21:02 30 Oktober 2020
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    „In Deutschland betrachtete man uns als Feinde, in Russland als Verräter“, so beschreibt eine ehemalige „Ostarbeiterin“ die Situation von rund drei Millionen Menschen, die im Zweiten Weltkrieg aus von der Wehrmacht besetzten Ostgebieten ins Deutsche Reich verschleppt wurden. Die Historikerin Christine Glauning erläutert die Dimension deren Leids.

    Sie mussten in der Rüstungsfabrik und im Bergbau schuften, bei der Ernte oder der Müllabfuhr helfen, im Handwerksbetrieb oder als Dienstmädchen in den privaten Haushalten arbeiten. Sie lebten hinter Stacheldraht in primitiven Baracken in Zwangsarbeiterlagern - und die gab es an jeder Ecke, mitten in den Städten und Dörfern. Sie durften keinen Privatkontakt zu Deutschen haben und hatten kein eigenes Geld. Sie wurden gedemütigt, geschlagen und für die kleinsten Vergehen in Arbeitserziehungslager gesteckt, wo Bedingungen ähnlich denen in KZs herrschten. An der Kleidung mussten sie den Aufnäher „OST“ tragen:  

    „Ostarbeiter“ war im Deutschen Reich eine Einstufung für fremdvölkische Zivilarbeiter. Sie waren in Wohl und Wehe dem Reglement der „Ostarbeitererlasse“ ausgeliefert – den Launen des mit Züchtigungsrechten versehenen deutschen Arbeitgebers sowieso.

    Allgegenwärtiges Massenphänomen im Deutschen Reich

    Im Sommer 1944 war jeder zweite Landarbeiter und jeder vierte Angestellte im NS-Staat ein Zwangsarbeiter, ein Drittel aller ausländischen Zivilarbeiter waren Frauen: Niemand konnte während der NS-Zeit in Deutschland leben, ohne ihnen auf Schritt und Tritt zu begegnen. Denn die Zwangsarbeiter aus ganz Europa waren allgegenwärtig – ein Massenphänomen im „Reich“.  

    Eine ukrainische Ostarbeiterin führt Schweißarbeiten im IG-Farbenwerke Auschwitz durch, ca. 1941
    Eine ukrainische Ostarbeiterin führt Schweißarbeiten im IG-Farbenwerke Auschwitz durch, ca. 1941

    Schätzungsweise 26 Millionen Menschen sollen während des Zweiten Weltkrieges durch das nationalsozialistische Regime verschleppt und ausgebeutet worden sein: Sie arbeiteten unfreiwillig in Deutschland und in den Besatzungsgebieten: Kriegsgefangene, KZ-Häftlinge, Juden, Roma und Sinti.  

    Die größte Gruppe aber bildeten die rund 8,4 Millionen ins Reich verschleppten Zivilarbeiter – Männer, Frauen und Kinder aus den besetzten Gebieten Europas. Etwa 36 Prozent von ihnen kamen aus der ehemaligen Sowjetunion, über die Hälfte der sogenannten Ostarbeiter war weiblich, Durchschnittsalter: 21.

    Schicksal, Schuld und Schweigen – Geschichte aufarbeiten

    Nach ihrer Befreiung betrachtete man die Opfer in der Sowjetunion oftmals als Verräter. Viele wurden erneut zu Zwangsarbeit genötigt - diesmal in Stalins Lagern. So wurden sie zu Opfern zweier Diktaturen. Viele NS-Zwangsarbeiter schwiegen daher ihr Leben lang über ihr Schicksal – aus Angst, aber auch aus Scham.  

    An einer Aufarbeitung dieses Kapitels der deutsch-russischen Geschichte habe jahrzehntelang wenig Interesse bestanden: „Die deutsche Wirtschaft wollte sich um Entschädigungszahlungen drücken, die sowjetische Regierung versuchte die eigene Mitschuld am Schicksal der ehemaligen Zwangsarbeiter zu kaschieren“, so die Herausgeber des Buches „Für immer gezeichnet – Die Geschichte der „Ostarbeiter“, das im Herbst erschien.

    Anfang der 1990er Jahre habe dann das öffentliche Interesse an der Thematik zugenommen: Die Moskauer Nichtregierungsorganisation Memorial begann Interviews mit mehr als 200 ehemaligen Ostarbeitern zu führen. Basierend auf diesem Material und ergänzt um Briefe, Fotos und Erinnerungen hat auf den über 400 Seiten des bebilderten Bandes das millionenfache Leid der Opfer, von denen mittlerweile viele verstorben sind, eine intensive, da nachvollziehbare und so sehr persönliche Dimension erhalten.

    Das sei „wertvoll für die pädagogische Arbeit“, so Christine Glauning, die Direktorin des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin. Die ehemaligen Unterkunftsbaracken der Ostarbeiter auf dem Gelände des einzigen fast vollständig erhaltenen Zwangsarbeiterlagers aus der NS-Zeit in Berlin-Schöneweide - inmitten eines Wohnbezirks - dienen heute als Ausstellungs- und Veranstaltungsort der Erinnerungsarbeit.

    - Frau Dr. Glauning, weshalb ist es wichtig, die Geschichte der Ostarbeiter, etwa aus der ehemaligen Sowjetunion, zu erzählen?

    - Die „Ostarbeiter“ bildeten die größte Gruppe unter den zivilen Zwangsarbeitskräften – also denjenigen Männer, Frauen und Kindern, die aus den besetzten Gebieten zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich verschleppt wurden. Sie galten in der NS-Ideologie als minderwertig und waren dementsprechend schlechter als andere Gruppen gestellt – obwohl man ihre Arbeitskraft benötigte.  

    Es ist wichtig, ihre Geschichte zu erzählen – auch um die Mechanismen von Ausgrenzung, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausbeutung deutlich zu machen, die es so ähnlich auch heute noch gibt.  

    Wichtig ist es auch aufzuzeigen, dass es durchaus Handlungsspielräume gab in der Behandlung durch die Deutschen – das zeigen eindrücklich die im neuen Buch von Memorial abgedruckten Aussagen der Überlebenden. Die Interviews und Briefe zeigen das Leben der Betroffenen vor der Verschleppung –  klammern hier auch den stalinistischen Terror nicht aus – und beleuchten die schwierige Rückkehr nach der Befreiung und die Nachkriegszeit, in der sie als Verräter und Kollaborateure gebrandmarkt waren.  

    Ostarbeiterinnen in Deutschland mit ihren Kleinsten
    Ostarbeiterinnen in Deutschland mit ihren Kleinsten

    Der Titel des Buches „Für immer gezeichnet“ steht stellvertretend für eine ganze Generation, für die das Leiden mit der Befreiung noch lange nicht vorbei war. Man sieht auf den Fotos, wie jung die meisten waren, viele noch Kinder. Sehr differenziert schildern die Überlebenden in ihren Selbstzeugnissen ihren Alltag in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges. Das Buch macht deutlich, dass es „die Ostarbeiter“ nicht gab, sondern die Situation sehr unterschiedlich war, es zeigt auch, dass die Behandlung der Ostarbeiter durch die Deutschen nicht überall gleich und nicht überall schlecht war.

    - Es gibt unter Ihrer Leitung die Gedenkstätte, doch welchen Stellenwert nimmt eine Erinnerung an sie in der Gesellschaft überhaupt ein?

    - In der Nachkriegszeit gab es in Deutschland lange keine Erinnerung an die ehemaligen Zwangsarbeiter. Sie waren nicht als Opfer der NS-Diktatur anerkannt. Das begann sich erst ab den 1990er Jahren mit der Debatte um die Zwangsarbeiterentschädigung zu ändern. Mittlerweile gibt es viele Initiativen, Einzelpersonen und auch etliche Institutionen, die in Deutschland an die Geschichte der NS-Zwangsarbeit erinnern. In Berlin wird bei vielen Neubauprojekten über das Thema Zwangsarbeit debattiert – weil Relikte von Lagern oder Arbeitseinsatzorten auftauchen. Aber ein selbstverständlicher Teil der deutschen Erinnerungspolitik ist die Geschichte der Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus noch nicht. Auch wissen viele nicht um die quantitative und qualitative Dimension der Zwangsarbeit. Da gibt es noch viel zu tun.

    - In der Vergangenheit erfolgten etwa über die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ auch Wiedergutmachungszahlungen: Betroffen war eine Vielzahl von Opfern aus der Ukraine und Belorus, Russland. Wie bewerten Sie diese Wiedergutmachung von deutscher Seite?

    - Die sogenannte „Entschädigung“ ist viel zu spät erfolgt und hat viele nicht mehr erreicht. Über 50 Prozent der sowjetischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter kamen aus der Ukraine. Ich plädiere dafür, deutlich zu machen, dass die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter unterschiedlich waren und von vielen Faktoren abhingen – und auch dafür, aufzuzeigen, welche Auswirkungen das bis heute hat.

    - Manche Deutsche erinnern sich an ihre Knechte, Mägde oder Kindermädchen aus dem Osten geradezu so, als wenn sie Teil der Familie gewesen wären – sie hätten sie gut behandelt und ihnen immer genug zu essen gegeben bemerkte neulich etwa eine ältere Dame bei einer Veranstaltung der Böll-Stiftung zum Thema. Ist es eine „romantisierte“ Vorstellung?

    - Für die allermeisten Deutschen war schon damals Zwangsarbeit kein Unrecht, sondern notwendig in Zeiten des Krieges. Es gab kein Unrechtsbewusstsein – und das hat sich in der Nachkriegszeit fortgesetzt und ist Teil der Familienüberlieferung geworden. Kaum jemand erzählt, dass die eigenen Eltern oder Großeltern Zwangsarbeiter misshandelt hätten.

    - Wie erging es den Zwangsarbeitern denn tatsächlich?

    - Je nach Herkunft hatten sie schlechtere oder etwas bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen. Die osteuropäischen Männer, Frauen und Kinder standen am untersten Ende einer rassistischen Skala, sie mussten Abzeichen tragen („P“ für Polen und „OST“ für die Ostarbeiter) und waren strengen Regeln unterworfen. Bei Übertreten dieser Regeln – auch bei bloßem Verdacht – wurden sie hart bestraft, bis hin zur Einweisung in ein KZ oder „Sonderbehandlung“ durch die Gestapo, was die sofortige Erschießung oder Erhängung bedeutete. Es ist immer noch nicht bekannt, wie viele Zwangsarbeiter, vor allem die aus Osteuropa, den Krieg nicht überlebt haben.

    - Wie sollte nach dem Tod der Zeitzeugen mit dem Erbe, den Zeugnissen wie Orten millionenfacher Zwangsarbeit umgegangen werden?

    - Es ist wichtig, über die Geschichte der NS-Zwangsarbeit zu informieren, sie anschaulich zu erzählen – und die Opfer nicht zu vergessen. Dafür stehen zahlreiche Interviews und andere Selbstzeugnisse wie Tagebücher oder Briefe zu Verfügung. Sie können die direkte Begegnung, das direkte Gespräch mit den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nicht ersetzen, aber sie bieten viele Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit den persönlichen Schicksalen – gerade für Jugendliche  zur Veranschaulichung und als Anregung zur weiteren Recherche an ihren Heimatorten.  

    Britische Soldaten begleiten eine verletzte russische Ostarbeiterin in Osnabrück, 7. April 1945
    Britische Soldaten begleiten eine verletzte russische Ostarbeiterin in Osnabrück, 7. April 1945

    Auch Gespräche mit Angehörigen der zweiten und dritten Generation bieten einen guten Zugang zur Geschichte der NS-Zwangsarbeit und der Frage, wie in den Familien der Überlebenden darüber gesprochen wurde – oder eben auch nicht. 

    Es bleiben die historischen Orte der ehemaligen Lager und Arbeitseinsatzorte: Es ist wichtig, die wenigen noch erhaltenen Baracken möglichst zu sichern oder zentrale Lagerorte mit Erinnerungstafeln zu kennzeichnen.  Aber auch im Rahmen einer digitalen Erinnerung kann deutlich gemacht werden – zum Beispiel mit Online-Karten – wie flächendeckend überall im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten sich das NS-Zwangsarbeitssystem ausgebreitet hat.

    Das Buch „Für immer gezeichnet - Die Geschichte der „Ostarbeiter“ in Briefen, Erinnerungen und Interviews“, herausgegeben von Memorial Moskau und der Heinrich-Böll-Stiftung, erschien im Chr. Links Verlag, 424 Seiten, 28 Euro, ISBN: 978-3-96289-057-5

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    Tags:
    NS-Zeit, Sowjetunion, UdSSR, Osteuropa, Deutschland, Ukraine, Zweiter Weltkrieg, Drittes Reich