01:08 20 Januar 2020
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    In einer Anfrage an die Bundesregierung teilen Abgeordnete der Linksfraktion die längst bestehenden Besorgnisse um die russische Sprache in Deutschland. Sie verweisen dabei auf Lehrerverbände, die feststellen, dass das Schulfach Russisch nicht genug Unterstützung von den Kultusministerien der Länder erhält. Darf der Markt dies entscheiden?

    Unterschrieben wurde die Anfrage noch im November von der geschiedenen Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht und dem Co-Chef der Fraktion Dietmar Bartsch. „In Deutschland leben etwa sechs Millionen russischsprachige Menschen“, schreiben die AntragstellerInnen in der Anfrage, darunter Andrej Hunko, Simone Barrientos, Dr. Birke Bull-Bischoff, Dr. André Hahn, Heike Hänsel, Zaklin Nastic, Dr. Alexander S. Neu, Helin Evrim Sommer, Alexander Ulrich, Kathrin Vogler und Sabine Zimmermann.

    Argumentiert wird eben damit, dass Russisch Amtssprache bzw. Arbeitssprache in der UNO, dem Europarat, der OSZE, der Internationalen Atomenergie-Organisation, der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, der Eurasischen Wirtschaftsunion oder der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit sei. Zugleich soll Russisch weltweit auf Platz zwei nach dem Englischen unter den meistgenutzten Sprachen für Inhalte von Websites sein.

    Selbst wenn etwa 106.000 Schülerinnen und Schüler im Schuljahr 2017-2018 Russisch als Fremdsprache belegt haben, finden die Russischlehrerverbände die staatliche Förderung der Sprache ungenügend. Das relativ geringe Angebot und die (demzufolge) relativ geringe Nachfrage nach Russisch an den Schulen entspreche nicht der Intensität der Zusammenarbeit mit Russland im öffentlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereich. Dabei sehen sie die Russischkenntnisse als „von großer Bedeutung für die Osteuropakompetenz der deutschen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft“.

    Da die Bundesregierung sich ausdrücklich für einen zweigleisigen Ansatz von glaubwürdiger Abschreckung und Dialog gegenüber Russland einsetze, sei zum Bedauern der AntragstellerInnen davon auszugehen, dass Russisch für die Bundesregierung nicht nur als Verständigungsmittel im Dialog gelte, sondern auch die Sprache eines möglichen außenpolitischen bzw. militärischen Konkurrenten bzw. Gegners sei, meinen die Abgeordneten der Linksfraktion.  

    In dieser Hinsicht interessieren sie sich, ob die Bundesregierung zum Erlernen des Russischen als Fremdsprache für die Völkerverständigung und wirtschaftliche Kooperation zwischen Deutschland und Russland eine Agenda habe. Ob der deutsche Botschafter in Moskau, Géza Andreas von Geyr, zuvor Abteilungsleiter für Politik im Bundesministerium der Verteidigung, über Russischkenntnisse verfüge und in Gesprächen mit wie vielen Vertreterinnen und Vertretern der Regierungen welcher Staaten die Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Russisch-Kenntnisse verwende, wollen die Abgeordneten auch wissen. Merkel hatte zuvor ihre Russisch-Kenntnisse in Gesprächen mit russischen Politikern mehrmals  unter Beweis gestellt. Im Oktober 2018 fragte sie z.B. Russlands Präsidenten Wladimir Putin auf Russisch nach seinem angeblich „sibirischen Mantel“ (sibirskoje palto). Der Botschafter von Geyr sprach im Oktober in Moskau mit den russischen Stipendiaten der deutschen Ausbildungsprogramme allerdings nur deutsch.

    Darf der Markt über das Bildungsangebot entscheiden? - Hunko

    Mehrere Russisch-Spezialisten weisen in Sputnik-Gesprächen bedauernd darauf hin, dass die Nachfrage nach Russisch auf dem deutschen Arbeitsmarkt seit einigen Jahren tatsächlich gesunken sei. Sind es nicht die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes, die eben das Bildungsangebot regeln sollen? Warum muss sich die Bundesregierung um die Lage der russischen Sprache kümmern? „Auch wenn es richtig ist, dass die Nachfrage des Arbeitsmarktes nach Russisch - auch auf Grundlage der gegenwärtigen Russlandsanktionen - begrenzt ist, sollte die Politik hier weitsichtiger vorgehen“, kommentiert der Abgeordnete Hunko gegenüber Sputnik. Die Förderungswürdigkeit des Erhalts der Kompetenz einer Sprache könne zudem nicht von kurzfristigen Marktschwankungen abhängig gemacht werden. 

    „Man sollte sich die Möglichkeit einer intensiveren wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Kooperation in der Zukunft, für die entsprechende Sprachkompetenzen dann wichtig sind, erhalten. Alles andere würde bedeuten, sich mit der unbefriedigenden Gegenwart auch in Zukunft abzufinden“, so Hunko weiter.

    Zuvor hatte Sputnik berichtet, dass das Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie der Universität Leipzig (IALT) Schließungspläne des Sprachschwerpunkts Russisch angekündigt habe. 

    Seit mehr als 70 Jahren wurden dort Dolmetscherinnen und Dolmetscher sowie Übersetzerinnen und Übersetzer für Russisch ausgebildet. Hintergrund der Entwicklungen sollen Sparbeschlüsse der Landesregierung Sachsen aus dem Jahr 2010 gewesen sein, die von der Universität hauptsächlich in Form eines Personalabbaus umgesetzt worden seien, schreibt das Übersetzungsportal „Uepo.de“. „Russisch zu verstehen, scheint im Moment politisch nicht erwünscht zu sein. Die wenigen Dinge, die man im Osten besser kann, werden abgeschafft“, kommentierte dies ein Absolvent des IALT und Sputnik-Redakteur Armin Siebert. Auf die Anfrage der Linksfraktion liege allerdings noch keine Antwort der Bundesregierung vor, teilte eine Sprecherin der Fraktion ihrerseits gegenüber Sputnik mit, obwohl diese etwa vor drei Wochen eingereicht worden war.

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    Angela Merkel, Géza Andreas von Geyr