06:42 24 Januar 2020
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    Unermüdlich setzt sich der deutsche Verein „Zukunft Donbass“ für die Hilfsbedürftigen in der Ostukraine ein. Gerade ist ihr 24. LKW mit Weihnachtsgeschenken und medizinischem Gerät in Lugansk eingetroffen. Der Weg dorthin war wieder beschwerlich. Im Interview zeigt sich die Leiterin des Vereins skeptisch, ob es im Donbass bald Tauwetter geben wird.

    Der Verein „Zukunft Donbass“ ist einer von nur zwei Vereinen in Deutschland, der sich seit Ausbruch des Konfliktes in der Ostukraine, bewusst dazu entschieden hat, hilfsbedürftigen Menschen in den sogenannten „Separatistengebieten“, in den selbsternannten Volksrepubliken Lugansk und Donezk zu helfen.

    Regelmäßig bringen sie Lebensmittel, medizinische Geräte, aber auch Geschenke für Kinder in die vom Krieg gezeichneten Gebiete. Höhepunkt der Arbeit des Vereins war bisher die Lieferung eines voll funktionsfähigen MRT-Gerätes an ein Krankenhaus in der Volksrepublik Lugansk.

    Besondere Aufmerksamkeit gilt immer den Lieferungen zum Jahreswechsel. So brachte der Verein im vergangenen Jahr zu Weihnachten Geschenke für Kinder in Kinderheimen und insgesamt 16 Tonnen Kinder- und Babynahrung nach Lugansk.

    Gerade ist, mit etwas Verzögerung der bisher 24. LKW des Vereins mit Spenden wie Hygieneartikeln, Waschmittel, Babywindeln und medizinischen Geräten in Lugansk gelandet. Auch in diesem Jahr wurden im Rahmen der Aktion „Weihnachtsgeschenke für Lugansk 2019“ Weihnachts- und Neujahrsgeschenke gesammelt und auf die Reise über Russland in die Ukraine geschickt. Diese sind vor allem für Kinder und alte Menschen gedacht.

    Sputnik hat mit Iwana Steinigk vom Verein „Zukunft Donbass“ die neueste Lieferung, die Situation der Menschen vor Ort und ihre Einschätzung der neuesten politischen Entwicklungen um die Ukraine gesprochen.

    - Frau Steinigk, pünktlich zum Weihnachtsfest ist Ihre neue Hilfslieferung in Lugansk gelandet. Sind denn auch Geschenke dabei?

    - Natürlich und zwar ziemlich viele. Bereits im Oktober haben wir einen Aufruf zum Sammeln von Geschenkpaketen und Spenden gestartet. In diesem Jahre haben sehr viele Menschen auf den Spendenaufruf reagiert. Das heißt, neben den Wichtelpaketen konnten wir von den Spendengeldern viele Sachen kaufen, die jetzt von unseren Partnern in Lugansk zu Geschenkpäckchen komplettiert werden. Das sind natürlich Weihnachtssüßigkeiten, kleine Spielzeuge, Söckchen, Mützchen, Schulsachen wie Stifte und Schreibutensilien, usw. Wir hatten letztes Jahr etwa 900 Geschenke für bedürftige Kinder. Ich denke diese Zahl erreichen wir auch mit der diesjährigen Aktion. Außerdem haben wir diesmal knapp 500 kg Waschpulver und über 1500 Flaschen Shampoo, Duschbad und Lotion geschickt. Auch Windeln für Kleinkinder verschiedener Altersstufen waren mit dabei. Wir beraten uns da immer mit unseren Partnern in Lugansk. Außerdem konnten wir zwei Defibrillatoren mitschicken, weil großartige Menschen so viel Geld gespendet haben, die diese Extras ermöglicht hatten.

    - Gab es diesmal Probleme mit dem Transport - an der Grenze, mit dem Zoll?

    Wir lernen immer etwas dazu. Unser LKW wurde an der polnisch-weißrussischen Grenze aufgehalten, da einige der sogenannten Zolltarifnummern nicht korrekt waren. So hatten wir im LKW eine große Bestellung Lebensmittelkonserven, einige davon enthielten Fleisch/Wurstprodukte. Da meinten die Weißrussen, man bräuchte ein phytosanitäres Zertifikat. Das war unmöglich zu beschaffen, da die Bestellung der Konserven über einen Großhändler und nicht über den Hersteller lief. Da bedeutete für uns zwei Tage Telefonate mit allen möglichen Stellen. Wir haben uns auch an die weißrussische Botschaft gewandt, mit der Bitte um Unterstützung. Wir haben sehr viel Unterstützung durch die Spedition bekommen. Das ist ja eine weißrussische Firma, der wir wahnsinnig dankbar sind. Wer da im Hintergrund was geregelt hat, können wir nicht genau sagen. Aber schlussendlich hat man den LKW passieren lassen. Wobei ich mir schon die Frage gestellt habe: Wozu die Weißrussen ein phytosanitäres Zertifikat brauchen, wenn der LKW nur im Transit durch das Land fährt?

    - Sie arbeiten mit einer weißrussischen Spedition zusammen, da deutsche Spediteure es ablehnen, in den Donbass zu fahren. Und Sie reisen über Russland in die Volksrepubliken ein, was nach ukrainischem Gesetz illegal ist. Was müsste sich ändern, dass Sie den offiziellen Weg über die Ukraine nehmen?

    - Ja, wir müssen immer noch durch Russland in die Volksrepubliken fahren. Was sich ändern müsste: Eine eindeutige und klare Regelung für Durchfahrgenehmigung für ausnahmelos alle humanitären Hilfslieferungen, kleine, große, private, offizielle – das sollte keine Rolle spielen. Das Problem ist die sogenannte Blockade der selbsternannten Republiken durch die ukrainische Regierung. Diese ist ja immer noch intakt. Für uns als private Hilfsorganisation ist es sehr schwer, eine offizielle Durchfahrgenehmigung aus Kiew zu bekommen. Beim Roten Kreuz wird das anders geregelt, da will man sich international nicht blamieren. Und selbst, wenn man eine Genehmigung aus Kiew hat, ist immer noch absolut unklar, wie die Blockpostenkontrolle auf der innerukrainischen Seite reagieren. Da steht ja eine Mischung aus ukrainischer Armee und „Bataillonen". Deren Reaktion auf friedensstiftende Maßnahmen war sehr gut zu beobachten, als im Oktober an zwei Kontrollpunkten die sogenannte Entflechtung nach der Steinmeier-Formel umgesetzt werden sollte. Die haben sich selbst über ihren Oberkommandierenden, Präsident Selenski, lustig gemacht beziehungsweise sich seinen Befehlen entgegengestellt. Was will man da erwarten bezüglich der Durchfahrgenehmigung für einen LKW mit humanitären Hilfsgütern? Außerdem gibt es nur einen einzigen Übergang von der innerukrainischen Seite in die Lugansker Volksrepublik – Staniza Luganskaja. Jetzt haben sie dort immerhin die Brücke repariert. Bis Anfang November war das nur ein Fußgängerübergang.

    - Seit dem Amtsantritt von Präsident Selenski kam wieder etwas Bewegung in den Donbass-Konflikt. Was bekommen Sie mit, wie sehen die Menschen vor Ort die neuesten Entwicklungen?

    - „Etwas Bewegung“ ist genau der richtige Ausdruck. Etwas heißt ein kleines bisschen und man weiß nicht mal sicher, in welche Richtung diese Bewegung führen wird. Ich weiß, dass die Menschen müde sind. In den Frontzonen müde vom harten, entbehrungsreichen Leben und den immer wiederkehrenden Ängsten – wird geschossen oder wird nicht geschossen. In solchen Kleinstädten wie Perwomaisk oder Stachanow, sieben und 15 Kilometer zur Demarkationslinie, funktioniert der Alltag nur an der Oberfläche, Krankenhäuser funktionieren auf Sparflamme, sozusagen mit minimaler Ausstattung. Da versuchen wir zu helfen.Weiter weg von der Frontzone, im Hinterland ist man auch müde und depressiv, hervorgerufen durch eine gewisse Perspektivlosigkeit. Die Leute leben total zwischen den Extremen – viele Versprechungen, aber keine Bewegung. Die Hoffnungen eines Anschlusses an die Russische Föderation oder einer funktionierenden Selbständigkeit werden immer kleiner. Die Möglichkeit, die russische Staatsbürgerschaft zu beantragen, gibt zumindest der jungen Generation und den Menschen im arbeitsfähigen Alter gewisse Sicherheit.

    • Ankunft der Humanitärhilfe vom deutschen Verein „Zukunft Donbass“ in die Ostukraine
      Ankunft der Humanitärhilfe vom deutschen Verein „Zukunft Donbass“ in die Ostukraine
      © Foto : Zukunft Donbass
    • Ankunft der Humanitärhilfe vom deutschen Verein „Zukunft Donbass“ in die Ostukraine
      Ankunft der Humanitärhilfe vom deutschen Verein „Zukunft Donbass“ in die Ostukraine
      © Foto : Zukunft Donbass
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      © Foto : Zukunft Donbass
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      © Foto : Zukunft Donbass
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    © Foto : Zukunft Donbass
    Ankunft der Humanitärhilfe vom deutschen Verein „Zukunft Donbass“ in die Ostukraine

    Man erzählte mir, dass man Selenskis Wahl mit aufkeimender Hoffnung verfolgt hat. Sie (die Bewohner, Anm. d. Red.) haben gedacht, er meint es ernst mit seinem Friedensversprechen. Jetzt sagen oder sehen sie, dass da viel herumgeeiert wird. Einige sagen auch, dass er in zu starkem Maße die Ansprüche der nationalistisch gesinnten Opposition berücksichtigt.

    Was allerdings ziemlich sicher ist, die selbsternannten Volksrepubliken, die Menschen, die dort leben, werden einer Änderung der Reihenfolge der in Minsk 2 umzusetzenden Punkte nicht zustimmen. Das heißt, die Rückgabe der Kontrolle über die ukrainische Landesgrenze zur Russischen Föderation und dann erst die regionalen Wahlen. Das sind die Punkte neun, elf und zwölf. Nichtsdestotrotz haben die meisten Menschen in den beiden Volksrepubliken die Hoffnung auf Frieden, auf eine Normalisierung ihres Zustandes nicht aufgegeben. Man will, dass der Beschuss aufhört, man will, dass die zerstörte Infrastruktur rekonstruiert wird, man wünscht sich normales Leben und Perspektiven für die Kinder. Und wahrscheinlich glauben auch viele, das Selenski die Situation zumindest nicht verschlechtern wird.

    - Der Konflikt dauert nun schon über fünf Jahre. Warum ist es immer noch wichtig, die Menschen dort zu unterstützen?

    - Um ihnen das Gefühl zu geben, dass sie nicht vergessen wurden. Um ihnen das Gefühl zu geben, dass es Menschen in Westeuropa und Deutschland gibt, die „bei“ ihnen sind. Die eben nicht der Meinung sind, dass das, was Bellingcat und die Bild-Zeitung veröffentlichen, der Wahrheit entspricht. Ich denke, es gibt viele Menschen in Deutschland, die sich ihr eigenes Bild von den Vorgängen machen. Das sehe ich ja an den Zuwendungen und Spenden, die wir bekommen.

    Ich denke, dass viele verstehen, dass eine Minderheit, ich meine die Protestierenden auf dem Maidan im Winter 2014, der Mehrheit der Bevölkerung nicht ihre politische Meinung diktieren kann. 2014 hatte die Ukraine immerhin knapp 46 Millionen Einwohner – die waren nicht alle in Kiew auf dem Platz der Unabhängigkeit. Gerade in der Lugansker Volksrepublik, wo wir helfen, haben die Menschen eine eigene Meinung, sie haben sie zum Ausdruck gebracht und wir sollten dies respektieren.

    Zivilgesellschaft ist ein Begriff, der unsere Motivation wiederspiegelt: auf Russisch „grazhdanskaja posizija“ – also unsere zivilgesellschaftliche Haltung oder Position der Solidarität mit den Menschen im Donbass. Immer noch wichtig, die Menschen dort zu unterstützen, ist es, weil der Konflikt nicht gelöst ist. Ein Treffen im Normandie-Format, so lang ersehnt es auch gewesen sein mag, wird auf kurze Sicht nicht viel verändern. Zwischen der Ukraine und den Volksrepubliken im Donbass liegen 13.000 Tote.

    Sie können spenden an den Verein über die Website: www.zukunftdonbass.org

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    Tags:
    Zukunft Donbass, humanitäre Hilfe, Ostukraine, Donbass, Ukraine, Volksrepublik Lugansk, Volksrepublik Donezk