04:50 17 Februar 2020
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    Der Kapitän Claus-Peter Reisch, der sich kürzlich wegen Seenotrettung vor Gericht verantworten musste und schließlich recht behielt, hat in einem Interview mit „Zeit Online“ erklärt, nicht mehr für die Mission Lifeline als Kapitän fahren zu wollen.

    In dem Interview verwies Reisch auf Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und den Vertretern von Lifeline.

    „Es gibt Differenzen zwischen uns, ich will nicht über alles sprechen, aber vor allem gefällt mir deren politische Agitation nicht“, sagte der Kapitän.

    Vieles sei ihm zu linksradikal. Auch bestimmte Äußerungen gingen Reisch deutlich zu weit.

    „Ich kann mich nicht mit Aussagen gemeinmachen, wie etwa, der österreichische Kanzler Sebastian Kurz sei ein Baby-Hitler. Da bin ich nicht dabei. Und auch gewisse andere politische Aussagen, die da gemacht werden, sind nicht mein Ding. Vieles ist mir zu linksradikal.“

    Ferner machte Reisch auch deutlich, woraus sich diese Differenzen erklären.

    „Ich komme aus der bürgerlichen Mitte. Ich habe mit nichts angefangen, eine Firma aufgebaut, die ist super gelaufen. Ich habe sie Ende 2008 verkauft und kann heute von dem, was ich mir erarbeitet habe, einigermaßen gut leben. Das ist eine andere Welt. Mir geht es um Seenotrettung, nicht um politische Agitation“, so der Kapitän weiter.

    Inzwischen habe die Seenotrettung auf dem Mittelmeer „leider“ eine politische Komponente, bedauerte der Bayer. Aber wenn schon Politik gemacht werden solle, dann „sollten wir doch einen anderen Ton anschlagen“.

    Er habe eigentlich im Sommer nicht mehr für Lifeline fahren wollen und habe das nur getan, weil der Kapitän kurzfristig abgesprungen sei. Und dann habe gegolten: „Entweder das Schiff fährt mit mir, oder es fährt gar nicht. Hopp oder top. Also habe ich gesagt, ich mache es technisch fertig und fahre.“

    Seine Zeit bei Lifeline bereut der 50-Jährige allerdings keinesfalls. Die 104 Menschen, „die wir gerettet haben, wären sonst ertrunken“. Für den Kapitän ist es auch eine Frage der Verantwortung vor den Spendern. Wenn er Geld einsammle für eine neues Schiff und dann fahre dieses Schiff am Ende nicht, „verliere ich noch meine Glaubwürdigkeit“.

    Fürs Erste will sich Reisch aus der Seenotrettung zurückziehen. Er habe noch juristische Baustellen, die er abschließen wolle und lasse lieber anderen den Vortritt. Wenn er allerdings akut einen Schlüssel für ein Schiff in die Hand bekäme, würde er vermutlich doch schwach werden und fahren, räumte der Kapitän ein.

    Am Kaffeetisch mit Horst Seehofer

    Reisch machte unter anderem deutlich, dass radikale Positionen nichts bringen würden. An seinem eigenen Beispiel verdeutlichte er, wie er sich das vorstellt.

    „Wenn ich zu einem Horst Seehofer an den Kaffeetisch will – wo ich ja war – oder zu einem Markus Söder, dann geht es nicht, dass ich auf diese Leute unsäglich eindresche. So komme ich nicht ins Gespräch. Aber nur dort kann ich etwas bewegen. Ich habe gesagt, ich will mit Seehofer sprechen. Und ich habe es hinbekommen. Wir haben uns zwei Stunden unterhalten“, sagte Reisch.

    Auch mit dem CSU-Vorsitzenden Markus Söder kam er ins Gespräch. Bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises sei er dem Politiker begegnet. Da hätten tausend Leute geklatscht, als Reisch ihm seine Visitenkarte in die Hand gedrückt habe. Der Kapitän hält das für zielführender für die Sache, als sich „hinzustellen  und nur zu kritisieren, was Seehofer und Söder alles falsch machen“.

    Beide Politiker sollen im Nachhinein ihre Haltungen geändert haben – Seehofer etwa sei von seinem Antiseenotrettungskurs abgerückt, sagte Reisch und merkte an, dass er vielleicht dazu ein kleines bisschen beigetragen habe.

    Wegen Seenotrettung vor Gericht

    Im Juni 2018 hatte Reisch sein „Lifeline“-Schiff mit mehr als 230 auf See gerettete Migranten in Hoheitsgewässer des Inselstaats Malta gesteuert. Nach der Rettungsaktion war das Schiff, das unter niederländischer Flagge fuhr, tagelang auf hoher See blockiert worden. Das Rettungsschiff durfte erst in Malta anlegen, nachdem mehrere EU-Staaten zugesagt hatten, die an Bord befindlichen Flüchtlinge aufzunehmen. Reisch wurde danach festgehalten und von der Polizei vernommen. Sein Schiff wurde von den Behörden beschlagnahmt.

    Daraufhin gab es noch ein juristisches Nachspiel: Maltesische Behörden warfen ihm vor, sein Boot sei „nicht korrekt registriert“ gewesen. Ein Gericht auf Malta hatte ihn daraufhin in erster Instanz zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt. Der Kapitän und seine Organisation beharrten jedoch seitdem darauf, dass er unschuldig sei. Anfang dieser Woche wurde der Kapitän in einem Berufungsverfahren freigesprochen. 

    „Mission Lifeline“ wurde 2016 in Dresden gegründet. Laut Satzung ist der Vereinszweck die Seenotrettung von Menschen im Mittelmeer.

    mka/gs

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    Tags:
    Flüchtlinge, Mittelmeer, Rettungsschiff, Seenot