jahren – man duzt sich.

    Mit Sekt stößt dann am Freitag im Kuppelsaal der Botschaft Unter den Linden in Berlin ein kleiner Kreis, bestehend primär aus Familie und Partnern, etwa von Wintershall Deutschland, auf den frischgebackenen Ordensträger an. Dieser, sichtlich erbaut von der Ehrung, stimmt im Interview aber auch nachdenkliche Töne an:

    „Es ist schade, dass einige Freunde – vielleicht aus politischen Gründen – an dieser Zeremonie nicht teilnehmen konnten oder wollten (…). Für mich ist das eine hohe Auszeichnung als Brückenbauer zwischen Russland und Deutschland. Ich glaube, dass dieser Orden verdient ist!“

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      Botschafter Russlands Sergej Netschajew (l.) und der deutsche Politologe Alexander Rahr
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      Der deutsche Politologe Alexander Rahr
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    Botschafter Russlands Sergej Netschajew (l.) und der deutsche Politologe Alexander Rahr

    Rahr war jahrelang auch als politischer Berater der Bundesregierung – etwa in den 90er und „Nuller“-Jahren – tätig; er bezeichnet diese als „gute Jahre“. Doch „wir gehen jetzt durch schwierige Zeiten“, so Rahr, wo man Brückenbauer plötzlich nicht mehr brauche und man sage, dass Russland fast wie ein Agressor wie im Kalten Kriege sei.

    Gut vernetzt und optimistisch

    Doch der Politologe vermag optimistisch in die Zukunft zu blicken, denn seiner Beobachtung nach scheinen diese Zeiten nun vorbeizugehen: „Ich sehe, dass mehr und mehr Politiker die Idee von einem gemeinsamen Europa mit Russland wieder ins Auge fassen, dass es auch in der Ukraine wieder Fortschritte geben kann in der Friedenslösung und dass man Russland auch wieder anfängt zu respektieren – dafür habe ich mich immer eingesetzt.“

    Rahr hat selbst russische Wurzeln, bereiste und kennt so das Land seit dem Mauerfall wie kaum ein Anderer. Und er ist bestens vernetzt: „Ich bin überall, ich bin in allen Foren“, sagt er. So saß er 2004 bis 2015 im Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs, seit 2012 ist er Projektleiter des Deutsch-Russischen Forums. Dort betreut er die Potsdamer Begegnungen und den Arbeitskreis „Gemeinsamer Raum Lissabon-Wladiwostok“ gemeinsam mit dem Unternehmer Ulf Schneider.

    In den Jahren 2012 bis 2015 war er Berater der Wintershall Holding sowie des Präsidenten der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Seit 2015 ist er Berater für EU-Angelegenheiten des russischen Energieriesen Gazprom in Brüssel. Als Autor zahlreicher Bücher über Russland hat er ebenfalls eine Biografie über Michail Gorbatschow und Wladimir Putin verfasst, speiste an dessen Tafel.

    Teil der Russischen Elite mit Vision eines neuen europäischen Konzepts

    In Deutschland würde man ihn teilweise verkennen, denn hierzulande würde man glauben, er sei „irgendein Deutscher, der sich naiv irgendwelche Bilder zu Russland vorstellt und versucht, Russland nach dem Mund zu reden – das ist falsch: Ich bin Teil der russischen Elite geworden (…). Ich habe mich eingearbeitet ins russische Leben.“ Und dies nicht zuletzt aufgrund seiner Familien-Historie, seines Elternhauses, welches zu Sowjetzeiten aus dem Land emigrierte und enge Kontakte zu Dissidenten wie dem Schriftsteller Solschenitzyn unterhielt. Solange es in Deutschland, aber auch teilweise in Russland Kräfte gäbe, die nicht auf Verständigung, sondern auf mehr Konfrontation hinarbeiten würden, könne „die Sache“, also eine Annäherung, nicht funktionieren.

    Er wünscht sich, dass beide Länder sich respektieren und sich wieder vertieft kennenlernen würden – den osteuropäischen Neuzugängen der EU würde mehr Gewicht eingeräumt als Russland: Rahr bezeichnet dies als „katastrophalen historischen Fehler“. Seiner Auffassung nach brauchen Deutschland und die Europäische Union, um Stabilität zu wahren auf diesem Kontinent, ein gutes Verhältnis zu Russland – ohne dass man sich „verkrache“ mit den Amerikanern: „Wir brauchen ein neues Konzept eines großen Europas.“

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    Tags:
    Sergej Netschajew, Beziehungen, Orden, Ehrung, Alexander Rahr, Russland, Deutschland