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    Im kürzlich durch Präsident Wladimir Putin „offiziell belobigten“ Deutsch-Russischen Museum in Berlin diskutierten am Mittwoch russische und deutsche Experten „Fragen zum Rückzug sowjetischer Truppen nach 1989/90 aus Europa“. Sputnik war vor Ort. „Ich war damals gegen die Nato-Osterweiterung“, so Russland-Experte Hans-Henning Schröder im Interview.

    „Ich war gegen die Osterweiterung der Nato nach 1990“, sagte Politologe Hans-Henning Schröder gegenüber Sputnik am Mittwochabend im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst. Er ist Mitherausgeber der „Russland-Analysen“ und war vor dem Interview Teilnehmer der gut besuchten Podiumsdiskussion mit dem Titel: „Ende des Kalten Krieges und neue Weltordnung? Fragen zum Rückzug sowjetischer Truppen nach 1989/90“.

    „Wir hatten meiner Meinung nach kurz vor der Nato-Osterweiterung die Chance gehabt, ein gemeinsames europäisches Haus zu schaffen“, erklärte Professor Schröder im Interview. Damit bezog er sich auf den Ausspruch des früheren sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow, der einst vom „gemeinsamen Haus Europa“ sprach, in dem genug Platz für alle europäischen Länder und dem russischen Volk vorhanden sei. „Mir schien, dass es damals andere Möglichkeiten gegeben hätte, wie man Europa sicherheitspolitisch hätte organisieren können. Ich war auch nicht der Einzige, der so dachte. Zum Beispiel war das gesamte Auswärtige Amt gegen die Nato-Osterweiterung. In der Zivilgesellschaft in Deutschland gab es viele Kräfte dagegen. Ein Großteil der deutschen Generäle war dagegen.“

    Politologe Schröder war 1986 im „Bundesinstitut für Ost-Wissenschaften“ zuständig für sowjetische Sicherheits- und Rüstungspolitik. Bis 2014 leitete er die Forschungsgruppe „Russland/GUS“ der „Stiftung Wissenschaft und Politik“. Außerdem lehrte er jahrelang an der FU Berlin.

    Statt Nato-Erweiterung: „Rühe wollte Russland in Europas Sicherheitssystem integrieren“

    Letztlich sei es „der Wunsch der Staaten Ost- und Mitteleuropas gewesen, in irgendeiner Form einen (militärischen, Anm. d. Red.) Schirm zu haben“, gab er zu bedenken. Damit bezog sich der Politikwissenschaftler auf den Beitritt vieler osteuropäischer Länder wie Polen oder der Balten-Staaten zur Nato-Militärallianz. Während für Moskau diese Beitritte bis heute eine Art Sicherheitsrisiko an der russisch-europäischen Grenze darstellen, beteuern die Osteuropäer wiederholt, nur ein solcher Nato-Schutzschirm könne ihnen gegenüber Russland Sicherheitsgarantien bieten.

    „Ich nannte auf dem Podium bereits unseren früheren Verteidigungsminister Volker Rühe“, sagte Russland-Kenner Schröder. „Der hatte das offensiv betrieben: Er war jemand, der Russland in einer besonderen Rolle in einem solchen europäischen Sicherheitssystem mit dabei haben wollte. Leider wurde Russland in den 90er Jahren wirtschaftlich immer schwächer. Dieser weitgehende Zusammenbruch, der damals stattfand. Dieser Plan wurde deswegen nicht weiter verfolgt im Westen. Die Situation stellte sich dann neu dar, nachdem 2000 Putin Präsident geworden war. Der ist dann ganz offensiv auf den Westen zugegangen und hat zumindest in Frankreich und Deutschland neue Partner gefunden.“

    Russland: Erst Partner im US-Terror-Kampf, danach Rivale der Nato

    Russland unter Putin hatte sich dann nach dem 11. September 2001 „als einer der ersten“ auf die Seite der USA im weltweiten Kampf gegen den Terror gestellt. „Allerdings kam dann die Aufkündigung des ABM-Vertrages durch die USA und die deutliche Zurückweisung Russlands. Es ist nicht einfach.“ Es habe bei allen Parteien – auf russischer wie auf US-amerikanischer Seite – Fehler, Missverständnisse und Versäumnisse in den letzten Jahrzehnten gegeben, was Fragen zur Sicherheitspolitik angeht, betonte Russland-Experte Schröder.

    „Wir hatten die Illusion 1990/91, dass man das alles friedlich auf politischem Wege lösen kann. Doch dann sah die Situation Ende der 90er Jahre mit den Balkan-Kriegen und mit Konflikten im Kaukasus schon wieder anders aus. Ich hätte mir schon vorgestellt, dass man beginnt, Sicherheit europäisch bis nach Wladiwostok zu denken. Also, dass man Sicherheit OSZE-europäisch mit Russland organisieren kann.“ Aktuell sei vor dem Hintergrund der Krim-Krise und des Syrien-Krieges „die psychologische Situation, in der man (Russland mit dem Westen, Anm. d. Red.) zusammenarbeiten könnte, vorbei“. Seit 2014 sei leider auch der Nato-Russland-Rateingeschlafen, der dringend wieder belebt werden müsse. Allerdings betonte Schröder: Eine Gefahr eines Weltkrieges sehe er nicht: „Abgesehen von den nuklearen Arsenalen haben weder Russland noch die Nato die Kapazitäten, um einen großen konventionellen Krieg in Europa zu führen. Diese Zeit ist vorbei.“ 

    „Ich war bei Verhandlungen zum INF-Vertrag dabei“ – Moskauer Abrüstungs-Experte

    Auf dem Podium im Deutsch-Russischen Museum sprach neben Russland-Kenner Schröder der russische Diplomat und Abrüstungs-Analytiker Dr. Viktor Mizin, leitender Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen in Moskau. Neben ihm saß Historiker Dr. Tim Geiger vom Leibniz-Institut für Zeitgeschichte Berlin-München sowie der Wissenschaftliche Mitarbeiter Christoph Meißner vom Deutsch-Russischen Museum, der mit interessanten Einwürfen durch den Abend moderierte.

    Abrüstungsexperte Mizin aus Moskau spannte einen historischen Bogen im Kalten Krieg von der Kuba-Krise 1962 über den Vietnam-Krieg (O-Ton: „Die Sowjetunion unterstützte ja den Vietcong gegen die US-Amerikaner militärisch und logistisch“) bis hin zu den 80er Jahren. Damals kam „ein Politiker mit Vernunft namens Gorbatschow“ in den Kreml und leitete „Glasnost“ und „Perestroika“ ein. „In jener Zeit erkannten wir, dass die USA technisch bessere Raketen wie die Pershing II entwickelten. Moskau hatte Befürchtungen, man würde sich noch totrüsten. Es wäre wirtschaftlicher Selbstmord für die Sowjetunion gewesen, das Wettrüsten mit dem Westen weiter zu forcieren.“ Letztlich entstanden – „auch aus pragmatischen Gründen“ – bereits einige Zeit vor dem Machtantritt Gorbatschows viele Abrüstungs-Foren und Verhandlungen bzw. deren erste Vorläufer. Daraus wurden letztlich friedenssichernde Rüstungskontrollverträge wie der INF-Vertrag geboren. Auch wenn dieser US-russische Sicherheitsvertrag aktuell schon wieder gescheitert ist, sicherte er doch den globalen Frieden zur Zeit der Wende. „Ich nahm für das sowjetische Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten als Berater an den Verhandlungen zum INF-Vertrag teil“, erinnerte sich der Moskauer Diplomat.

    Als russische Truppen aus Europa und der DDR abzogen …

    Die Experten-Runde blickte auf die historische Zeit um 1994, als die sowjetischen bzw. russischen Truppen begannen, aus Europa und der DDR abzuziehen. Die spätere Nato-Osterweiterung ab 2004 war eine der vielen historischen Folgen dieser Entscheidung. „Die 80er Jahre waren nicht nur eine Phase der Hochrüstung, sondern das war auch eine Zeit der beginnenden Rüstungskontrollen“, erklärte Militär-Historiker Geiger anschließend  auf dem Podium. „Es gab damals Regierungs-Foren, die in Permanenz (also ständig, Anm. d. Red.) getagt haben. Vor allem seit 1983 und der Stationierung der Pershings und Cruise-Missiles in Westeuropa durch die USA. Damals brechen die INF-Verhandlungen in Genf zunächst zusammen, ruhen ein Jahr und werden dann noch vor Gorbatschow wieder aufgenommen.“ Er nannte neben dem INF-Vertrag auch das START-Abkommen sowie das „Star Wars“-Programm (SDI) mit US-Weltraumwaffen unter US-Präsident Ronald Reagan, die damalige Diskussionen um Sicherheitspolitik prägten.

    Geiger appellierte an die heutigen Staatsführungen in Ost und West: Auch der seit der Krim-Krise ruhende Nato-Russland-Rat sollte wieder „in Permanenz tagen. Insbesondere wenn es krisenhafte Situationen wie heute gibt, müssen die Verantwortlichen noch mehr miteinander reden. Das hat früher schließlich auch der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher permanent getan: Mit Moskau und Washington reden auf vielen diplomatischen Reisen. Gerade, wenn es brennt. Helmut Kohl pflegte nach anfänglicher Skepsis schließlich ab 89/90 auch ein gutes Verhältnis zu Michail Gorbatschow.“

    „Schnell! Schnell die Truppen abziehen!“ – Telegramm aus Moskau

    Der Moskauer Wissenschaftler und Diplomat Mizin erinnerte an das Jahr 1994, als Russland begann, seine Truppen und Verbände aus Europa – hauptsächlich vom Gebiet der DDR – abzuziehen.

    „Der Erhalt unserer Truppen wurde damals schlicht zu teuer“, sagte er und zitierte die „schnellen Telegramme“ des damaligen russischen Außenministers Eduard Schewardnadse. „Dawai! Schnell! Schnell die Truppen abziehen“, soll sinngemäß in diesen Befehlen aus Moskau gestanden haben. Danach blickte der russische Abrüstungs-Experte in die Gegenwart: Nachdem Putin zunächst dem Westen freundlich und zurückhaltend Freundschaftsangebote vorschlug, wurde er nach und nach offensiver. Auch weil der Westen Russland nicht in ein kollektives Sicherheitssystem einbinden konnte oder wollte. Heutige russische Hyperschall-Waffen und andere neuartige Waffen-Klassen in Russlands Streitkräften seien aktuell eine Folge aus dieser Entwicklung. Moskau wolle jetzt zeigen, dass es sich – auch gegenüber den Nato-Staaten – verteidigen könne.

    „Diese Friedensinitiative fiel zeitlich zusammen mit dem sozialökonomischen Zusammenbruch der sozialistischen Staaten“, ergänzte Russland-Kenner und Politologe Schröder auf dem Podium zum Abzug der russischen Truppen aus Europa und Ostdeutschland. „Viele Sachen, die als sicher galten, standen damals plötzlich zur Debatte.“ Bis heute sei diese Frage ungeklärt: „Was für eine Sicherheitsordnung finden wir jetzt für den ganzen Raum zwischen Deutschland und Russland?“ Leider sei auch der KSZE-Prozess mittlerweile historisch überholt. Es sei an der Zeit, eine neue kollektive Sicherheitsarchitektur für Europa und seine Nachbarn zu schmieden.

    Deutsche und russische Experten diskutierten am vergangenen Mittwochabend im Deutsch-Russischen Museum: Dr. Viktor Mizin, Dr. Tim Geiger, Christoph Meißner sowie Prof. Dr. Hans-Henning Schröder (von li. nach re.)
    © Sputnik / Alexander Boos
    Deutsche und russische Experten diskutierten am vergangenen Mittwochabend im Deutsch-Russischen Museum: Dr. Viktor Mizin, Dr. Tim Geiger, Christoph Meißner sowie Prof. Dr. Hans-Henning Schröder (von li. nach re.)

    Durch Putin persönlich: Deutsch-Russisches Museum ausgezeichnet

    Zuvor wurde Anfang der Woche das geschichtsträchtige Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst „offiziell belobigt“ – durch Russlands Präsidenten Wladimir Putin. In der Russischen Botschaft in Berlin nahm am Montag Museumsdirektor Jörg Morré das präsidiale Dankschreiben in einem feierlichen Festakt durch den russischen Botschafter, Sergej Netschajew, in Empfang. Stellvertretend für das gesamte Team im Museum. Am Mittwochabend war der Historiker dann erneut im Einsatz – als Zuschauer der spannenden Podiumsdiskussion im nun durch Russland geehrten Museum.

    „Unser Kollektiv, die Mitarbeiterschaft des Museums in Berlin-Karlshorst wurde ausgezeichnet für eine gute und erfolgreiche Arbeit im Gedenken an die Geschichte, vor allem an den Zweiten Weltkrieg und an die Opfer, die dieser Krieg gefordert hat.“ Das erklärte der frisch durch den russischen Staat ausgezeichnete Museumsdirektor Morré im Sputnik-Interview vor Ort nach der Podiumsdiskussion. „Das ist eine offizielle Belobigung durch den Präsidenten der Russischen Föderation. Diese ist schon im August öffentlich ausgesprochen wurden, und der Botschafter der Russischen Föderation hier in Berlin hat uns und mir als Leiter des Museums diese Urkunde überreicht, stellvertretend für Herrn Putin.“

    Noch bis Januar 2020: Ausstellung zur Stationierung sowjetischer Truppen in Deutschland

    Die erfolgreiche Arbeit des Berliner Museums begann vor 25 Jahren in deutsch-russischer Kooperation. Im großen Saal des heutigen Museums unterzeichnete am 8. Mai 1945 das Deutsche Reich vor den alliierten Siegermächten die bedingungslose Kapitulation. Dies bedeutete das Ende des „Großen Vaterländischen Krieges“, den die Deutschen als Zweiten Weltkrieg kennen.

    Das Museum präsentiert seit der Wende regelmäßige Erinnerungs-Veranstaltungen rund um die historischen Themen: Zweiter Weltkrieg, Kriegsgräber, die Nachkriegszeit, die DDR, das Leben sowjetischer bzw. russischer Menschen in Ostdeutschland sowie die Rolle der Alliierten in Berlin und Deutschland. Diese historische Arbeit geschieht überwiegend durch Podiumsdiskussionen, Vorträge, Präsentationen sowie Sonderausstellungen.

    Aktuell läuft noch bis zum 15. Januar 2020 im Deutsch-Russischen Museum in Berlin-Karlshorst (Zwieseler Str. 4, 10318 Berlin) eine Sonderausstellung zur Anwesenheit und Stationierungsgeschichte der sowjetischen Truppen von 1945 bis 1994 in Ostdeutschland: „Alltag. Politik. Kampfauftrag. Sowjetische Truppen in Deutschland“. Der Eintritt ist kostenlos.

    Die Radio-Interviews mit Prof. Dr. Hans-Henning Schröder und Dr. Jörg Morré zum Nachhören:

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    Russland, Deutschland, Nato-Osterweiterung, NATO, INF-Vertrag, ABM-Vertrag, Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst, Berlin-Karlshorst, Deutsch-Russisches Museum