13:29 16 Dezember 2019
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    Willy Wimmer präsentiert sein neues Buch im Bundestag am 27. November 2019

    „Strategisches Versagen des Westens“: Willy Wimmer Exklusiv zu 100 Jahre Versailles

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    Auf Einladung von AfD-Abgeordneten präsentierte der CDU-Spitzenpolitiker Willy Wimmer am Mittwoch im Bundestag sein Buch: „Und immer wieder Versailles.“ Sputnik war vor Ort. Im Interview spricht Wimmer über Weltfrieden, seinen deutsch-russischen Co-Autor Alexander Sosnowski und wie der Versailler Vertrag bis heute Deutschland politisch belastet.

    „Das ist ein geschichtsvergessenes Versagen der Bundesregierung, in diesem Jahr, als sich Versailles zum 100. Mal gejährt hat, nicht an dieses Datum zu erinnern und keine Gedenkveranstaltungen national und international durchzuführen“, sagte CDU-Spitzenpolitiker, Jurist und Autor Willy Wimmer im Sputnik-Interview am Mittwochabend im Deutschen Bundestag. „Dieses Datum – Versailles 1919 – hat das deutsche Elend besiegelt und einen Weg des Verhängnisses für Deutschland aufgemacht.“ Der langjährige Vertraute von Alt-Kanzler Helmut Kohl betonte, dass das geschlagene Deutschland an der damaligen Konferenz im Pariser Vorort Versailles nicht beteiligt wurde. „Damals wurde Deutschland die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg entgegen jeder historischen Wahrheit zugeteilt.“ Damit bezog sich der CDU-Sicherheitspolitiker beispielsweise auf die britischen Rüstungsanstrengungen, die vor 1914 in Europa den Stand der deutschen militärischen Aufrüstung weit überstiegen. 

    Autor und CDU-Politiker Willy Wimmer (3L) sprach am Mittwoch auf Einladung der AfD im Deutschen Bundestag
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    Autor und CDU-Politiker Willy Wimmer (3L) sprach am Mittwoch auf Einladung der AfD im Deutschen Bundestag

    Wimmer präsentierte auf Einladung der AfD-Bundestagsabgeordneten Franziska Gminder, Alexander Gauland, Bernd Baumann und Uwe Hemmelgarn auf dieser Vortragsveranstaltung im Bundestag sein neues Buch „Und immer wieder Versailles: Ein Jahrhundert im Brennglas“. Im Juni 1919 unterzeichneten die ehemaligen Kriegsmächte im Schloss von Versailles bei Paris den Versailler Vertrag. Das besiegte Deutschland musste dabei die Bedingungen der Siegermächte, darunter die USA, Großbritannien und Frankreich, akzeptieren.

    Wimmer kritisiert Bundesregierung: „Wieso wird Versailles verschwiegen?“

    Dieses Werk hat er gemeinsam mit Co-Autor Alexander Sosnowski erarbeitet, einem deutsch-russischen Politologen und Publizisten. Darin wird der historische Vertrag von Versailles kritisch betrachtet, der den Ersten Weltkrieg zwar beendete, aber bis heute politische Konsequenzen nach sich ziehe.

    Siegessäule in Berlin (Archivbild)
    © AFP 2019 / dpa / Paul Zinken

    „Wenn eine Bundesregierung hingeht und dieses Datum verschweigt und so tut, als hätte es Versailles nie gegeben“, kritisierte Wimmer im Sputnik-Gespräch vor Ort, „dann muss man eine Einladung (der AfD, Anm. d. Red.) nach Berlin annehmen. Und das habe ich auch getan. Ich bin gerne hierher gekommen, weil man dieses Thema im Reichstag behandeln muss. Dieses Thema gehört hier nach Berlin in den Reichstag, wo derzeit der Bundestag tagt.“ Denn schließlich gebe es noch einen weiteren Zusammenhang, der immer wieder betont werden müsse: „Ohne Versailles kein Adolf Hitler und ohne Hitler kein Krieg in Polen 1939. Das muss man so deutlich sagen.“

    Laut dem Versailler Vertrag hatte Deutschland als Kriegsverlierer Wiedergutmachung in Milliardenhöhe für die Schäden aus dem Ersten Weltkrieg zu leisten. Diese Zahlungen sind aktuell laut dem Historiker Wolfgang Benz „fiskalisch erledigt“, wie der Geschichtsforscher in einem früheren Sputnik-Interview darlegte.

    Schatten von Versailles belastet bis heute

    Der Vertrag von Versailles ist aus Sicht Wimmers die Blaupause für das heutige Vorgehen westlicher Mächte wie den USA oder Großbritannien gegen Russland.

    „Das Problem von Versailles war, dass man uns als Deutschland nicht an den Tisch geholt hatte. Man hat uns dazu die Alleinschuld aufgebürdet. Das ist eine Vorgehensweise, wie man sie nach 1990 und der Wiedervereinigung Deutschlands gegenüber der Russischen Föderation an den Tag gelegt hat. Deswegen wäre eine Beschäftigung mit Versailles aus meiner Sicht eine Mahnung an alle, es mit der Russischen Föderation nicht so zu treiben wie man es mit Deutschland getrieben hat. Ich glaube, dass das der Grund ist, keine Erinnerungsveranstaltungen durchzuführen, weil man da das strategische Versagen des Westens gesehen hat.“

    Wimmer über das „Versailles für Russland“

    Damals nach der Wende hatte die sowjetische Führung „der Zusage der Nato – also der Bundesrepublik und der Vereinigten Staaten – vertraut, dass es nicht zu einer Nato-Osterweiterung kommt“, blickte der frühere Parlamentarische Staatssekretär im Bundes-Verteidigungsministerium zurück:

    „Ich selber habe die Denkschrift für Bundeskanzler Helmut Kohl geschrieben, was die Truppenstationierung betrifft. Wir waren damals der Auffassung, dass nur deutsche Verbände auf dem Territorium der DDR stehen sollten. Ein Zeichen dafür, dass unter keinen Umständen eine Osterweiterung angedacht werden sollte. Die Aussagen von US-Präsident Bush hatten das deutlich gemacht. Was soll man glauben, wenn nicht den Worten eines US-amerikanischen Präsidenten?“

    Wimmer zog eine historische Parallele: Auch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hatte Deutschland auf den 14-Punkte-Plan vom damaligen US-Präsidenten Woodrow Wilson „gebaut und sich so Versailles eingehandelt.“ Russland bzw. der Sowjetunion sei es nach 1990 genauso ergangen.

    „Wer mit der Pistole auf die Geschichte zielt …“

    Wimmer zitierte Michail Gorbatschow, der einst vom „gemeinsamen Haus Europa“ sprach, in dem alle europäischen Völker „wohnen“ sollten. „Alle gehören an einen Tisch. Doch das verwehrt man der Russischen Föderation bis heute und schließt sie in einer Art und Weise aus, wie es damals gegenüber Deutschland gewesen ist. Deswegen spreche ich auch von einer Blaupause in diesem Zusammenhang.“

    Genau aus dieser Motivation heraus hat Wimmer auch gemeinsam mit Co-Autor Sosnowski dieses Buch verfasst. Der Vertrag von Versailles sei eben kein verstaubtes Thema ohne heutige Bedeutung, sondern bis heute entscheidend für die Deutschland, Europa und die Weltpolitik.

    „Das Buch ist der Nachweis dafür, dass man in historischen und politischen Zusammenhängen in der Geschichte graben muss. Mein Co-Autor Professor Alexander Sosnowski – übrigens der bekannteste deutsche Kommentator im russischen Fernsehen – hat diesem Buch einen Satz vorangestellt: ‚Wenn man mit der Pistole auf die Geschichte zielt, dann kommt einem eine Kanonenkugel in der Zukunft entgegen.‘ Das heißt: Wir müssen die Geschichte kennen, um die Dinge beurteilen zu können. Bis heute sind 1,5 Millionen Dokumente (zum Ersten Weltkrieg, Anm. d. Red.) in London gesperrt und nicht der Öffentlichkeit zugänglich. Wir haben es mit einem bewussten Mauern zu tun, was die wirklichen Kriegsursachen betrifft. Vor diesem Hintergrund muss man die Geschichte kennen, um die Entwicklung des eigenen Staates und Volkes einschätzen zu können.“

    „Ziel muss der Weltfrieden sein“

    Deshalb habe auch der UN-Generalsekretär Antonio Guterres bei seinem aktuellen Besuch in Deutschland deutlich gemacht, dass „derzeit die Vereinigten Staaten und China wie zwei Züge auf einem Gleis aufeinander zu fahren. Er hat gestern an die Welt appelliert, Einfluss geltend zu machen, damit es nicht zur großen Kriegskatastrophe kommt.“ Die UNO könne als Organisation zwar kritisch gesehen werden, aber „wenn der UN-Generalsekretär in seiner Verantwortung für den Weltfrieden solche immanenten und drohenden Gefahren anspricht, dann greift man nicht zu weit, wenn man sagt: Es ist kritisch.“ Deutschland ist mit seinem Nato-Beitritt „einem Verteidigungs-Bündnis beigetreten und keinem aggressiven Kriegs-Bündnis“, betonte er.

    Dabei sei es vor allem Deutschland mit seiner langen Tradition deutscher Friedenspolitik, das einen Beitrag zum Weltfrieden leisten könnte. Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher, Helmut Schmidt und Willy Brandt – alles bedeutende deutsche Friedenspolitiker, mit denen sich der heutige Außenminister Heiko Maas (SPD) niemals vergleichen dürfe. „Der Mann, der die Hände immer in den Hosentaschen hat, hat den Namen Außenminister nicht verdient“, kritisierte der CDU-Politiker „Was tut Deutschland denn heute weltpolitisch für den Weltfrieden?“ Wimmer lobte abermals die „bedeutende Rede“ von Wladimir Putin im Bundestag im Jahre 2001, als der russische Präsident versucht hatte, dem Westen freundschaftlich die Hand zu reichen. Doch der Westen schlug dieses Angebot aus. Dies sei ein historischer Fehler gewesen. Denn: Richtige Schlüsse aus Versailles ziehen bedeute eben, Frieden mit Russland zu gestalten.

    „Trump droht, sich mit Putin vernünftig zu verständigen“, blickte Wimmer auf das derzeitige US-russische Verhältnis. Dies sei keine Bedrohung, sondern ein Lichtblick für einen möglichen Weltfrieden. „Wer die Lehren von Versailles nicht ernst nimmt, rennt in das nächste historische Verderben“, warnte er nach dem Interview, als er vor dem Publikum im voll gefüllten Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, einem Gebäude-Komplex im Deutschen Bundestag, seine Rede hielt.

    AfD beglückwünscht Wimmer zu Friedenspreis

    Zuvor eröffnete der AfD-Abgeordnete Bernd Baumann mit einer Rede die dortige Veranstaltung. Er zitierte den früheren Bundespräsidenten Theodor Heuss, der einst sinngemäß sagte: „Ohne Versailles keine Nazi-Diktatur.“. Danach bestätigte AfD-Fraktionschef Alexander Gauland die Worte Wimmers, als er sagte: „Man kann Hitler nicht ohne Versailles denken“.

    Versailles war „kein Verbrechen, sondern es war eine Dummheit“, zitierte Gauland einen alten Ausspruch des französischen Staatsmannes Charles-Maurice de Talleyrand.

    Die Bundestagspolitikerin Franziska Gminder (AfD) beglückwünschte Wimmer anschließend zum „Bautzener Friedenspreis 2019“, den der CDU-Politiker im Januar für seine politische und diplomatische Lebensleistung erhalten hatte. Sie las aus der Laudatio vor.

    In der abschließenden Diskussionsrunde beantwortete Wimmer Fragen aus dem Publikum und erhielt sogar eine Fahne der „Deutsch-Russischen Freundschaft“ durch eine Mitarbeiterin vom Friedens-Verein „Druschba Global“ überreicht. Sie schätze die Arbeit und Friedensbemühungen des CDU-Politikers sehr, lobte sie. Eine passende Geste: „Druschba“ ist das russische Wort für Freundschaft.

    Willy Wimmer mit Alexander Sosnowski: „Und immer wieder Versailles: Ein Jahrhundert im Brennglas“, 216 Seiten, Verlag Zeitgeist, 21,90 Euro, Mai 2019.

    Das Buch ist überall im Handel erhältlich.

    Das Radio-Interview mit Willy Wimmer zum Nachhören:

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    Versailler Vertrag, Zweiter Weltkrieg, NATO, Bundestag, Anatomie, Deutschland, Russland, Erster Weltkrieg, AfD, Willy Wimmer