09:53 10 Dezember 2019
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    Lidow präsentiert seine Studie

    Ist westliche Berichterstattung über Russland ausgewogen? - Forscher klären auf

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    Wie objektiv ist das Bild Russlands in den westlichen Medien? Die Nachrichtenagentur „Rossiya Segodnya“ hat 82.000 Publikationen über Russland ausgewertet, die im ersten Halbjahr 2019 in den meistgelesenen Medien der G-7 erschienen sind. Befolgen diese Medien auch die von ihnen deklarierten Standards eines ausgewogenen Journalismus?

    Laut dem Kommunikationschef der Nachrichtenagentur, Pjotr Lidow, ist im Westen die Meinung verbreitet, „Sputnik“ sei ein Propagandainstrument. „Deshalb wollten wir uns mit westlichen Spitzenmedien vergleichen. Wir setzten uns mit den zehn führenden Medien eines jeden Landes auseinander und analysierten den Ton ihrer Veröffentlichungen über Russland.“

    Gemessen an der Zahl der Russlandberichte liegt Großbritannien mit 25.000 Veröffentlichungen vor den übrigen G7-Ländern. Deutschland beispielsweise hat nur die Hälfte davon zu verbuchen. Dabei wird in den britischen Medien über Russland ungefähr so viel berichtet wie über China oder Deutschland. Führend sind dabei  „Financial Times“ und „Daily Mail“. 40 Prozent aller Publikationen in „Daily Mail“ über Russland sind negativ, so Lidow, „mit geradezu erheiternden Titeln. Und Putin fehlt fast nie darin! Und fast immer wird versucht, sein Denken zu ergründen, nach dem Motto ,Putin sinnt nichts Gutes‛…“

    Der Experte betont: „Was auch immer passiert, alles wird auf Putin bezogen und sehr oft beruft man sich dabei auf die Geschichte. Man erinnert sich gern an GULAG, was die Assoziationskette Putin — GULAG — blutiges Regime auslöst. Auch Tschernobyl gehört mit dazu: „Die Russen haben die Daten geheim gehalten“. Die britischen Medien enthalten 60 Prozent neutrale Informationen bei nur einem Prozent positiver Beiträge. Letztere hatte ich mir zahlreicher gedacht“, so der Kommunikationschef.

    Bei den positiven Beispielen geht es vorwiegend um sportlich-kulturelle Beiträge:

    „Eine sexy Blondine aus Putins Topgarde hat den Schönheitswettbewerb für russische Armeeangehörige gewonnen“. Unter den 450 wesentlichen Beiträgen des Vorreiters der britischen demokratischen Presse, der ältesten „Times“ zu Russland sind 70 Prozent negativ.  Das Blatt hat übrigens Fotos aller Mitarbeiter von „Sputnik“ veröffentlicht, im Stil der russlandfeindlichen ukrainischen Internetseite „Friedensstifter“, die selbst von der deutschen Regierung schon mal verurteilt wurde. „Schade, dass da Postanschriften und Telefonnummern fehlen“, so Lidow. „Auch im Titel stand etwas Ähnliches wie ‚Verräter der Heimat‛.“
    „Eine sexy Blondine aus Putins Topgarde hat den Schönheitswettbewerb für russische Armeeangehörige gewonnen“
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    „Eine sexy Blondine aus Putins Topgarde hat den Schönheitswettbewerb für russische Armeeangehörige gewonnen“

    Deutschland rangiert mit 15.000 Beiträgen über Russland, was knapp 20 Prozent der Beiträge der Weltpresse ausmacht, an zweiter Stelle hinter Großbritannien und weist komischerweise die brutalsten Titel auf. Typisch für Deutsche und Briten ist, dass vor allem finanziell-wirtschaftliche Blätter über Russland berichten. Dabei wiederholt sich in Deutschland das britische Muster: 50 Prozent negative, 48 Prozent neutrale und nur 0,9 Prozent positive Publikationen, und zwar zu Sibirien, Sehenswürdigkeiten und Tourismus.

    Publikationen über Russland in deutschen Medien
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    Publikationen über Russland in deutschen Medien

    „Die Welt“ und „Bild“ führen gemessen an dem Prozentanteil des Negativen. Die Themen unterscheiden sich etwas von den britischen. Das sind Wahlen, „Nord Stream 2“, was für Deutschland natürlich aktuell ist, ferner die Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Nato in Richtung „die wachsende Militärstärke Russlands bzw. die Gefahr aus dem Osten“. Auch die russische Innenpolitik wird von ihnen analysiert. Viel berichtet wird über Protestaktionen, angebliche Internetzensur und internationale Krisen rund um Syrien, Ukraine, Venezuela.

    Anzahl der negativen Beiträge zu Russland in den Top-Medien Deutschlands im Verhältnis zu ihrer Gesamtzahl
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Anzahl der negativen Beiträge zu Russland in den Top-Medien Deutschlands im Verhältnis zu ihrer Gesamtzahl

    In den US-Medien komme alles deutlicher zum Vorschein, so Lidow. „Auf Platz eins rangiert der Fernsehsender CNN. Er spricht unter anderen am meisten über Russland und zu 90 Prozent negativ. Die neutralen Beiträge kommen nicht über neun Prozent hinaus. Der Anteil der positiven Publikationen beträgt 0,2 Prozent. Die populärste ‚USA Today‛: ‚Raketen schwingend, provoziert Putin Trump zum Gegenzug‛.“

    Anzahl der negativen Beiträge zu Russland in den US-Top-Medien im Verhältnis zu ihrer Gesamtzahl
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    Anzahl der negativen Beiträge zu Russland in den US-Top-Medien im Verhältnis zu ihrer Gesamtzahl

    Dagegen stammt die meiste neutrale Berichterstattung über Russland aus Frankreich, das von der amerikanischen Politik weniger abhängt und traditionell seinen eigenen Standpunkt vertritt. Dies wirkt sich Lidow zufolge auf die Medien aus, die radikale Bewertungen möglichst vermeiden.

    „Am meisten schreiben über Russland ‚Libération‛, ‚Le Monde‛ und ‚Le Figaro‛. Hinsichtlich des Tonfalls ist hier ein spürbarer Fortschritt zugunsten Russlands zu verzeichnen: nur (!) 26 Prozent negative, 70 Prozent neutrale und ganze vier Prozent positive Beiträge. Dies ist schon ernst zu nehmen, weil die positiven Werte anderer westlicher Medien im Bereich der statistischen Abweichung liegen.“

    In der Studie wird betont, dass die Franzosen korrekter, wenn auch nicht viel über Russland schreiben. Positive Beleuchtung beschränkt sich auf Fragen rund um Kultur und Kunst wie Oper oder Ballett. Die meisten negativen Berichte über Russland stammen von der ‚Libération‛. Diese Zeitung führt dabei mit großem Abstand

    Anzahl der negativen Beiträge zu Russland in den Top-Medien Frankreichs im Verhältnis zu ihrer Gesamtzahl
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    Anzahl der negativen Beiträge zu Russland in den Top-Medien Frankreichs im Verhältnis zu ihrer Gesamtzahl

    Angenehm überrascht wurden die Forscher von Italien. „23 Prozent negative Berichterstattung lassen sich als Erfolg bezeichnen, bei 63 Prozent neutralen und 13 Prozent positiven.“ Lidow führt dies auf das Vorhandensein eines politischen Dialogs zwischen Russland und Italien zurück. „Im Apennin gibt es ziemlich einflussreiche politische Kräfte, die sowohl gegen die Sanktionen als auch gegen die antirussische EU-Politik auftreten.“

    Der Experte zieht Bilanz: Egal was Positives im Westen über Russland geschrieben wird, sind die US- und britischen Medien die weltweit einflussreichsten und meistzitierten.

    „Daher lässt sich behaupten, dass sie den Welttrend bei der Berichterstattung über Russland prägen. Dabei mangelt es ihnen an Ausgewogenheit. Der Schwerpunkt ist Richtung negative Darstellung Russlands verlagert. Dies kommt auch nicht allein im Themenkreis eines Presseorgans, sondern auch innerhalb jedes einzelnen Beitrags zur Geltung. Höchst selten wird ein Standpunkt vertreten, der eine Alternative zum negativen Mainstream bietet.“

    Lidow weiter: „Da die USA in ihrer nationalen Sicherheitsdoktrin Russland als ihren potentiellen Kriegsgegner betrachten, ist verständlich, dass man sich an die negative Darstellung allen Geschehens rund um Russland sehr genau hält. Die einseitige Berichterstattung wird der Staatspolitik angepasst und wird stabil seit mehreren Jahren betrieben“. Der Experte schließt daraus, dass es sich eben um Propaganda handelt. „Da ist die Staatspolitik, da sind auch die Medien, die in ihrem Fahrwasser bleiben und über Russland entsprechend berichten.“

    Lidow präsentiert seine Studie
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    Lidow präsentiert seine Studie

    Die Forscher haben ihr Projekt „Oktopus“ genannt, da Russland seit knapp 150 Jahren als Krake dargestellt wird. Daran ändert sich seit Jahrzehnten nichts und wird sich kaum je etwas ändern. Übrigens startet „Rossiya Segodnya“ ein Projekt zur russischen Berichterstattung über westliche Länder, das zeigen soll, inwieweit die hiesige Informationspolitik ausgewogen ist. Es wird spannend zu sehen, was dabei herauskommt.

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