15:03 16 Dezember 2019
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    Gefängnis (Symbolbild)

    „Keine Ahnung, was ich gern zum Frühstück esse“ –Deutscher nach 33 Jahren aus US-Haft entlassen

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    Den größten Teil seines Lebens hat Jens Söring, Sohn eines deutschen Diplomaten, wegen Doppelmordes in einem US-Gefängnis eingesessen. Dabei bestanden erhebliche Zweifel an seiner Schuld. Nun wird Söring auf Bewährung entlassen und nach Deutschland abgeschoben.

    Nach 33 Jahren Haft in den USA wird der wegen Doppelmordes verurteilte Deutsche Jens Söring auf Bewährung freigelassen und nach Deutschland abgeschoben. Adrianne Bennett, Vorsitzende des Begnadigungsausschusses im US-Bundesstaat Virginia, bezeichnete die Entscheidung unter Verweis auf Sörings junges Alter zum Tatzeitpunkt und die Länge der verbüßten Strafe als angemessen. Dass Söring schuldig ist – daran scheint die US-Justiz jedoch keinen Zweifel zu haben. Begnadigt wird der 53- Jährige nicht, zudem wird er mit einem Einreiseverbot in die USA belegt.

    Der Doppelmord am Ehepaar Haysom

    Jens Söring, geboren 1966 in Bangkok als Sohn eines deutschen Diplomaten, wurde des brutalen Mordes an den Eltern seiner Freundin Elizabeth Haysom am 21. Juni 1990 für schuldig befunden und am 4. September 1990 zu zweimal lebenslänglich verurteilt. Nach einem anfänglichen Geständnis hatte Söring seither stets seine Unschuld beteuert und zusammen mit teils prominenten Mitstreitern für seine Freilassung gekämpft. Anfang 2019 lehnte das Parole Board seinen Antrag auf frühzeitige Entlassung auf Bewährung zum vierzehnten Mal ab.

    Am 30. März 1985 soll der damals 18-jährige Student Jens Söring das Ehepaar Derek und Nancy Haysom in dessen Haus in Bedford County brutal ermordet haben. Mit einem Jagdmesser soll Söring die Eheleute erstochen und ihnen die Kehlen durchgeschnitten haben. Dazu angestiftet haben soll ihn seine damalige Freundin Elizabeth, die 20-jährige Tochter der Eheleute. Elizabeth soll ihre Eltern gehasst und der Mutter sexuellen Missbrauch vorgeworfen haben. Nach einer Flucht durch Asien und Europa war das junge Paar am 30. April 1986 in London wegen Checkbetrugs verhaftet worden und geriet anschließend ins Fadenkreuz der Mordermittler. Anfang Juni desselben Jahres gestanden beide, den Mord begangen zu haben, wonach Elizabeth Haysom umgehend den US-Behörden übergeben wurde. Die junge Frau wurde am 6. Oktober 1987 zu zweimal 45 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Auslieferung von Söring erfolgte erst im August 1989, nachdem die britische Regierung die Zusicherung der USA erhalten hatte, dass gegen Söring keine Todesstrafe verhängt werden wird.

    Dürftige Beweise, unzulängliche Verteidigung und voreingenommene Justiz?

    Bei seinen Vernehmungen durch die Polizei hatte Jens Söring zunächst die Schuld auf sich genommen – um seine Freundin Elizabeth Haysom vor der Todesstrafe zu bewahren, wie er später sagte. Er sei damals fälschlicherweise davon ausgegangen, dass er als deutscher Diplomatensohn einen gewissen Grad an Immunität genießt und nach Deutschland überstellt wird, wo ihm bei einer Verurteilung nach Jugendstrafrecht maximal zehn Jahre Haft drohen würden. Bei seiner Gerichtsverhandlung 1990 sagte Söring hingegen aus, Elizabeth Haysom sei die wahre Täterin und hätte möglicherweise einen weiteren Komplizen gehabt.

    Die Beweisführung der Anklage stützte sich vor allem auf Blutspuren am Tatort. Neben dem Blut der beiden Opfer, die Blutgruppe A bzw. AB hatten, sind im Haus der Haysoms Spuren der Blutgruppe B (wie Elizabeth Haysom sie hat) und solche der Blutgruppe 0 gesichert worden. Jens Söring hat Blutgruppe 0 – wie etwa 43 Prozent der Bevölkerung. Das serologische Gutachten war das Hauptbeweismittel, um Jens Söring als Täter zu identifizieren. DNA-Abgleiche, die zur Zeit des Prozesses zwar noch neu, aber bereits möglich waren, wurden nicht durchgeführt.

    Eine zentrale Rolle für die Urteilsfindung der Jury habe nach Aussage eines Jury-Mitglieds außerdem ein verwischter blutiger Sockenabdruck am Tatort gespielt. Der ehemalige FBI-Techniker Robert Hallett, der auf die Analyse von Reifen- und Gurtabdrücken spezialisiert war, wurde von der Anklage in den Zeugenstand gerufen, um diesen Abdruck zu analysieren. Dabei sei ihm vom Gericht nicht der Status eines Sachverständigen eingeräumt worden, betonen Sörings Mitstreiter. Hallett sagte aus, er könne auf Grundlage seiner vergleichenden Untersuchung nicht ausschließen, dass der Abdruck zum Fuß des Angeklagten passe. Trotz des fehlenden Status als Sachverständiger und der auf Mutmaßungen basierenden Aussage wurde Halletts Schlussfolgerung von Staatsanwalt John Updike als starker Beweis für Sörings Schuld präsentiert. Ein Auszug aus dem Gerichtsprotokoll (Seite 92):

    "‘Miss Haysoms Fuß ist nicht groß genug, um einen so großen Abdruck zu hinterlassen. Dies ist nicht Elizabeths Fußabdruck. Man kann dasselbe mit allen anderen tun, aber mir fehlt dazu die Zeit. Vielleicht sollten wir hier für einen Moment über Jens Söring sprechen.‘ Er beginnt, den Geschworenen gegenüber all die Merkmale aufzuführen, von denen er sagt, Jens' nackter Fußstimmt mit der Socke überein."

    Bei nachträglichen Untersuchungen sind in beiden Fällen Beweise erbracht worden, die diese für die Verurteilung so essentiellen Punkte zu entkräften scheinen. So wurde auf Veranlassung von Sörings Juristen 2009 ein DNA-Abgleich der Blutspuren durchgeführt, wobei bei allen 11 noch erhaltenen Proben sowohl Jens Söring als auch Elizabeth Haysom als Quellen ausgeschlossen werden konnten. Stattdessen fand man DNA-Spuren zweier unbekannter Männer.

    Bei dem Sockenabdruck hat es sogar von Anfang an ein Gutachten gegeben, das Söring entlastete. Am 7. Juni 1985 stellte Rick Johnson, forensischer Wissenschaftler des damaligen Virginia Bureau of Forensic Sciences, in seiner Untersuchung fest, dass der Abdruck mit seiner kleinen Größe von einer Frau oder einem Kind stammen müsse.  Mit einer Schuhgröße, die deutlich darüber liegt, hätte Söring also als Verursacher des Abdrucks ausgeschlossen werden müssen. Die Anklage verzichtete jedoch darauf, der Jury Johnsons Erkenntnisse zu präsentieren oder ihn in den Zeugenstand zu rufen und berief sich lieber auf die Aussagen des Reifenabdrucks-Experten Hallett.

    Neben diesen beiden Hauptpunkten führen Sörings Juristen und Mitstreiter diverse andere Unstimmigkeiten in der Beweisführung und Fälle auf, in denen aus ihrer Sicht die Jury nicht vollständig informiert oder in die Irre geführt worden ist. Zudem sei Sörings damaliger Verteidiger, der später angab, unter Suchtproblemen und einer psychischen Erkrankung zu leiden, nicht kompetent gewesen.

    „Söring würde heutzutage aufgrund der neuen Beweise, die ans Licht gekommen sind oder der Beweise, die entweder unsachgemäß eingereicht oder den Geschworenen vorenthalten wurden, nicht verurteilt werden“, befindet auch J. E. Harding, Sheriff von Albemarle County, der von Sörings Anwalt Steven Rosenfield beauftragt worden war, die Ermittlungsakten zu überprüfen. 

    Einspruch

    Obwohl sich sowohl die Medien als auch die Politik zugunsten Sörings aussprechen, gibt es bis heute auch solche, die seine Schuld allen neuen Beweisen zum Trotz als zweifelsfrei erwiesen sehen. Zu ihnen gehört Andrew Hammel, der von 1996 bis 2005 als Verteidiger für Strafgefangene im Todestrakt texanischer Gefängnisse tätig war und heute als Schriftsteller und Übersetzer in Deutschland lebt.

    In einem sehr ausführlichen Artikel bei der FAZ am 26. November 2019 legt Hammel dar, weswegen Söring aus seiner Sicht vollkommen zu Recht für den Doppelmord an den Haysoms verurteilt worden ist. Die Berichterstattung über die Beweise, die erhebliche Zweifel an Sörings Schuld aufkommen lassen, bezeichnet er als „beispiellose Kampagne“ der Journalisten, bei denen sie „jeden Ansatz von Neutralität über Bord geworfen haben“. Das Ergebnis sei „eine völlig verzerrte Wahrnehmung des Falls und eine ungerechtfertigte Verurteilung der angeblich voreingenommenen amerikanischen Strafjustiz“.

    In seiner eigenen Analyse des Falls sieht er die Beweise, die Söring in den Augen der anderen entlasten, als Versuch der Relativierung und Täuschung. Selbst die DNA-Analyse tut er ab:

     „Hätte die DNA wirklich die Unschuld Sörings bewiesen, hätte Virginia ihn längst freigelassen, wie in dutzenden anderen Fällen bereits geschehen.“

    Jens Söring blickt neuem Leben entgegen

    Unabhängig von Kritikern wie Hammel, die in ihm noch immer den Mörder sehen, darf sich der inzwischen 53-jährige Jens Söring auf seine baldige Überstellung nach Deutschland und ein Leben in Freiheit freuen.

    Aktuelle Einblicke in die Gedankenwelt von Söring bietet sein Twitter-Account, über den regelmäßig Zitate des Häftlings in Deutsch und Englisch verbreitet werden. So teilt Söring aus der Abschiebehaft rückblickend mit, er habe jeden einzelnen der 12.253 Tage, die er im Gefängnis verbracht habe, gehasst.  Vielleicht sei die Todesstrafe die humanere Alternative zu lebenslanger Haft, überlegt er in einem anderen Tweet. In den 33 langen Jahren hinter Gittern habe er keine einzige Entscheidung getroffen und wisse nicht einmal, was er gern zum Frühstück esse, so Söring weiter:

    ​In den jüngsten Tweets vom Donnerstag richten sich Sörings Gedanken offenbar schon in Richtung Freiheit. Er lässt aus der Abschiebehaft in Farmville grüßen und lobt das Essen dort. Zugleich sinnt er darüber nach, wie sich die vergangenen 33 Jahre auf sein restliches Leben auswirken werden:

    ​Der Ablauf der Überstellung Sörings nach Deutschland wird derzeit zwischen den jeweiligen Behörden ausgearbeitet. So hieß es am Mittwoch vom Auswärtigen Amt in Berlin:

    „Unsere Botschaft betreut Söring weiterhin konsularisch und steht bezüglich weiterer Schritte in engem Kontakt mit dem Rechtsanwalt sowie Behörden vor Ort.“

    CDU-Transatlantik-Koordinator Peter Beyer hält die anstehende Freilassung von Jens Söring für eine gute Nachricht, auch wenn er betont, Söring sei rechtskräftig verurteilt worden und er selbst könne nicht beurteilen, ob das richtig oder falsch gewesen sei. Die Dinge lägen aber nun mal so, dass „einfach sehr viele Zweifel an seiner tatsächlichen Tatbeteiligung festgestellt werden konnten“, so Beyer gegenüber dem Deutschlandfunk. Der CDU-Politiker hatte Söring im vergangenen Juli im Gefängnis besucht und bescheinigt ihm mentale Stärke und physische Fitness.

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    Tags:
    USA, Haft, Justiz