05:12 18 November 2019
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    Opfer der Leningrad-Blockade

    Späte Geste für Opfer der Blockade von Leningrad: Bundesregierung schickt Geld nach Russland

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    Die Bundesrepublik zahlt zwölf Millionen Euro an Russland für noch lebende Opfer der Blockade von Leningrad im Zweiten Weltkrieg. Das geht aus einer aktuellen Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der AfD hervor, die Sputnik vorliegt. Vor 75 Jahren hat die Wehrmacht auf Befehl versucht, das heutige St. Petersburg auszuhungern.

    „Die Bundesregierung hat sich bereit erklärt, im Rahmen einer freiwilligen, humanitären Geste gegenüber den noch lebenden Opfern der Leningrad-Blockade, Leistungen in Höhe von insgesamt zwölf Millionen Euro zur Verfügung zu stellen.“ So heißt es in dem Antwortschreiben des Auswärtigen Amtes in Berlin vom 31. Oktober, das der Sputnik-Redaktion exklusiv durch das Büro des AfD-Bundestagsabgeordneten Anton Friesen vorliegt. Das Dokument wird als Bundestagsdrucksache Nr. 19-14195 gelistet.

    „Die AfD begrüßt jene humanitäre Geste der Bundesregierung für die Opfer der Leningrader Blockade“, kommentierte AfD-Bundestagspolitiker Friesen aus Südthüringen gegenüber Sputnik. Er ist Mitglied im Auswärtigen Ausschuss sowie im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe im Deutschen Bundestag.

    Zuvor hatte er gemeinsam mit AfD-Außenpolitikern im Bundestag wie Armin-Paul Hampel, Roland Hartwig oder Petr Bystron diese Kleine Anfrage an die deutsche Bundesregierung gestellt.

    „Unfassbares Leid“: Die Leningrader Blockade von 1941 bis 1944

    Zum historischen Hintergrund: Die Menschen in der früheren Stadt Leningrad – das heutige St. Petersburg – standen im Zweiten Weltkrieg kurz vor dem kollektiven Hungertod. Truppen der faschistischen deutschen Wehrmacht und deren Verbündete hatten Anfang September 1941 die russische Kulturstadt und Millionen-Metropole von allen Himmelsrichtungen her umstellt. Die Leningrader sollten ausgehungert werden, so lautete der damalige Befehl der Wehrmachtsleitung. Historiker gehen heute von etwa 1,1 Millionen Todesopfer – darunter größtenteils Russinnen und Russen – infolge der deutschen Blockade aus.

    Das Leid der Menschen in der insgesamt 900 Tage dauernden faschistischen Belagerung Leningrads von 1941 bis 1944 bleibe „schwer fassbar“. Das gab die Berliner Historikerin Corinna Kuhr-Koroljow im Februar 2019 bei einem Kolloquium im Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst zu bedenken. Sputnik berichtete damals vor Ort. Es war vor allem der russische Schriftsteller Daniil Granin, der Ende der 1970er Jahre Licht auf diese dunkle Epoche warf. Er verfasste damals mit seinem Co-Autor Ales Adamowitsch das bekannte „Blockadebuch“ und konnte so das damalige Leid der Menschen bis zum Aufbruch der Blockade von Leningrad durch die Rote Armee im Januar 1944 chronologisch dokumentieren.

    Zwölf Millionen Euro aus Berlin „für Modernisierungen und Begegnungen“

    Nun hat sich die Große Koalition in Berlin dazu bereit erklärt, Überlebende aus jener Zeit mit Geldern aus dem Bundeshaushalt zu unterstützen. Bis heute fehlt jedoch eine offizielle Entschuldigung der Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Deutschen Reichs für die Verbrechen der Wehrmacht an der Bevölkerung in Leningrad.

    Die AfD wollte mit der aktuellen Anfrage von der Bundesregierung wissen, welche „Projekte (…) gegenüber den Opfern der Blockade von Leningrad durch Bundesmittel in welcher Höhe gefördert werden.“

    In der vorliegenden Antwort beantwortet das deutsche Außenministerium diese Frage wie folgt:

    Die Summe von zwölf Millionen Euro werde demnach „für die Modernisierung eines Krankenhauses in Russland für Kriegsveteranen und für die Einrichtung eines deutsch-russischen Begegnungszentrums für die russische und deutsche Öffentlichkeit aufgewendet. (…) Für den Zeitraum von 2019 bis 2024 soll medizintechnische Ausstattung für das ‚Staatliche Krankenhaus für Kriegsveteranen und Blockadeopfer‘ in St. Petersburg bereitgestellt werden.“ Weiterhin sei ein deutsch-russisches Begegnungszentrum geplant, „das in Form von Begegnungsveranstaltungen den Austausch von Überlebenden der Blockade mit verschiedenen russischen und deutschen Vertretern vor allem der jüngeren Generation organisieren soll.“ Von den geplanten Projekten „können alle Überlebenden der Leningrad-Blockade, die in St. Petersburg und im Leningrader Gebiet leben, profitieren.“

    Die Russische Föderation beteilige sich finanziell „nicht an den geförderten Projekten“, so die Bundesregierung in der Antwort auf die Kleine Anfrage der AfD.

    Förderung der Projekte bis ins Jahr 2024

    Das Auswärtige Amt listet einige Details zu den geförderten Projekten in der russischen Kulturmetropole auf:

    Im laufenden Jahr 2019 habe die Bundesregierung für die genannten Projekte bereits 177.846 Euro zur Verfügung gestellt. Die Förderung bis 2024 umfasse zwölf Millionen Euro. Damit finanziere Deutschland „Veranstaltungen des Deutsch-Russischen Begegnungszentrums im Rahmen des Konzeptes ‚Erinnerungskultur‘ wie eine Gedenkstunde in St. Petersburg zum 75-jährigen Durchbruch der Blockade von Leningrad.“ Weiterhin sollen bis Februar 2021 etwa sechs Millionen Euro für die „Bereitstellung wesentlicher medizintechnischer Ausstattung für ein Rehabilitationszentrum sowie für ein modulares Sterilisationszentrum in einem St. Petersburger Krankenhaus“ zur Verfügung gestellt werden. Ferner solle das Geld verwendet werden, um deutsch-russische Schüleraustausch-Projekte und weitere Orte der interkulturellen Begegnung zu etablieren.

    In Deutschland und Russland gab es in den letzten Tagen, Wochen und Monaten mehrere Gedenkveranstaltungen anlässlich des 75-jährigen Endes der Blockade von Leningrad und der damit einhergehenden damaligen Befreiung der Bewohner. Darunter beispielsweise eine Konferenz über den 2017 verstorbenen „Blockadebuch“-Autor Granin im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst Mitte Oktober. Sputnik berichtete damals vor Ort. Aktuell können Interessierte in St. Petersburg eine Ausstellung zur historischen Entstehungsgeschichte des Blockadebuches besuchen. Diese Erinnerungsveranstaltung steht unter dem Motto: „40 Jahre Blockadebuch und 100 Jahre Daniil Granin“.

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    Tags:
    deutsch-russische Beziehungen, Wehrmacht, Zweiter Weltkrieg, Leningrad, Blockade, historische Aufarbeitung