01:19 20 Januar 2020
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    Die Zahl der Zuwanderer in Deutschland ist laut Dr. Hans Dietrich von Loeffelholz, ehemaliger Chefvolkswirt und Ex-Leiter der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zurückgegangen. Unterm Strich sei die Migration nützlich für die ökonomische, soziale und auch demographische Entwicklung im Lande.

    Natürlich gebe es immer Herausforderungen, sagte von Loeffelholz im Sputnik-Interview am Rande einer Konferenz des Europa-Instituts in Moskau zu Fragen der Migration und Sicherheit. Ein Thema dabei war die Migrationskrise 2015–2016. „Aber wir sind schon ein relativ weites Stück mit der Integration dieser Vielzahl von Flüchtlingen und Asylbewerber vorangekommen. Ein Drittel dieser Personen, die meistens aus Syrien oder dem Nahen Osten kamen, sind schon im Arbeitsmarkt in Deutschland angekommen. Sie alle haben schon eine normale Beschäftigung, alle können sich und ihre Familien zum Teil schon selbst unterhalten.“

    Verdrängen Migranten nicht die heimische Bevölkerung?

    Nein, antwortet von Loeffelholz, „und zwar deswegen nicht, weil die heimische Bevölkerung dann bessere Jobs annehmen kann. Die Migranten stellen sich normalerweise immer unten am Arbeitsmarkt an. Dadurch rücken die heimischen Arbeitskräfte weiter nach oben. Sie haben mehr Aufsicht zum Beispiel zu führen. Sie werden besser bezahlt. Insofern ist es von Vorteil auch für die heimische Bevölkerung. Nach unserer Erfahrung gibt es kaum Verdrängungseffekte.“

    Es gebe einen weiteren Punkt, der in dem Zusammenhang immer erwähnt werde, „ob die Migranten den Deutschen auf der Tasche liegen. Das kann man auch nicht so sagen. Indem die Migranten in den Arbeitsmarkt integriert sind, zahlen sie Steuern und Beiträge und finanzieren die Investitionen im Nachhinein mit, die der Staat bevor für sie getätigt hat. Auch die Migranten der neuen Welle haben ganz normale Jobs und verdienen auch gutes Geld. Sie sind auch weniger von Sozialleistungen abhängig. Aus fiskalischer Sicht ist es ein Vorteil auch für die öffentlichen Finanzen.“

    Warum ist der Widerstand gegen Migranten so stark?

    Von Loeffelholz unterscheidet den Widerstand im Osten und im Westen Deutschlands, wo es keinen gebe. „Weil die frühere Bundesrepublik vor der deutschen Einigung jahrzehntelang an Neuankömmlinge gewöhnt war, an Gastarbeiter, an Flüchtlinge, an Asylbewerber. Von daher ist dann ein Gewohnheitseffekt in Westdeutschland zu sehen. Die frühere DDR hatte keine größere Erfahrung mit Migration. Es gab zwar gewisse Vertragsarbeitskräfte aus Vietnam. Aber sie wurden nach einiger Zeit wieder zurückgeschickt, so dass die Bevölkerung im heutigen Ostdeutschland keine positive Erfahrung mit Neuankömmlingen hat.“

    Signale der EU an qualifizierte Migranten

    Die Europäische Union habe 2009 die sogenannte Blaue-Karte-Richtlinie verabschiedet, so der Wissenschaftler. „Sie wird von den europäischen Staaten genutzt, um qualifizierte Migranten aus anderen Ländern außerhalb der Europäischen Union erleichtert anzuwerben und zu beschäftigen. Außerdem gibt es auch Signale, die in Deutschland immer wieder gesendet werden, zum Beispiel der Spruch „Make it in Germany“ an qualifizierte IT-Ingenieure, damit sie an der Entwicklung der technologischen Industrie bzw. der künstlichen Intelligenz mitwirken können. So werden ungefähr 20.000 Blue cards im Jahr in Deutschland ausgegeben.“

    Braucht Deutschland noch ein halbes Million Migranten?

    „Ein ganz wichtiger Aspekt“, merkt von Loeffelholz an. „Es gibt Bevölkerungsvorausschätzungen, darunter der Erwerbsbevölkerung zwischen 20 und 65 Jahren. Sie würde in den nächsten 10, 20, 25 Jahren um 10 bis 20 Prozent zurückgehen. Dadurch ergibt sich rein rechnerisch eine Lücke von 500.000 Beschäftigten. Man bräuchte zusätzliche Arbeitskräfte. Nur haben wir in Deutschland immer gesagt, dass wir genügend eigenes Potential haben, nämlich mehr Leute ins Ausbildungssystem zu bringen, das Ausbildungssystem zu verbessern, indem Studienabbrecher besser betreut und vor allem die Abbrecherquoten an den Universitäten bzw. bei der beruflichen Ausbildung radikal reduziert werden.“

    Kann die Migration demographische Lücken füllen?

    Außerdem sei Deutschland auf dem Weg, das Ruhestandsalter auf über 65 Jahre zu erhöhen, so der Experte. „Bis 2029 soll das Ruhestandsalter in Deutschland für die Männer auf 67 Jahre erhöht werden. Und es gibt schon Diskussion darüber, dieses Ruhestandsalter noch weiter zu erhöhen, um eben diese demographische Lücke zunächst aus den heimischen Möglichkeiten füllen zu können. Hinzu kommen auch die zukünftigen Migranten. Wir rechnen damit, dass 90 Prozent aus dem eigenen Potential gefüllt werden können. Aber zusätzlich eben zehn Prozent sollen aus dem Bestand von Migranten stammen, die dann in Zukunft kommen.“

    Dr. Hans Dietrich von Loeffelholz, Ex-Leiter der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge während der Konferenz
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Dr. Hans Dietrich von Loeffelholz, Ex-Leiter der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge während der Konferenz

    Russland habe auch so eine demographische Lücke in den nächsten Jahren, sagt von Loeffelholz weiter. „Und wenn ich die Diskussion hier richtig verstanden habe, versucht dann Russland mehr Migranten anzuwerben, um diese Lücke zu füllen, im Verhältnis 50:50. 50 Prozent sollen aus dem eigenen Bestand, durchaus eben auch durch die Erhöhung des Ruhestandsalters oder der Anzahl der Frauen im Arbeitsmarkt gefüllt werden, aber 50 Prozent sollen in Russland durch Migranten, von gut Qualifizierten natürlich, gefüllt werden.“

    Vieles wird nach seiner Meinung von der Entwicklung der Wirtschaft abhängen, wie hoch das Wachstum wird. Davon hängt auch der Arbeitsmarktbedarf ab.

    „Was Deutschland betrifft, so ist ein großer Teil der Herausforderung, die durch die Flüchtlingskrise 2015–2016 hervorgerufen wurde, schon bewältigt worden. Nachdem ein Drittel dieser Personen schon im Arbeitsmarkt angekommen ist, müssen jetzt die anderen zwei Drittel noch integriert werden. Dazu brauchen wir eben auch qualifizierte Migranten aus dem Ausland, die ihre Erfahrungen und ihr Wissen einbringen.“

    Alexander Orlow, Professor an der Hochschule MGIMO, sprach auf der Konferenz unter anderem darüber, wie die Migranten an ihr neues soziales und kulturelles Milieu, aber auch an das Rechtssystem des Gastlandes anzupassen sind und erörterte Probleme, die sich daraus ergeben. Er stellte fest, dass alle Programme, die von der EU in dieser Hinsicht beschlossen worden seien, sich als wenig effizient erwiesen haben.

    Wo liegt die wirkliche Heimat der Migranten?

    „Den Ländern Europas, die von einer massiven, darunter illegalen Zuwanderung betroffen sind“, so Orlow, „ist es nicht gelungen, die Bildung von Migrantenenklaven zu verhindern. Solche Enklaven sind häufig Ministaaten ähnlich, mit eigenen Gesetzen, eigener Sprache und eigenem Lebensstil, die den Bräuchen des Gastlandes fremd sind. Bezeichnend ist, dass bei Migranten selbst in der zweiten oder dritten Generation die vollständige Integration oft ausbleibt, so dass sie nach wie vor stark an ihr Auswanderungsland gebunden sind. Daraus ergibt sich die Frage, wo ihre wirkliche Heimat liegt: Ist es das Land, aus dem sie gekommen sind, oder das, in dem sie sich aufhalten?“

    Das Vorhandensein von Diasporagemeinden sei an sich nichts Schlimmes, sagt der Experte: „Es ist eine Form der Selbstorganisation und gegenseitigen Hilfe von Menschen der einen oder anderen Nationalität bzw. Staatsbürgerschaft in der Fremde. Allerdings sind Mitglieder der klassischen Diasporagemeinden in der Regel in ihre neue Umgebung integriert und stellen darin keinen Fremdkörper dar, selbst wenn sie bestimmte Anzeichen ihrer Zugehörigkeit zu einer anderen Kultur beibehalten. Dagegen handelt es sich bei der letzten Einwanderungswelle weitgehend um ein neues und nicht restlos geklärtes Phänomen. Seine Auswirkungen dürften sich erst in einigen Jahren oder gar Jahrzehnten einstellen.“

    Das komplette Interview zum Nachhören:

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    Tags:
    Migrationskrise, Flüchtlingskrise, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Deutschland