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16:34 12 November 2019
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    „Flüchtlingswelle“ – Motivwagen des Künstlers Jacques Tilly beim Rosenmontagszug 2016 in Düsseldorf

    Stasi, Schleier, Supergau: Die kollektiven Ängste der Deutschen – Neue Ausstellung

    © Foto : Stiftung Haus der Geschichte/Axel Thünker
    Gesellschaft
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    Ist Angst eine deutsche Gefühlslage? Wovor haben Sie Angst? Vor Spinnen? Oder haben Sie Höhenangst? Neben individuellen Ängsten, gibt es Ängste, die viele betreffen, manchmal sogar die Gesellschaft als Ganzes. Ängste, die nicht den Einzelnen bedrohen und die nur im Kollektiv überwindbar sind. Eine neue Schau in Leipzig geht dem Phänomen nach.

    Viele Deutsche haben Angst – aktuell 56 Prozent vor einer Überforderung durch mehr Asylbewerber und Spannungen durch den Zuzug von Ausländern. Das besagt die repräsentative Studie einer deutschen Versicherungsgesellschaft aus dem Zeitraum Mai bis Juli 2019 über die „Ängste der Deutschen". Die Langzeitstudie ermöglicht auch Aussagen über Veränderungen in der Stimmungslage: So sank die Angst vor Terrorismus von 70 Prozent noch im Jahr 2017 auf 44 Prozent 2019, beschreiben die Organisatoren der neuen Schau in Leipzig einen kollektiv angstbesetzten Teilbereich ihrer Ausstellung.

    Die neue Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig der Stiftung „Haus der Geschichte“ spürt furchtbesetzten Stimmungen nach und konzentriert sich dabei auf vier Themen – „Zuwanderung", „Atomkrieg", „Umweltzerstörung" und „Datenschutz". Hunderte Exponate sollen die kollektiven Ängste der Deutschen in West wie Ost illustrieren, die Ausstellung beleuchtet die Entstehung sowie Verbreitung im jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Kontext. Auch die Rolle der Medien bei der Verbreitung von Angstgefühlen wird thematisiert.

    „Das Boot ist voll“ – Zuwanderung

    Hohe Flüchtlings- und Zuwanderungszahlen in Deutschland lösten bereits in der Vergangenheit mehrmals Angst und Unsicherheitsgefühle aus. Die Ausstellung setzt sich mit den Reaktionen auf die „Flüchtlingswelle" 2015 auseinander und will zeigen, dass bereits die massive Steigerung der Flüchtlingszahlen Anfang der 1990er Jahre vergleichbare Empfindungen hervorgerufen hätten – damals durch den Zustrom von Flüchtlingen aus dem Bürgerkriegsland Jugoslawien.

    Die Ausstellung will in diesem Kontext verschiedene Ängste beleuchten, etwa die Sorge vor Überfremdung oder zunehmender Kriminalität. Politische und publizistische Debatten um die Reform des Asylrechts befeuerten die Auseinandersetzungen, Schlagworte wie „Das Boot ist voll" hielten Angstgefühle hoch und trugen zu einer Verschärfung des Meinungsklimas bei.

    „Petting statt Pershing“ – Atomkrieg

    Während des Kalten Krieges erzeugten Pläne über die nukleare Aufrüstung Ängste vor einem in Deutschland ausgetragenen Atomkrieg. Die Ausstellung analysiert die Diskussionen in Politik und Gesellschaft im Zuge der Nachrüstungsdebatte 1979 bis 1983 und bei der potenziellen Ausrüstung der Bundeswehr mit atomaren Sprengköpfen 1957/58. Beide Male mobilisierte die Furcht vor der nuklearen Bedrohung die Öffentlichkeit, wenngleich die Art und Weise, in der Teile der Bevölkerung ihrer Angst Ausdruck verliehen, sehr unterschiedlich waren. In der DDR war öffentlicher Protest gegen die Aufrüstung im Land untersagt, erinneren die Ausstellungsmacher in ihrem Statement zur Schau: Initiativen Einzelner gegen die Stationierung sowjetischer Atomraketen wurden von der Staatssicherheit rasch unterbunden.

    • Kommentar aus den USA. Titel der Time  vom 24. August 1981 zur Debatte um den NATO-Doppelbeschluss
      Kommentar aus den USA. Titel der "Time" vom 24. August 1981 zur Debatte um den NATO-Doppelbeschluss
      © Foto : TIME/ Stiftung Haus der Geschichte/Axel Thünker
    • Verstrahlt? - Viele Menschen verzichten nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 auf Frischmilch. Hersteller werben mit behördlicher Kontrolle.
      Verstrahlt? - Viele Menschen verzichten nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 auf Frischmilch. Hersteller werben mit behördlicher Kontrolle.
      © Foto : Stiftung Haus der Geschichte/Axel Thünker
    • Waldsterben. Das Brettspiel Sauerbaum erscheint 1987 und bekommt einen Sonderpreis im Wettbewerb Spiel des Jahres. Es will den Blick schärfen für den bedrohten Wald.
      Waldsterben. Das Brettspiel "Sauerbaum" erscheint 1987 und bekommt einen Sonderpreis im Wettbewerb "Spiel des Jahres". Es will den Blick schärfen für den bedrohten Wald.
      © Foto : Stiftung Haus der Geschichte/Axel Thünker
    • Protest. Buttons aus den frühen 1980er Jahren auf der Jacke eines Aktivisten
      Protest. Buttons aus den frühen 1980er Jahren auf der Jacke eines Aktivisten
      © Foto : Stiftung Haus der Geschichte/Axel Thünker
    • Volkszählung. Eine aufwändige Imagekampagne soll 1987 die Notwendigkeit einer Volkszählung verdeutlichen.
      Volkszählung. Eine aufwändige Imagekampagne soll 1987 die Notwendigkeit einer Volkszählung verdeutlichen.
      © Foto : Stiftung Haus der Geschichte/Axel Thünker
    • Plakat zur Ausstellung
      Plakat zur Ausstellung
      © Foto : IGLHAUT und von GROTE GmbH, Berlin
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    © Foto : TIME/ Stiftung Haus der Geschichte/Axel Thünker
    Kommentar aus den USA. Titel der "Time" vom 24. August 1981 zur Debatte um den NATO-Doppelbeschluss

    „Der Wald stirbt“ – Umweltzerstörung

    Anfang der 1980er Jahre habe die Vorstellung eines großflächigen Waldsterbens die Öffentlichkeit in Panik versetzt, so die Organisatoren der Leipziger Ausstellung. Sie gehen den mannigfaltigen „Rettungsmaßnahmen" nach und fragt nach den langfristigen Wirkungen. In der DDR gab es das Waldsterben offiziell nicht. Wer das Gegenteil behauptete, habe mit mit Repressionen rechnen müssen.

    Eine zweite „Welle der Angst" habe die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 ausgelöst. Die über Deutschland hinweg ziehende Nuklearwolke verursachte in Teilen der Bevölkerung Angst vor einer Kontaminierung von Menschen, Böden und Lebensmitteln, die durch eine chaotische Informationspolitik der Behörden noch verstärkt wurde.

    „Big Brother is watching you“ – Datenschutz

    Die Ausstellung beschäftigt sich auch mit der Angst vor einem „Ausspähen" der Privatsphäre. Im Osten Deutschlands überwachte die Staatssicherheit die Bevölkerung flächendeckend. Vor dem Hintergrund bereits vorhandener Computerängste hätten aber auch die Volkszählung 1983 und Pläne für eine computergestützte Erfassung persönlicher Daten ebenfalls im Westen Besorgnisse vor einem „Überwachungsstaat" ausgelöst. Die Ausstellung will verdeutlichen, wie sich als Folge das Recht auf informationelle Selbstbestimmung etablierte und wie die Angst vor Datensammlungen im Rahmen des Internets erneut befeuert wird.

    Die Ausstellung „Angst. Eine deutsche Gefühlslage?" ist bis zum 10. Mai 2020 im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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    Tags:
    Deutschland, Atomkrieg, Angst, Umweltzerstörung, Flüchtlingskrise, Kultur, Kunst