18:25 18 Januar 2020
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    Tausende Menschen drangen am späten Nachmittag des 15. Januar 1990 in das Gelände des einstigen Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Berlin-Lichtenberg ein. Doch was bis heute als „Sturm auf die Stasi“ bezeichnet wird, war vielleicht nur ein Schauspiel, bei dem ahnungslose Demonstranten nicht mehr als die Statisten waren.

    Bereits Anfang Dezember 1989 wurden in einigen Bezirken und Kreisstädten im Süden der DDR die Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) von Bürgerkomitees übernommen und geräumt. Was überraschend friedlich verlief und was der Autor dieses Berichts selbst aktiv miterlebt hat, hatte seine Vorgeschichte in den Ereignissen im Herbst 1989 in der DDR.

    Die führten auch im MfS dazu, dass dessen Mitarbeiter bis in die höchsten Ränge verunsichert und zum Teil desorientiert waren. Dazu trug außerdem die überraschende Grenzöffnung am 9. November 1989, der „Mauerfall“, bei. Die Zweifel am bisherigen politischen System und vor allem an der vermeintlich führenden SED sowie den bisherigen Aufgaben waren längst unter den MfS-Angehörigen verbreitet.

    Äußeres Zeichen der Suche nach einer neuen Sicherheitsdoktrin war, dass das bisherige Ministerium Mitte November 1989 in „Amt für Nationale Sicherheit“ (AfNS) umbenannt wurde. Für die DDR-Bürger blieb es weiter die „Stasi“. Der AfNS-Chef General Wolfgang Schwanitz kündigte ebenso wie die neue Regierung unter Hans Modrow an, dass die Unterdrückung Andersdenkender und Oppositioneller beendet werde.

    Vorläufer in den Bezirken und Kreisen

    Seit Anfang November mehrten sich Informationen, dass MfS-Akten, besonders jene über die innere Unterdrückung, vernichtet wurden. Das führte dazu, dass Bürgerrechtler am 4. Dezember 1989 zuerst in Erfurt die dortige MfS-Bezirksverwaltung von Staatsanwälten versiegeln ließen und deren Mitarbeiter nach Hause schickten. Andere Städte in der DDR folgten an diesem und dem nächsten Tag.

    In der Hauptstadt Ost-Berlin, gab es zwar am 6. Dezember 1989 eine Demonstration vor der MfS- bzw. AfNS-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. Aber erst am 7. Dezember wurde eine Gruppe von Bürgerrechtlern gemeinsam mit einem Team des Senders „Elf 99“ aufs Gelände gelassen. Das eher schauspielartige Gespräch mit eher nichtssagenden Erklärungen durch Mitarbeiter des Amtes war nach zwei Stunden beendet.

    Die alte „Stasi“ konnte ungehindert weitermachen, meinten einige der Bürgerrechtler. Inzwischen gab es den „Runden Tisch“, an dem die oppositionellen Gruppen und Organisationen versuchten, die immer noch regierende SED am vermeintlichen „Weiter so“ unter neuer Führung zu hindern. Dabei wurde wiederholt gefordert, das AfNS als MfS-Nachfolger ganz aufzulösen. Die Modrow-Regierung hatte inzwischen begonnen, dessen Strukturen zu verkleinern und zahlreiche der insgesamt 85.000 hauptamtlichen Angehörigen zu entlassen.

    Von symbolischer Aktion zum „Sturm“

    Die Erklärung des Ministerpräsidenten, die immer noch bestehende DDR benötige weiterhin einen Verfassungsschutz und einen Nachrichtendienst, wollten die Bürgerbewegten nicht gelten lassen. Sie kritisierten ebenso, dass weiter Akten des MfS vernichtet würden.

    So rief das Neue Forum Tage zuvor zu einer „Aktionskundgebung“ am 15. Januar 1990 vor dem großen Gelände des nunmehrigen AfNS in Berlin-Lichtenberg auf. „Wir schließen die Tore der Stasi“ wurde auf einem Plakat angekündigt, mit dem aufgefordert wurde, Kalk und Mauersteine mitzubringen. Damit sollte die Geheimdienstzentrale symbolisch eingemauert werden.

    Den Berichten und TV-Aufnahmen von damals nach wurde aus der angekündigten Aktion „mit Fantasie und ohne Gewalt“ der vermeintliche „Sturm auf die Stasi“. Bis zu 100.000 Demonstranten hätten sich bis 17 Uhr an jenem Januartag 1990 vor dem Hauteingangstor des einstigen, von Erich Mielke geführten Ministeriums in der Berliner Ruschestraße versammelt. Das behauptet der Historiker Ilko Sascha Kowalczuk in seinem 2009 veröffentlichten Buch „Endspiel – Die Revolution von 1989 in der DDR“.

    Übertriebene Zahlen für die Legende

    In den damaligen Berichten über die Ereignisse war die Rede von Zehntausenden Demonstranten. „Einige Tausend Leute“ zählte Reinhard Schult, Mitbegründer des Neuen Forums und aktiver Augenzeuge an dem Abend vor der „Stasi-Zentrale“. Das berichtet er in dem jüngst veröffentlichten Buch „Finale – Das letzte Jahr der DDR“ von Hannes Bahrmann und Christoph Links.

    Das Spiel mit den Zahlen dient offensichtlich der Legende um den „Sturm auf die Stasi“, wie sie unter anderem Matthias Unterburg in seiner gleichnamigen Dokumentation für die ARD aus dem Jahr 2010 pflegte. „An diesem Tag wurde das Ende der Stasi besiegelt, weil die Bürger ihre Angst verloren hatten“, heißt es darin am Schluss. Doch das MfS war längst vorher am Ende und das AfNS nicht lebensfähig, bis es ganz aufgelöst wurde.

    Die MfS-Nachfolger und die Regierung Modrow hätten am 15. Januar 1990 „bereits vor 17 Uhr kapituliert – deutlich vor Beginn der angekündigten Bürger-Demonstration“. Das stellte selbst Christian Booß, Historiker der „Stasi-Unterlagenbehörde“, 2016 in einem Online-Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema fest. Er widersprach, wie sein Fachkollege Walter Süß, den zahlreichen Vermutungen, die „Stasi“ selbst habe das Ganze inszeniert.

    Freier Weg für die Demonstranten

    Booß weiter: „Allerdings herrschte im Stasi-Komplex eine Art Machtvakuum. Die Stasi-Mitarbeiter waren mittlerweile fast alle nach Hause gegangen, um Demonstranten nicht durch ihre Anwesenheit zu provozieren. Die anwesenden Polizeikräfte waren zu schwach, um sich vielen Bürgern entgegenstellen zu können.“ Die AfNS-Führung hatte sich auf die angekündigte Demonstration vorbereitet. Die Waffenkammern waren bereits am 13. Januar geräumt worden.

    Kurz nach 17 Uhr war das zuvor fest verschlossene Eingangstor in der Berliner Ruschestraße überraschend aufgegangen. Damit war der Weg in das Gelände für die Demonstranten, von denen einige mit dem Ruf „Stasi raus“ auf das Tor eingeschlagen hatten, plötzlich frei. Manche rätseln bis heute, wie es dazu kam, auch Historiker Kowalczuk.

    Doch die Lösung scheint ganz einfach: Bürgerrechtler hatten das Tor öffnen lassen - von innen. Sie waren längst drin, seit den frühen Nachmittagsstunden. Zu diesem Zeitpunkt angereiste Vertreter der Bürgerkomitees aus den DDR-Bezirken waren bereits eingelassen worden – ohne die bis dahin zögerlichen Ost-Berliner Bürgerrechtler. Sie wollten mit der kommissarischen AfNS-Führung über die Räumung und Versiegelung der Geheimdienstzentrale verhandeln. Das hatten sie andernorts in der Republik gemeinsam mit Polizei und Staatsanwälten bereits vorgemacht.

    Keine rätselhafte Toröffnung

    „Es schien die Chance zu einer gar nicht bedrohlichen, sehr geordneten Übergabe gegeben“, schrieb der Historiker Walter Süß dazu in seinem Buch „Staatssicherheit am Ende“ aus dem Jahr 1999. Doch nicht nur die Berliner Bürgerrechtler wussten nichts von den Plänen derjenigen aus den Bezirken, erst Recht nicht die Demonstranten vor dem Tor.

    „Tatsächlich war gegen 17.00 Uhr der Druck auf das Tor durch die nachrückenden Demonstranten so heftig geworden, dass Bürgervertreter im Innern des Gebäudes fürchteten, es würden in der drangvollen Enge Menschen zu Schaden kommen. Deshalb hatte der katholische Geistliche Martin Montag, der zuvor als Vertreter des Bürgerkomitees Suhl mitverhandelt hatte, einem Polizisten die Anweisung gegeben, das Tor zu öffnen.“

    In der ARD-Doku von 2010 heißt es, Montag habe mit den Polizisten beschlossen, sich zurückzuziehen. Einige Demonstranten seien über das Tor geklettert und hätten es dann von innen geöffnet. Was für Historiker Kowalczuk „wie von Geisterhand“ betrieben wurde, begründete Pfarrer Montag laut Süß so: „Wir wollten keine Gewalt, schon gar keine Toten.“ So strömten Tausende in das Innere der einstigen MfS-Zentrale. Die anwesenden Polizisten sahen nur lächelnd zu.

    Randale und gezielte Suche

    Die meisten der Demonstranten schauten sich staunend im Gelände um und gingen wie zielgesteuert auf das erleuchtete Haus 18 zu, das Gebäude mit Speisesälen, Einkaufsläden und anderen Versorgungseinrichtungen für die MfS-Angehörige. Alle anderen Gebäude waren dunkel, selbst jene, in den sich noch Geheimdienstmitarbeiter, den Angaben nach insgesamt etwa 100, aufhielten. Sie beobachteten hinter den Vorhängen das Geschehen.

    Im Haus 18 randalierten dann einige der Demonstranten, zerstörten Einrichtungen, warfen Akten und Formulare herum. Sie versuchten, in die verschlossenen Läden im Inneren einzudringen und bedienten sich am gelagerten Alkohol im Keller des Gebäudes. Das zeigen Filmaufnahmen, die damals unter anderem ein Team des Senders SFB machte, und die den vermeintlichen „Sturm“ bebildern helfen. Bürgerrechtler stoppten die Randale und drängten die aufgebrachten Demonstranten aus dem Gebäude.

    Die Masse der Demonstranten ignorierte die eigentlich interessanten Gebäude, so auch das der Hauptabteilung (HA) XX, für die Überwachung von Bürgern und Opposition zuständig. Auch das der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) ließen sie unbeachtet. Während das wahrscheinlich aus Unkenntnis geschah, gingen Einzelne, die auf das Gelände gelangt waren, gezielt vor und suchten die Räume der HA II (Spionageabwehr) im Haus 2.

    Verräter als Wegbereiter westlicher Geheimdienste

    „Ein Verräter aus ihren Reihen hatte westlichen Geheimdiensten genau beschrieben, welche Panzerschränke in welchen Zimmern für sie von besonderem Interesse wären. Inmitten der Menschenmenge eingedrungene Agenten verschafften sich Zugang zu diesen Panzerschränken und räumten sie aus.“ Das schrieb Wolfgang Schmidt, ehemaliger Leiter der Auswertungs- und Kontrollgruppe (AKG) der HA XX im MfS in einem Beitrag für die Webseite des MfS-Insiderkomitees.

    Der damalige DDR-Ministerpräsident Hans Modrow war aufgrund der beunruhigenden Informationen am Abend zum MfS-Gelände gekommen. Er versuchte erfolglos mit einer Rede, die bereits vordringenden Demonstranten aufzuhalten. Irgendwelche Maßnahmen zum Schutz des Geländes und der sich darin aufhaltenden AfNS-Mitarbeiter ordnete er nicht an. Das wird ihm bis heute übelgenommen.

    In dem 2018 erschienenen Buch „In Verantwortung“  erklärt Modrow, ohne Belege dafür zu nennen: „Was inzwischen bekannt ist, dass die ganze Operation einschließlich der Kundgebung mit dem Sturm von westlichen Geheimdiensten geplant, organisiert und realisiert worden ist. Die waren scharf auf die geheimen MfS-Unterlagen. Sie wussten genau, wo sich das Archiv der Spionageabwehr befand.“

    CIA angeblich nicht dabei gewesen

    Dem hat zumindest mit Blick auf US-Geheimdienste ein ehemaliger MfS-Offizier widersprochen: Klaus Eichner, einst in der MfS-Spionageabwehr und der HVA für die USA zuständig. In einem Online-Beitrag für das MfS-Insiderkomitee widersprach er der mehrfach geäußerten Vermutung, die CIA habe am 15. Januar 1990 Regie geführt. Eichner zitiert aus einem Buch des damaligen Abteilungsleiters Sowjetunion/Osteuropa in der CIA-Zentrale, Milton Bearden:

    „Die Fernsehberichterstattung über die Erstürmung der Stasi-Zentrale erregte auch die Aufmerksamkeit von Präsident Bush, und er fragte den CIA-Mitarbeiter, der ihn, wie üblich, über die aktuellen Geheimdiensterkenntnisse informierte, ob sich die CIA denn ihren Anteil an den Dokumenten sichere, die auf die Straßen Ost-Berlins herabregneten. CIA-Chef Webster erfuhr vom Interesse des Präsidenten, und bald führte das, was als beiläufige Bemerkung im Weißen Haus begonnen hatte, bei der Agency zu hektischer Betriebsamkeit. Webster erkundigte sich, ob seine Leute sich schon Stasi-Akten beschafft hätten. Die Antwort war Nein, und der CIA-Direktor fragte nach, ob wir vielleicht neue Leute in Berlin brauchten. Die Botschaft war unmissverständlich.“

    Bleibt die bisher unbeantwortete Frage nach der Rolle der bundesdeutschen Geheimdienste an dem Abend des 15. Januars 1990. An diesem gab es mehrere skurril wirkende Geschehnisse: So wurde von einem „Spiegel TV“-Team und Bürgerrechtlern General Heinz Engelhardt in seinem Büro in Haus 1 aufgespürt. Der war bereits am 13. Januar 1990 von der Modrow-Regierung beauftragt worden, das AfNS aufzulösen.

    „Wessis“ beim MfS-General

    In seinem unlängst erschienenen Buch „Der letzte Mann – Countdown fürs MfS“ hat Engelhardt gegenüber dem Journalisten Peter Böhm geschildert, was er selbst vor dreißig Jahren erlebte. Er war an dem Abend der kommandierende General für die auf dem Gelände verbliebenen AfNS-Angehörigen, bis auf die selbständig agierenden HVA-Mitarbeiter. Engelhardt widerspricht deutlich den Behauptungen, die eigenen Leute hätten das Tor geöffnet oder den „Sturm“ gar organisiert.

    Der „jüngste General des MfS“ weiter in seinem Buch: „Unter den DDR-Bürgern, die sich in meinem recht kleinen Büro drängten, waren auch Leute, die als ‚Wessis‘ erkennbar waren. Ich gehe davon aus, dies war das erste Mal, dass das MfS von einem gegnerischen Dienst inspiziert wurde.“

    Über die gezielte Suche in den Räumen der Spionageabwehr meint Engelhardt: „Eine Rolle spielten dabei sicherlich auch die Aussagen des Überläufers Oberstleutnant Rainer Wiegand, Leiter der Arbeitsgruppe Ausländer der HA II/7. Wiegand, ein moralisch labiler Mensch, verließ zusammen mit seiner Sekretärin Anfang 1990 die DDR und gab den gegnerischen Diensten sein Wissen preis. Wie mir Genossen der Spionageabwehr später erzählten, wussten wir über die Kontakte westlicher Journalisten mit westlichen Diensten, vor allem mit dem Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz, viel mehr, als der Gegenseite lieb war.“

    HVA-Mitarbeiter hinter Vorhängen

    Der gezielte Angriff auf die Panzerschränke der Spionageabwehr belegt für ihn, „dass hier gegnerische Dienste versuchten, ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen. Wenn der so oft zitierte ‚Volkszorn‘ in dieser Nacht unterwegs gewesen wäre, so hätte er sich eigentlich gegen die Hauptabteilung XX richten müssen. Doch für deren Akten interessierte sich niemand, genauso wenig wie für die Abteilung XII, das Archiv und die Registratur des MfS.“

    Im Gebäude der HVA an der Ecke des Geländes befanden sich an dem Abend Mitarbeiter dieses für die Auslandsaufklärung zuständigen Bereiches des MfS bzw. des AfNS. Sie beobachteten das Geschehen auf dem Gelände hinter vorgezogenen Vorhängen. Zu ihnen gehörte Ulrich Weiß, der mit mit den anderen gespannt auf das wartete, was geschieht.

    In der ARD-Dokumentation von 2010 über den „Sturm auf die Stasi“ ist er zu sehen. Von alldem, was er den Journalisten damals zu den Vorgängen erklärte, hören die Zuschauer nur ein paar wenige herausgeschnittene Sätze. Gegenüber Sputnik kritisierte der Ex-Aufklärer nicht nur die DDR-Bürgerbewegung, sondern wie Engelhardt in seinem Buch auch die damalige neue Führung der Partei, als deren „Schild und Schwert“ das MfS einst galt.

    Vom „Revolutiönchen“ zum „erbärmlichen Schauspiel“

    Bürgerbewegte hätten Ende 1989, Anfang 1990 zum „Endkampf“ geblasen, „gegen die Stasi“, so Weiß. Dafür haben sie „eine längst besiegte Leiche zum Popanz“ aufgeblasen. Der neuen Führung der gewendeten SED/PDS habe das durchaus in den Kram gepasst. Sie hätten seit dem Dezember 1989 mit dem Finger gezeigt „auf diejenigen ihrer Genossen, die sich immer als Schwert und Schild eben jener Staatspartei verstanden hatten: ‚I gittigitt. Die war's! Die Stasi!‘“

    Über den „Sturm“ vom 15. Januar 1990 meinte Weiß: „Blöderweise war außer Bildern und Kücheneinrichtungen keiner mehr zu besiegen. Überhaupt, so bedauerten mit dem Blick auf diese Zeit später vereinzelte Möchtegern-Dantons, wurde nicht ein einziger Übeltäter aufgehängt. Und das gehörte doch eigentlich zu einer richtigen Revolution. Der 15. Januar war nichts als ein Beleg dafür, dass das Revolutiönchen zum erbärmlichen Schauspiel verkommen war.“

    Gegenüber der Wochenzeitung „Der Freitag“ hatte er sich schon 2001 so an den 15. Januar vor 30 Jahren erinnert: „Als die erste Welle vorüber ist, kommt eine Unmasse von Leuten, vom Fernseher weg, ganze Scharen mit den Kindern, nach Mitternacht. Sie schlendern durch den Hof, gucken in jeden Winkel und auf die dunklen Fenster. Ich stehe hinter der Gardine und sehe sie, die Leute, von denen ich bis dahin angenommen habe, dass es ganz berechtigt sei, sie zu lenken, zu leiten, zu schützen.“

    Ablenkung als klares Ziel

    Für ihn sei damals bereits klargeworden: „Wenn du dich vor jemandem verantworten musst, dann vor ihnen. Nicht vor denen, die uns am nächsten Morgen Spießruten laufen lassen und später beim Kanzler auf dem Sofa sitzen. Die sind es nicht, sondern die, die da einfach durchziehen. Das ist ein Urteil: Es kann keinen Grund geben, sie zu ihrem Glück zu zwingen.“

    Für Weiß haben der vermeintliche Sturm ebenso wie die durchgearbeiteten Berge von „Stasi-Akten“ sowie die Entlarvung der offiziellen und inoffiziellen Mitarbeiter (IM) ein Ziel gehabt: „Indem so das Publikum in Atem gehalten wurde, konnte derweil zum Beispiel die Frage nach dem Eigentum an den Betrieben in die ehrenwerte Treuhand verschoben werden.“

    Er selbst war seinen Angaben nach daran beteiligt, die HVA-Akten zu schreddern, „die die Sauereien des westlichen Establishments dokumentiert hatten“. Das wurde nach dem 15. Januar 1990 monatelang fortgesetzt. Ohne die Zustimmung aus Bonn, so Weiß, wäre das unmöglich gewesen. „Egal in welcher Ordnung: Alles brauchte das Volk nun wirklich nicht zu wissen“, kommentierte er sarkastisch.

    Der einstige HVA-Mitarbeiter sagt klar, wie er die damaligen Ereignisse und den heutigen Rummel darum sieht: „Als Opium des Volkes diente der berühmte Küchensturm der Beerdigung des kurzzeitig sichtbaren Strebens von Menschen nach wirklicher politischer, ökonomischer und sozialer Befreiung jenseits von Realsozialismus und westlichem Kapitalismus. Und die unentwegt weiter stattfindenden Revolutionsfeiern wälzen immer neue Platten auf genau dieses Grab.“

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    Tags:
    Mauerfall, MfS, Stasi, DDR