09:46 11 Juli 2020
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    Zum zweiten Mal in Folge gehen Leistungen deutscher Schüler beim Pisa-Test zurück. Nur jeder fünfte 15-Jährige erreicht der Studie zufolge beim Lesen ein sehr geringes Leistungsniveau. Darüber zeigt sich der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, besorgt. Im Sputnik-Interview nennt er die Herausforderungen und Lösungen.

    Die Leistungskurve der deutschen Schüler zeigt nach dem sogenannten „Pisa-Schock“ vor fast 20 Jahren und dem anschließenden Aufwärtstrend wieder nach unten. In der Internationalen Schulleistungsstudie der OECD schnitten die deutschen Schüler in allen drei Testbereichen (Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften) schlechter ab als drei Jahre zuvor. Bereits damals hatten sich die Werte in zwei Bereichen verschlechtert. Deutschland liegt zwar weiterhin über dem OECD-Durchschnitt, „mit dem Ergebnis der neuen Pisa-Studie kann das deutsche Schulsystem jedoch nicht zufrieden sein“, erklärt der Präsident des „Deutschen Lehrerverbandes“ (DL), Heinz-Peter Meidinger im Sputnik-Interview.

    „Zunahme von Risikoschülern“

    Für besonders viel Empörung sorgt vor allem die Feststellung der Autoren, dass jeder fünfte 15-Jährige beim Lesen gerade einmal Grundschulniveau erreicht. Das ärgert auch Meidinger: Die Gruppe der sogenannten Risikoschüler, „Schüler die nicht über die Kompetenzstufe, die nicht über grundlegende Lesefähigkeiten hinauskommen“, sei zum ersten Mal seit 20 Jahren wieder größer geworden. Auf die Schule bezogen, könnten diese Kinder dem Unterricht nicht folgen, beklagt der Gymnasiallehrer.

    „Das hat ganz stark damit zu tun, dass wir in den letzten Jahren vor der letzten Pisa-Studie einen starken Zuzug an Kindern mit Migrationshintergrund hatten. 200.000 Kinder sind neu nach Deutschland gekommen, die nicht der deutschen Sprache mächtig sind. Und diese Integration hat nicht so geklappt, wie wir uns das vorgestellt haben“, meint der DL-Präsident.

    Gleichzeitig bemerkt er, dass Fortschritte bei Kindern aus der zweiten und dritten Generation mit Migrationshintergrund zu verzeichnen sind: „Das sind Menschen, die vor 20, 30 oder 40 Jahren nach Deutschland gekommen sind. Hier stellen wir fest, dass sie gut deutsch sprechen und gut integriert sind.“ Doch das sei kein Selbstläufer, betont Meidinger. „Wir müssen für die sprachliche Förderung mehr tun, für diejenigen, die jetzt im Schulsystem sind.“

    „Sprachliche Frühförderung auch bei deutschen Kindern“

    Das schließe die deutschen Kinder ein. Auch diese müssten besser auf die Schule vorbereitet werden, glaubt der Lehrer. „Wir haben deutsche Kinder, die mit solchen schlechten Deutschkenntnissen in die Schule kommen, dass sie dem Unterricht nicht folgen können.“ Für Meidinger gibt es nur eine Antwort und diese heißt: „Sprachliche Frühförderung“.

    „Wir brauchen bundesweite Sprachstandstests bereits bei allen Vierjährigen. Diese können auch spielerisch erfolgen. Aber da wird man feststellen, wer ist sprechfähig und wer nicht.“ Schätzungen des DL zufolge hätten deutschlandweit etwa ein Drittel der Schüler entsprechende Defizite, so der Verbandschef: „Diese Kinder müssten dann auch entsprechend Förderkurse besuchen in der Kita oder teilweise vor der Grundschule in sogenannten Vorklassen. Wenn wir das wirklich hinkriegen, werden wir auch bei den Leistungen der ersten Migrationsgeneration deutliche Fortschritte erzielen.“

    Die zweite große Herausforderung sei der Lehrermangel. „Das heißt, wir können uns nicht damit abfinden, dass es Bundesländer gibt, wo über die Hälfte der neueingestellten Lehrkräfte überhaupt keine Lehrer sind, sondern Quereinsteiger, die noch nie gelernt haben, wie man einen Unterricht führt; dass zehn Prozent des Unterrichts überhaupt nicht Lehrplan-gemäß stattfinden, sondern Unterricht ausfällt oder nur vertreten wird durch Beaufsichtigungen“, bemängelt Meidinger. Zwar seien die Lehrstudienplätze mittlerweile ausgebaut worden, so dass in drei bis vier Jahren deutlich mehr Lehrkräfte zur Verfügung stünden, jedoch müsse man sich bis dahin mit Notmaßnahmen beheben. „Was man tun kann, ist, Quereinsteiger besser nachzuqualifizieren.“ Dafür müsse auch Geld in die Hand genommen werden, bestätigt der DL-Präsident.

    „Bildungsnotstand“?

    Die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel schlug Alarm und rief am Dienstag den „Bildungsnotstand“ aus. „Kinder und ihre Lehrer schwänzen die Schule, demonstrieren seit Monaten gegen den nahenden Weltuntergang. Unterdessen: Ein neuer Pisa-Schock für Deutschland. Jeder fünfte 15-Jährige kann kaum lesen!“, empörte sich Weidel über Twitter.

    Dem widerspricht der Pädagoge: „In der Relation haben wir in Deutschland noch ein gutfunktionierendes Schulwesen. Aber das heißt natürlich nicht, dass wir auch hier keine deutlichen Defizite haben.“ Deutschland gebe angesichts seines gesellschaftlichen Reichtums zu wenig für Bildung aus, findet Meidinger. „Wir sind bei den prozentuellen Bildungsaufgaben unter dem OECD-Durchschnitt. Und das sollte bei so einem reichen Land wie Deutschland nicht sein.“

    Die Pisa-Studie ist die größte internationale Schulleistungsvergleichsstudie. Seit dem Jahr 2000 werden dafür alle drei Jahre weltweit Hunderttausende Schüler im Alter von 15 Jahren getestet. Dieses Mal nahmen rund 600.000 Schülerinnen und Schüler aus 79 Ländern teil, in Deutschland knapp 5500.

    Das komplette Interview mit Heinz-Peter Meidinger (DL) zum Nachhören:

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