04:15 18 November 2019
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    Bundeskanzler Helmut Kohl (l.) und Horst Teltschik - Mitarbeiter der Abteilung Auswärtige und Innerdeutsche Beziehungen im Kanzleramt, 1986

    „Wer Privilegien verliert, der jammert bis heute“: Horst Teltschik zum DDR-Erbe – Exklusiv

    CC BY-SA 3.0 / Bundesarchiv, B 145 Bild-F073599-0006 / Schaack, Lothar / Wikimedia Commons
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    Keine Nachsicht will Horst Teltschik, ehemaliger Chef der Münchner Sicherheitskonferenz und außenpolitischer Berater von Helmut Kohl, für die Mitglieder der SED und der Stasi, die Privilegien verloren haben und jetzt jammern. Sie klagen ohne Zweifel bis heute.

    Auch stimme nicht, dass sich die Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse fühlen, so einer der Architekten der Deutschen Einheit im Sputnik-Interview am Rande einer Konferenz in Moskau. „Da gibt es einige, vor allem frühere SED-Mitglieder. Heute gehen mehr ehemalige DDR-Bürger wieder nach Ostdeutschland als von Ostdeutschland nach Westdeutschland gehen. Das sind aus meiner Sicht mehr die Behauptungen der Medien als der Menschen selbst.

    Horst Teltschik
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Horst Teltschik

    Aus der Sicht von Horst Teltschik hätte es keine Vorlage gegeben, „wie man ein sozialistisches Land in eine westliche freiheitliche Demokratie und Marktwirtschaft transformiert. Es gab keine Vorbilder. Und er persönlich sei der Meinung, es sei bestmöglich gelaufen. „Das Einzige, was natürlich schwierig war, dass die 17 Millionen Ostdeutsche praktisch über Nacht Verantwortung für sich selbst übernehmen mussten. Nicht mehr die Partei oder der Staat hat ihnen gesagt, was zu tun ist. Sie mussten von heute auf morgen sich um sich selbst kümmern. Und das waren sie nicht gewohnt.“

    Teltschik weiter: „Das durften sie auch nicht. Sie durften nicht frei wählen, ob sie auf eine höhere Schule gehen dürfen oder ob sie studieren dürfen. Das war alles von der Partei und vom Staat vorgeschrieben. Plötzlich war man für sich selbst verantwortlich. Die einen sind damit gut zurechtgekommen, andere haben sich schwergetan.

    Wiedervereinigung wahnsinnig schnell erfolgt

    Der Kohl-Berater sagt, die Wiedervereinigung sei wahnsinnig schnell erfolgt. „Aber das Tempo der Wiedervereinigung hat nicht die Bundesregierung und haben nicht die vier Siegermächte bestimmt. Das Tempo ist von den Menschen in der DDR bestimmt worden. Wir mussten so schnell handeln, weil sonst zu viele DDR-Bürger nach Westdeutschland gekommen wären. Wir haben im Frühjahr 1990 täglich steigende Zahlen gehabt, und die Befürchtung war, wenn das so weitergeht, haben wir am Ende des Jahres über eine Million DDR-Bürger bei uns. Das überlebt die DDR nicht. Das überleben auch wir nicht. Wir haben gesagt, da müssen wir eine Währungsunion einführen, Wahlen durchführen usw.“

    „Öffnung der Grenze überraschte uns“

    Teltschik erinnert sich: „Wir waren uns bewusst, dass die Entwicklungen in Polen (Polen war zu dieser Zeit schon längst eine freiheitliche Demokratie), die Öffnung der Grenze in Ungarn, die Fluchtbewegung aus der DDR und dann die Massendemonstrationen, die Reformpolitik Gorbatschows, Perestroika, Glasnost — diese gesamten Prozesse hatten Auswirkungen. Aber der Zeitpunkt der Öffnung der Grenze war völlig überraschend. Das war auch für die SED eine Überraschung, denn das war nicht vorgesehen. Vorgesehen war die Liberalisierung der Reisemöglichkeiten, aber nach Ausstellung eines Dokuments. Dass Schabowski während der Pressekonferenz den Eindruck gegeben hat, dass es ab sofort möglich ist nach Westberlin und Westdeutschland zu gehen, wusste er selbst fünf Minuten vorher nicht. Das wusste keiner.“

    Der CDU-Politiker fügt hinzu: „Es gab aber eine gemeinsame Sorge aller vier Siegermächte und auch von uns, dass der gesamte Prozess kontrolliert verlaufen muss und nicht in ein Chaos führen darf, keine Unruhen entstehen dürfen, kein Bürgerkrieg usw. Das heißt, man musste die Entwicklung unter politische Kontrolle holen.“

    AfD-Erfolg in Thüringen als Ausdruck des Protestes und eigenen  Versagens

    Der AfD-Erfolg in Thüringen zeigt laut Teltschik, „dass es eine Partei ist, die den Bürgern die Möglichkeit gibt, ihren Protest zu artikulieren und ihre Meinungsunterschiede zur aktuellen Politik zum Ausdruck zu bringen. Es ist auch zum Teil ein Ausdruck des eigenen Versagens. Genauer gesagt, ist es eine Mischung zwischen dem persönlichen Versagen und dem persönlichen Protest, wenn man sieht, wie viel Wähler der Linken zur AfD gegangen sind.“

    Das komplette Interview mit Horst Teltschik zum Nachhören:

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    Tags:
    Thüringen, Verantwortung, DDR, Kohl, Wiedervereinigung, Erfolg, AfD, Ostdeutschland, Deutschland