09:06 22 Februar 2020
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    45 Jahre waren die vier Siegermächte eingebunden in die Politik Deutschlands. Diese Zeit war mit Höhen und Tiefen verbunden. In einer Podiumsdiskussion im deutsch-russischen Museum in Berlin-Karlshorst haben die Teilnehmer über die Bedeutung und das Verhältnis der Alliierten untereinander sowie in Ost- und West-Berlin diskutiert.

    Vor fast 75 Jahren, im April 1945 nahmen sowjetische Truppen Berlin ein. Doch schon 1943 planten die Regierungen der Sowjetunion, Großbritanniens und der USA die Aufteilung Deutschlands. Mit Frankreich als vierter Siegermacht wurde das Land dann in vier Sektoren geteilt. Genauso erging es der Hauptstadt Berlin. Am 15. Januar, 75 Jahre später, fand eine Podiumsdiskussion im deutsch-russischen Museum Karlshorst statt. Die Teilnehmer diskutierten über die Zeit der Alliierten in Berlin, ihr Verhältnis zueinander und auch über ihre Bedeutung für und ihren Einfluss auf die Geschicke Berlins und Deutschlands.

    Agree to disagree: Alliierte untereinander

    Als das Grundprinzip in der Zusammenarbeit zwischen den Alliierten untereinander galt, laut dem ehemaligen Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen die relativ simple Formel: „agree to disagree“, also darin übereinstimmen, dass man nicht übereinstimmt. Dies zieht sich nicht nur durch die ersten Jahre nach dem Krieg, sondern generell durch die ganze Zeit der Zusammenarbeit. Es war der einzige Lösungsweg, den es in jener Situation mit hohem Konfliktpotential gab. Denn im Verhältnis zur Berliner Regierung waren die Alliierten unschlagbar überlegen. Die Berliner stellten somit die Rechtsgrundlage nie in Frage – in dem Sinne wurde sie auch nie modernisiert.

    Diepgen illustrierte das am Beispiel der Luftkorridore, welche den West-Alliierten erlaubten, über Territorium zu fliegen, das eigentlich der Lufthoheit der Sowjetunion unterlag. Die drei Korridore zwischen Westdeutschland und Berlin hatten die Alliierten 1945 festgelegt. Anstatt diese später an die modernen Technologien anzupassen, blieben die Korridore bis 1990 mit den genau gleichen Maßen bestehen. Das hieß: die Flugzeuge konnten maximal in einer Höhe von 10.000 Fuß (etwa 3.000 Meter) fliegen. Dies wiederum machte Inlandsflüge über diese Korridore im Jahre 1990 „holprig“, wie es Diepgen beschrieb. Da die Flugzeuge im Jahre 1945 tiefer flogen und – wie erwähnt, die 1945 festgelegten Parameter der Luftkorridore nie geändert wurden – waren die modernen Flugzeuge später gezwungen genauso tief zu fliegen.

    Einfluss der Alliierten

    Viele Entscheidungen, welche die Alliierten trafen, wurden über die Köpfe der Deutschen hinweg entschieden. Bernd von Kosta, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Alliierten Museum Berlin, fragte sich, ob es nicht an einem grundsätzlichen Strukturfehler lag. Kosta beschrieb beispielsweise die Art der Zusammenarbeit zwischen den Alliierten und der Stadtkommandantur West-Berlins als „Flash Procedure“. Dabei ging es um das Vermeiden von Zusammenarbeit. Die Alliierten versuchten gezielt so wenig Kontakt wie möglich mit den Stadtkommandanten zu haben. Nur in kurzen Nachrichten und Interaktionen entstand dann eine Art Kommunikation, die wie ein Blitz (Flash) aufleuchtete und dann wieder verschwand.

    In den ersten anderthalb Jahren ihrer Zusammenarbeit, leisteten die Alliierten allerdings enorm viel, betont Kosta. Sie trugen zentral zum Aufbau des Landes dazu bei. Alexander Olenik, Doktorand an der Universität in Bonn, spricht von einem Verlust dieses Momentums ab dem Jahr 1946. Diepgen erinnert ebenfalls an eine „Veränderung im Selbstverständnis der Alliierten“ nach dem Aufbau der Strukturen. Die Bedeutung der Alliierten für Berlin wurde immer symbolischer, je mehr Zeit verstrich. Das hieß jedoch nicht, dass sie an Einfluss verloren. Im Gegenteil: Wie auch zuvor stand ein Hinterfragen der Alliierten niemals im Raum. Sogar in Bereichen wie Bauplanung hatten die Alliierten Rechte, die es ihnen erlaubten, über eine Verweigerung der deutschen Stadtverwaltungen hinwegzuschauen.

    Symbolisch waren auch die Traditionen, die gepflegt werden mussten. So berichtet Eberhard Diepgen über seinen monatlichen Besuch bei den West-Alliierten. Er musste hingehen, um dort Bericht zu erstatten. Die Inhalte wären dabei ziemlich banal gewesen. Er hätte mit ihnen über alles diskutiert, was auch in den Zeitungen geschrieben stand. Diepgen ist klar, dass es sich dabei nur um etwas rein Symbolisches handeln kann – dennoch war dies dazu da, um ihre Macht offen demonstrieren zu können. Der ehemalige Bürgermeister bezeichnete dies als „Symbolik der obersten Gewalt“.

    Auflösung und Abzug der Alliierten

    Im Kontrast zu dieser Anfangsphase steht das Ende und die Auflösung der Viermächteregierung durch die deutsche Wiedervereinigung. Um das Jahr 1991 haben sich die Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt. Alexander Olenik von der Uni Bonn hebt die erstmalige Machtposition der Deutschen hervor. Im Gegensatz zu 1945, wo vieles aufgebaut und verflochten wurde, stand nach der Wiedervereinigung ein Abbau und eine Entflechtung bevor.

    Für den Abzug der Alliierten war ein klarer Zeitraum von vier Jahren genannt worden. Dieser Frist waren sich die Alliierten auch sehr bewusst, beschreibt Bernd von Kosta vom Alliierten Museum die damalige Situation. Die Dokumentation dieser vier Jahre ist bei den drei Westmächten sehr unterschiedlich. Am besten und sorgfältigsten dokumentiert wurden die Zeugnisse der US-amerikanischen Besatzung. Auch von den Briten konnte vieles aus dieser Zeit überliefert werden. Einzig die Franzosen vollzogen eine sofortige und gründliche Räumung und nahmen alles mit, was sie fassen konnten. Olenik bestätigte diese Behauptung mit den Funden aus Archiven: Von französischer Seite sei es schwer, eine Rekonstruktion dieser vier Jahre vorzunehmen.

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    Tags:
    Wiedervereinigung, BRD, DDR, West-Berlin, Ost-Berlin, Berlin, Berlin-Karlshorst, Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst, Alliierte