02:58 15 November 2019
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    Gedenkort in Halle, Deutschland (Archiv)

    Jüdischer Gemeinde-Chef sieht Parallelen zwischen Reichspogromnacht und Halle-Anschlag

    © AP Photo / Jens Meyer
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    Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki, hat sich in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ über den am 9. Oktober erfolgten Angriff auf die Hallenser Synagoge ausgesprochen.

    In diesen Tagen wird der Reichspogromnacht gedacht, als jüdische Einrichtungen und Geschäfte in ganz Deutschland in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 von den Nazis angegriffen, beschädigt und zerstört wurden. Privorozki sieht eigenen Worten zufolge Parallelen zwischen diesem Ereignis und dem Attentat in Halle vor einem Monat.

    „Ich sehe Parallelen zwischen dem 9. November 1938 und dem 9. Oktober 2019, dem Tag des Anschlags in Halle auf unsere Synagoge“, zitiert das Blatt den 56-Jährigen.

    „Alltag hinter Gittern und Schutzmauern“

    Der Gemeindevorsitzende zeigte sich sehr besorgt über die bedrohliche Situation. Es sei „wirklich traurig“, wenn man „als Jude in Deutschland den Alltag hinter Gittern und Schutzmauern verbringen“ soll.

    „Wir beobachten aber mit Unruhe, dass in Deutschland Antisemitismus mit großer Geschwindigkeit immer krasser wird. Sich offen als Antisemit zu zeigen, ist nicht mehr peinlich.“

    Fühlt sich seit zwei Jahren in Deutschland nicht mehr zu Hause

    Er habe bereits vor dem Attentat darüber nachgedacht, nach Israel auszuwandern. Der aus Kiew stammende Mathematiker fühle sich „schon seit ein paar Jahren nicht mehr so wohl in meiner Stadt, in meinem Land“.

    „Ich lebe seit 29 Jahren hier, und die meiste Zeit habe ich mich in Deutschland zu Hause gefühlt. Aber seit ein paar Jahren eben nicht mehr.“

    Privorozki forderte sofortige Maßnahmen gegen Antisemitismus und Judenhass, sonst werde die jüdische Gemeinschaft in Deutschland überhaupt keine Zukunft haben.

    Hallenser Polizisten schützen nun alle jüdischen Objekte

    Laut Privorozki, der während des Angriffs selbst im Gebetshaus war, stand es am Tag des Anschlags nicht unter Polizeischutz. Jetzt steht immer eine Polizeistreife „vor der Synagoge und vor allen anderen jüdischen Objekten in Halle“. Die Gemeinde werde durch Politiker und Medien ständig an den Anschlag erinnert und sei „absolut erschöpft“.

    Angriff von Halle

    In Halle an der Saale hatte am 9. Oktober ein Deutscher versucht, sich mit illegal beschafften Waffen Zutritt zu einer Synagoge zu verschaffen, wo der größte jüdische Feiertag Jom Kippur begangen wurde. Nachdem sein Plan misslang, erschoss der 27-Jährige auf offener Straße eine Frau und kurz danach einen Mann in einem Döner-Imbiss.

    Der vermutliche Täter hat ein rechtsextremistisches, antisemitisches Motiv eingeräumt und sitzt in U-Haft.

    Reichspogromnacht

    Als Novemberpogrome 1938 werden vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden in Deutschland und Österreich bezeichnet. Dabei wurden vom 7. bis 13. November etwa 800 Juden ermordet, 400 davon in der Nacht vom 9. auf den 10. November, die Reichspogromnacht und manchmal auch Reichskristallnacht genannt wird. Der letzte Begriff wird oft als verharmlosend angesehen und deswegen kritisiert.

    Über 1400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Menschen wurden erniedrigt, ermordet und durch Gewaltaktionen in den Selbstmord getrieben. Rund 26.000 Männer und Jugendliche wurden in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt. Viele von ihnen starben. Andere wurden gezwungen, auf ihr Eigentum zu verzichten.

    Die Pogrome von 1938 markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die in den Jahren des Zweiten Weltkrieges in den Holocaust mündete.

    mo/mt

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    Tags:
    Reichsprogromnacht, Halle, Deutschland