05:50 24 Januar 2020
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    In der DDR war Russisch Pflichtfach an Schulen. Darüber hinaus studierten und arbeiteten zehntausende DDR-Bürger in der Sowjetunion und auch Sowjetbürger lebten in der DDR. Wie ist der Stellenwert der russischen Sprache in Deutschland 30 Jahre nach der Wende? Ist es noch zeitgemäß und gewünscht Russisch zu lernen?

    Etwa 278 Millionen Menschen sprechen Russisch als Mutter- oder Zweitsprache. Somit nimmt Russisch den sechsten Platz unter den meistgesprochenen Sprachen in der Welt ein. Zugleich ist Russisch weltweit auf Platz zwei nach dem Englischen unter den meistgenutzten Sprachen für Inhalte von Websites.

    Russisch wichtig für die Osteuropakompetenz?

    Der Stellenwert der russischen Sprache in Deutschland war Anlass einer Kleinen Anfrage der Linksfraktion im Bundestag an die Bundesregierung. Die Abgeordneten begründeten ihre Anfrage mit der großen Bedeutung der russischen Sprache „für die Osteuropakompetenz der deutschen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.“

    Außerdem sei Russisch auch international eine wichtige und nützliche Kompetenz für Vertreter Deutschlands, argumentieren die Fragesteller. So ist Russisch Amtssprache beziehungsweise Arbeitssprache in wichtigen internationalen Organisationen wie der UNO, dem Europarat, der OSZE, der Internationalen Atomenergie-Organisation, der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, der Eurasischen Wirtschaftsunion oder der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit.

    Russisch Auswahlkriterium, aber kein Muss

    Die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage bestätigt, dass Russischkenntnisse in den Strukturen der Bundesregierung sehr gefragt sind. So seien „Russischkenntnisse ein Auswahlkriterium für die Tätigkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter deutscher Ministerien an diplomatischen und konsularischen Vertretungen in Russland“ und den meisten ehemaligen Sowjetrepubliken.

    In der Praxis ist es allerdings so, dass selbst in Ländern, in denen Russisch Verkehrssprache ist, wie etwa Moldau, zum Teil keiner der deutschen Diplomaten vor Ort Russisch spricht. Selbst von den in Russland akkreditierten deutschen Botschaftsmitarbeitern spricht mehr als ein Drittel kein Russisch.

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    Der europapolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, Andrej Hunko, kommentiert: „Obwohl Russisch bei den Fremdsprachenkenntnissen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Auswärtigen Amts nach dem Englischen, Französischen und Spanischen einen guten vierten Platz einnimmt, beherrscht nur etwa ein Drittel der deutschen Diplomaten in Russland die Sprache ihres Gastlandes. Diese Tatsache erstaunt mich sehr, ohne sprachliche Kompetenz lassen sich bekannter Weise Land und Leute nicht verstehen.“

    Wo kann man Russisch lernen?

    In Deutschland leben etwa sechs Millionen russischsprachige Menschen. Trotzdem sind die Angebote zum Erwerb der russischen Sprache sowohl in Schulen, als auch in Universitäten rückläufig. Immerhin haben im Schuljahr 2017/2018 bundesweit noch 106.028 Schülerinnen und Schüler Russischunterricht erhalten. Damit lag Russisch als Fremdsprache hinter Englisch, Französisch, Latein und Spanisch an fünfter Stelle. Mehr als zwei Drittel der Russisch lernenden Schüler stammt aus den Neuen Bundesländern.

    Die Russischlehrerverbände in Deutschland stellen fest, dass das Schulfach Russisch ihrer Meinung nach nicht genügend Unterstützung von den Kultusministerien der Länder erhält. Ein Bekenntnis zum Fach und eine Steuerung zur Stärkung des Russischen in der Schullandschaft findet nur in sehr wenigen Bundesländern statt. Der Landesverband der Russischlehrer und Slawisten Baden-Württemberg e.V. erklärt hinsichtlich der aktuellen Situation der russischen Sprache in Deutschland: „Ebenso ist klar, dass das relativ geringe Angebot und die (demzufolge) relativ geringe Nachfrage nach Russisch an den Schulen nicht der Intensität der Zusammenarbeit mit Russland im öffentlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereich entspricht. […] Die Russischlehrerverbände halten es auch angesichts der sechs Millionen Russischsprecher/innen in Deutschland für richtig, das Angebot, Russisch an Schulen zu lernen, mittel- und langfristig in die Richtung zu entwickeln, dass es z.B. in jeder größeren Stadt eine Schule mit diesem Angebot gibt.“

    Viele Schüler, aber wenig Studierende für Russisch

    Beim Studium stellt sich dagegen ein dramatischeres Bild dar. Wie aus der Antwort der Bundesregierung hervorgeht, waren „2018/2019 insgesamt 1061 Studierende an deutschen Hochschulen (ausschließlich an Universitäten) im Studienfach ‚Russisch‘“ eingeschrieben.“ Hinzu kommen für das Wintersemester 2018/2019 insgesamt 269 Russisch-Studierende auf Lehramt. Gerade erst wurde an der Universität Leipzig, wo seit mehr als 70 Jahren Dolmetscherinnen und Dolmetscher sowie Übersetzerinnen und Übersetzer für Russisch ausgebildet wurden dieser Studiengang auf ein Minimum gekürzt.

    Hunko erklärt in diesem Zusammenhang:

    „Auch im Zuge der Entwicklung der Eurasischen Wirtschaftsunion gewinnt Russisch als Sprache der wirtschaftlichen Zusammenarbeit offensichtlich immer mehr an Bedeutung im Eurasischen Raum. Auch vor diesem Hintergrund bin ich sehr besorgt über die geplante Schließung des Master Studiengangs Konferenzdolmetschen für Russisch am Institut für Angewandte Linguistik und Translatologie (IALT) an der Universität Leipzig. Ich fordere das Rektorat auf, dieses Angebot aufrechtzuerhalten.“

    Auch die Bundesregierung lehrt Russisch

    Wie aus der Antwort der Bundesregierung hervorgeht, kann man Russisch auch im Rahmen der Ausbildung für die Arbeit in Bundesministerien lernen. Dafür gebe es „Angebote des Bundessprachenamtes...Darüber hinaus bietet das Bildungs- und Wissenschaftszentrum der Bundesfinanzverwaltung als nachgeordneter Bereich des Bundesministeriums der Finanzen ebenfalls die russische Sprache an. Das Auswärtige Amt bietet eigene Möglichkeiten zum Erlernen der russischen Sprache.“, heißt es in der Antwort der Bundesregierung.

    Das Angebot des Bundessprachenamts für Russischkurse werde dabei vor allem von Mitarbeitern von Innen-, Finanz- und Verteidigungsministerium sowie des Bundeskanzleramts genutzt. Auch Mitarbeiter der Bundeswehr belegen Russischkurse beim Bundessprachenamt, teilt die Bundesregierung mit.

    Insgesamt sprechen, laut Angaben der Bundesregierung, von 1285 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Auswärtigen Amts 136 Russisch.

    Des Weiteren heißt es in der Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Linken: „Aktuell (Stand 3. Dezember 2019) sind 779 Fremdsprachenassistentinnen und Fremdsprachenassistenten im Auswärtigen Dienst tätig; davon verfügen 50 über Russischkenntnisse, die im Personalverwaltungssystem eingetragen sind.“

    Deutsche Welle baut ihre russische Seite massiv aus

    Die Relevanz der russischen Sprache lässt sich auch an der Finanzierung des russischen Programms der Deutschen Welle deutlich erkennen: In den letzten, für die deutsch-russischen Beziehungen besonders angespannten Jahren, hat sich das Budget des russischsprachigen Angebots des Senders fast verdoppelt.

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    Die Linken interpretieren diesen Anstieg der Ausgaben eher als eine Verstärkung der „Einflussnahme“ in Russland. So heißt es in der Pressemitteilung von Hunko: „Russisch darf allerdings nicht zu einem Instrument der medialen Einflussnahme werden. Man sollte es in erster Linie als Schlüssel zur russischen Gesellschaft und ihrer Kultur betrachten.“

    Wann spricht die Kanzlerin Russisch?

    Es ist bekannt, dass auch die Bundeskanzlerin Russisch spricht. So lautete eine Frage der Linken: „In Gesprächen mit den Vertreterinnen und Vertretern der Regierungen welcher Staaten nutzt die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel ihre Russischkenntnisse?“

    Die Antwort der Bundesregierung lautete:

    „Offizielle Termine mit russischsprachigen Gesprächspartnern der Bundeskanzlerin werden in aller Regel gedolmetscht oder in Einzelfällen in englischer Sprache geführt. Die Bundeskanzlerin nutzt ihre Russischkenntnisse bei sich bietender Gelegenheit am Rande offizieller Gespräche mit russischsprachigen Gesprächspartnern“.

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