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    Die Universität Leipzig gehörte einst zu den Hochburgen der Ausbildung zum Russisch-Dolmetscher und –Übersetzer. Anfang des Jahres machten Meldungen die Runde, dass Russisch als Translationswissenschaft kurz vor dem Aus stehe. Nun teilt das zuständige Institut mit, dass Russisch als Sprachschwerpunkt bleibt – aber mit starken Einschränkungen.

    Traditionell war Russisch als Fremdsprache ein wichtiger Bestandteil des ostdeutschen Bildungssystems. Nun verschwindet die Sprache allmählich aus den höchsten Bildungseinrichtungen der Bundesrepublik. Anfang des Jahres wurden gar Befürchtungen laut, dass Russisch in den neuen Bundesländern als Übersetzungswissenschaft vor dem kompletten Aus stünde.

    Schließungspläne des Sprachschwerpunkts Russisch am Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie (IALT) waren bekannt geworden. Studenten der Universität Leipzig und künftige Übersetzer und Dolmetscher bangten um die Zukunft Ihrer Ausbildungsstätte. Sie protestierten mittels einer Online-Petition auf der Webseite „Change.org“.

    Hintergrund der Entwicklungen sollen Sparbeschlüsse der Landesregierung Sachsen aus dem Jahr 2010 gewesen sein, die von der Universität hauptsächlich in Form eines Personalabbaus umgesetzt worden seien, schreibt das Übersetzungsportal „Uepo.de“. Stellen von Mitarbeitern, die in den Ruhestand gingen, wurden nicht wiederbesetzt. Lehrkräfte für Russisch am IALT waren von diesen Entwicklungen auch betroffen. Bereits in den vergangenen Jahren konnte das Angebot für diese Sprache nur durch Mithilfe anderer Abteilungen der Universität aufrechterhalten werden.

    Russisch bleibt „Sprachoption“

    Wie der geschäftsführende Direktor des IALT, Prof. Dr. Oliver Czulo, im Februar gegenüber Sputnik mitteilte, habe sich das Institut dafür eingesetzt, „die traditionsreiche Russischausbildung am IALT zu erhalten“.

    Die Bemühungen der Studenten und des Instituts haben sich offenbar gelohnt, zumindest teilweise: „Russisch wird auch weiterhin Sprachoption am IALT sein. Wir bemühen uns außerdem, das jetzt absehbare Angebot weiter auszubauen und dafür starke Partner zu finden“, sagt Czulo im Interview mit „Uepo.de“.

    Die Änderungssatzung, die der Fakultätsrat diesen Dezember auf den Weg gebracht hat, beschreibe einen neuen Zustand: „Russisch wird demnach im Wahlbereich angeboten und soll zukünftig hauptsächlich über Kooperationen abgedeckt werden. Nach der letzten Stellenkürzung ist das IALT einfach nicht mehr in der Lage, Russisch vollumfänglich selbst abzudecken“, so Czulo. Auch in Zukunft werde man im IALT übersetzungsbezogen Russisch studieren können. „Im Dolmetschbereich würden wir aber nicht mehr annähernd das alte Angebot aufrechterhalten können, dazu sind die gerissenen Lücken zu groß“, erklärt der Direktor des IALT.

    So könne das Institut im „Bachelor Translation“ in Kooperation mit der Ostslawistik und aus eigener Leistung im „Master Translatologie“ die Sprachoption Russisch anbieten - in beiden Fällen im Wahlbereich. Dabei handele es sich im „Bachelor Translation“ um den Bereich der russischen Sprache und Kultur, neben den üblichen sprachübergreifenden translatologischen Kerninhalten und einer Schwerpunktsprache - also Englisch, Französisch oder Spanisch. Im „Master Translatologie“ könne das Fachübersetzen Russisch belegt werden, wiederum mit einer anderen Sprache als Kernfach. „Veranstaltungen mit Dolmetschbezug Russisch sind nur im Einzelfall für den Wahlbereich im Master Translatologie realisierbar“, sagt Czulo gegenüber dem „Uepo“.

    „Politisch unerwünscht“

    Ein Absolvent des IALT, Diplom-Übersetzer für Russisch und Englisch Armin Siebert, äußert gegenüber Sputnik sein Bedauern über die Entscheidung des Fakultätsrats. „Die Ausbildung zum Russisch-Dolmetscher und –Übersetzer in Leipzig gehörte zum Besten, was man auf diesem Gebiet bekommen konnte, in Deutschland und weltweit. Leipzig hatte den jahrzehntelangen Vorteil einer engen Zusammenarbeit mit russischen Hochschulen“. Die Übersetzungswissenschaft im Bereich Russisch sei in Leipzig praktisch erfunden worden, betont Siebert. Anstatt dies als Alleinstellungsmerkmal herauszuarbeiten, lasse man diese potentielle Leuchtturm-Funktion nun verkümmern, bemängelt der Diplom-Übersetzer und Sputnik-Redakteur. Er sieht einen politischen Grund für diese Entwicklung: „Russisch zu verstehen, scheint im Moment politisch nicht erwünscht zu sein. Die wenigen Dinge, die man im Osten besser kann, werden abgeschafft.“

    Einen anderen Hintergrund nennt Czulo im Interview mit dem „Übersetzungsportal“. Es sei bereits länger spürbar, dass sich das Interesse an der russischen Sprache deutlich verringert habe. „Man könnte nun darüber sinnieren, dass derzeit Englisch als eine Art Lingua Franca gegenüber anderen Sprachen bei den Studierenden einfach ganz vorne liegt, aber man könnte sich ebenso vorstellen, dass mit einem personell gut unterfütterten Angebot und einer zukunftsgerichteten Konzeption von Lehrinhalten mehr für Russisch möglich wäre.“

    Ob das Argument des Rektors eine politische Entwicklung ausschließt, bleibt eine andere Frage. Positiv zu bewerten sind die versprochenen Bemühungen des IALT-Direktors, „nach Möglichkeiten, das Russischangebot mit Hilfe von Partnern weiterzuentwickeln“. Zudem mahnt er davor, zu vergessen, „dass auch unsere zukünftige Welt nicht einsprachig sein wird“.

    Russisch für Dolmetscher und Übersetzer wird mittlerweile nur noch an vier Universitäten bundesweit angeboten. Dazu gehört die Universität Leipzig mit ihrem bedrohten Fachbereich, die Universität Heidelberg, die Universität Mainz mit dem Standort Germersheim und die private Universität in München.

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    Muttersprache, Puschkin-Institut für russische Sprache, Ausbildungssprache, Sprachenstreit, Staatssprache, Amtssprache, Sprache, Russisch, Russlanddeutsche, Russland, Russland, Russland, Leipziger Buchmesse, Leipzig, Dolmetscher, Übersetzung, Paul Linke, Armin Siebert, Universität Leipzig