22:47 24 Februar 2020
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    Im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt gehören seit Januar die beiden größten Zeitungen „Mitteldeutsche Zeitung“ und „Volksstimme“ dem gleichen Eigentümer. Sputnik hat beim SPD-Landespolitiker Rüdiger Erben nachgefragt: Ist jetzt die Pressefreiheit in Ostdeutschland in Gefahr? „Nein“, so der Sozialdemokrat: „Aber die Pressevielfalt“.

    Die traditionsreiche „DuMont“-Mediengruppe verkauft die „Mitteldeutsche Zeitung“mit Sitz in Halle (Saale) an die „Bauer Media Group“ zu einem „nicht genannten Preis“. Das berichtete der „Tagesspiegel“ Mitte Januar. Damit gehören seitdem die beiden größten Tageszeitungen Sachsen-Anhalts – die „Mitteldeutsche Zeitung“ und die „Volksstimme“ – dem gleichen Eigentümer: Der „Bauer Media Group“, der auch Blätter wie die „Bravo“ oder „Cosmopolitan“ gehören. Der Bauer-Verlag wird also fortan in Sachsen-Anhalt sowohl die „Mitteldeutsche Zeitung“ (MZ) mit Hauptsitz in Halle (Saale) als auch die „Volksstimme“ mit Hauptredaktion in der Landeshauptstadt Magdeburg vertreiben.

    Wie „MDR SACHSEN-ANHALT“ erfahren haben will, „sollen nach dem Verkauf beide Titel (Zeitungsausgaben, Anm. d. Red.) erhalten bleiben.“

    Am Freitag will sich der Landtag von Sachsen-Anhalt mit dem „MZ“-Verkauf in einer aktuellen Stunde befassen.

    Verkauf der „Mitteldeutschen Zeitung“ und die Folgen

    „Ich sehe die Pressefreiheit nicht in Gefahr“, sagte Rüdiger Erben (SPD), Landtagsabgeordneter und parlamentarischer Geschäftsführer seiner Fraktion im Magdeburger Landtag, im Sputnik-Interview zum Verkauf der „Mitteldeutschen Zeitung“. „Ich sehe den Verkauf der ‚MZ‘ vor allem unter dem Gesichtspunkt von Pressevielfalt und Meinungsvielfalt in unserem Lande.“ Der gebürtige Thüringer zog einen Vergleich zum Nachbar-Bundesland. „Ich kenne die Verhältnisse aus Thüringen, wo es von Eisenach bis nach Gera quasi heute schon nur noch eine Zeitung gibt. Die sehen zwar auf dem Deckblatt unterschiedlich aus, aber die Funke-Mediengruppe hat dort in ähnlicher Weise die Redaktionen so verschlankt, dass in allen thüringischen Zeitungen dieselben Beiträge zu finden sind.“

    Vor ähnlichen Entwicklungen warnt auch der „MDR“ in einem aktuellen Beitrag: „Das letzte Wort für beide Zeitungen hat künftig Bauer und niemand sonst. In Thüringen ist dies bereits Realität. Hier unterhält die Funke-Gruppe drei Zeitungen, die von einer Mantelredaktion beliefert werden. Plant Bauer solch ein Modell nun in Sachsen-Anhalt?“

    Sputnik hat bei Landespolitiker Erben nachgefragt, ob das jetzt auch Sachsen-Anhalts Medienlandschaft droht. „Ich fand es in Sachsen-Anhalt über die vielen Jahre immer gut, in denen ich hier Landespolitik betreibe, dass es eine Meinungsvielfalt in der gedruckten Landespresse gibt. Die ‚MZ‘ und die ‚Volksstimme‘ sind ja wahrlich nicht immer einer Meinung. Ich habe die kleine Befürchtung, dass das anders werden könnte. Deswegen sehe ich die aktuelle Entwicklung mit gewisser Sorge. Weniger unter dem Gesichtspunkt von Pressefreiheit, sondern vor allem von Meinungsvielfalt.“

    Redakteure und Mitarbeiter der „MZ“ bangen um ihre Jobs

    „Die ‚Mitteldeutsche Zeitung‘ mit Sitz in Halle wird verkauft“, meldete der „MDR“ im Januar in einem weiteren Beitrag. „Das ist auf einer Mitarbeiterversammlung am Mittwochvormittag mitgeteilt worden. Dabei wurden die Redakteurinnen und Redakteure der Zeitung über den bevorstehenden Verkauf informiert. Wie MDR SACHSEN-ANHALT aus der Belegschaft erfahren hat, wird die ‚MZ‘ an die ‚Bauer Media Group‘ verkauft.“ Wie Verkäufer „DuMont“ mitteilte, würden die rund 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der „MZ“ von der „Bauer Media Group“ übernommen. Sämtliche vertragliche Vereinbarungen würden bestehen bleiben, hieß es. Bestätigt ist das momentan jedoch noch nicht. „Die Mitarbeiter reagierten bei der Versammlung (…) demnach mit einer Mischung aus Besorgnis, Enttäuschung und Verunsicherung.“

    Pressekonferenz im Axel-Springer-Verlag (Archivbild)
    © AFP 2019 / John Macdougall
    SPD-Politiker Erben könne die Sorgen der Zeitungsmitarbeiter um den Verlust des Arbeitsplatzes verstehen. Diese Sorge geht zurzeit vor allem in der „MZ“-Hauptredaktion in Halle um. „Das ist verständlich“, sagte der frühere Parlamentarische Staatssekretär im Innenministerium von Sachsen-Anhalt. „In Halle sollen bis zu 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betroffen sein, die nicht nur im redaktionellen Bereich arbeiten. Sondern auch im Vertrieb, in der Produktion oder in Tochterunternehmen. Da macht man sich schon Gedanken. Ich habe keine Kenntnisse dazu, was ‚Bauer‘ dort plant. Aber die Gefahr, dass Arbeitsplätze abgebaut werden, ist bei Übernahmen immer vorhanden.“

    „Es beginnt eine neue Ära für die ‚Mitteldeutsche Zeitung‘“, sagte diesbezüglich „DuMont“-Chef Christoph Bauer laut dem Medienmagazin „DWDL“ auf der Mitarbeiter-Versammlung in Halle im Januar. „Gleichzeitig bedankte er sich bei den Mitarbeitern für ihre Geduld.“

    „Übernahme ergibt nur Sinn, wenn …“

    Die „Mitteldeutsche Zeitung“ gehört mit einer Druckauflage von rund 157.000 Exemplaren zu den größten Medienhäusern in Ostdeutschland. Sie erscheint hauptsächlich im südlichen Teil Sachsen-Anhalts. Sechsmal wöchentlich werden 17 unterschiedliche Lokalausgaben gedruckt. Aber die „MZ“ hat – wie viele andere Printmedien in Deutschland auch – in den vergangenen Jahren mit einem starken Rückgang von Abonnenten zu kämpfen. 1999 lag die verkaufte Auflage der „MZ“ noch bei mehr als 350.000 Exemplaren. Die „Volksstimme“ hat zum Vergleich eine Druckauflage von rund 156.000 Exemplaren. Sie erscheint in 18 unterschiedlichen Lokalausgaben vor allem im nördlichen Landesteil.

    „Mit den oft beschriebenen gravierenden Veränderungen durch die Digitalisierung verändert sich auch das Konsumverhalten der Nutzerinnen und Nutzer in Sachsen-Anhalt“, kommentiert der „MDR“. „Immer weniger Menschen sind bereit, eine Zeitung zu kaufen.“ Darunter würden Blätter wie die „MZ“ leiden. Allerdings ergebe „die Übernahme nur Sinn, wenn Synergien geschaffen werden. Beide Zeitungen werden ein Digitalkonzept erarbeiten müssen, das millionenschwere Investitionen für beide Marken erfordert. (…) Für die Meinungsvielfalt ist die Medienkonzentration eine schlechte Entwicklung.“

    Sie führe „im schlimmsten Fall zu einem Einerlei in der Berichterstattung und in der Kommentierung von Themen. Mit der Bauer-Gruppe und dem ‚MDR‘ gibt es nur noch zwei größere relevante journalistische Anbieter, die sich mit Themen aus Sachsen-Anhalt beschäftigen.“ Passend dazu kommentierte das Feuilleton der „FAZ“ Mitte Januar: „Und wieder schrumpft die Pressevielfalt.“

    Verkauf der „Mitteldeutschen Zeitung“: „Nicht leicht gewesen“

    Die „DuMont“-Mediengruppe mit Hauptsitz in Köln hatte bereits im Herbst 2019 aus ihrem Bestand die „Berliner Zeitung“ und den „Berliner Kurier“ verkauft. Zudem berichten Medien von Plänen, wegen sinkender Auflagen auch die Kölner Zeitung „Express“ zu veräußern.

    Den Verkauf der „Mitteldeutschen Zeitung“ in Sachsen-Anhalt habe sich das Medienhaus „DuMont“ nach eigenen Angaben „nicht leicht gemacht“. Aufsichtsrats-Chefin Isabella Neven DuMont sagte in einer Mitteilung, dass sich die Mediengruppe in den vergangenen Jahren zwar „beachtlich entwickelt“ habe. Der langfristige Schlüssel zum Erfolg im regionalen Zeitungsgeschäft seien aber Synergien. Die „Bauer Media Group“ sei von daher der „richtige Käufer“ für diesen Weg.

    Aktuell stehe neben der „MZ“ noch die „Hamburger Morgenpost“ zum Verkauf. DasBundeskartellamt muss dieser Transaktion jedoch noch zustimmen.

    Kartellamt: „Wird ‚MZ‘-Verkauf wohl absegnen“

    Daran, dass das zuständige Bundeskartellamt noch einen Einspruch gegen den „MZ“-Verkauf einlegen könne, glaubt SPD-Landespolitiker Erben nicht. „Wer sich die Entscheidungen des Kartellamtes bei anderen Fusionen von Verlagen und Verlagshäuser-Übernahmen in Deutschland anschaut, sieht Folgendes: Solange die beiden Zeitungen nicht im selben Gebiet erscheinen, war das bisher immer unproblematisch. Und ‚MZ‘ und ‚Volksstimme‘ haben doch sehr scharf voneinander getrennte Verbreitungsgebiete. Meiner Einschätzung nach wird das Kartellamt den Kauf nicht stoppen.“

    Der Wunsch vieler Politikerinnen und Politiker in der Landespolitik von Sachsen-Anhalt sei es, „dass es weiterhin mehrere Redaktionen in der Fläche des Landes gibt, um auf diese Weise Unterschiedlichkeit in der Berichterstattung kundzutun.“

    Kaum einzuschätzen: Folgen für Lokal-Berichterstattung in Sachsen-Anhalt

    Die „Mitteldeutsche Zeitung“ unterhält im Süden des Landes ein großes Netz aus vielen Lokalredaktionen von Aschersleben über Dessau-Roßlau, Köthen, Wittenberg bis nach Zeitz. Diese berichten über Ereignisse aus der jeweiligen Region und stehen in ständigem Austausch mit der Hauptredaktion in Halle. Die Magdeburger „Volksstimme“ betreibt ein ähnlich gelagertes lokales Redaktions-Netzwerk im Norden von Sachsen-Anhalt.

    Ob nach dem „MZ“-Verkauf diese breitgefächerte lokale Berichterstattung in seinem Land nun gefährdet sei, könne der Sozialdemokrat noch nicht abschätzen. „Ich lese sehr viele lokale Beiträge in der Landespresse. Da haben beide Zeitungen ihre Vor- und Nachteile. Die ‚Volksstimme‘ im Norden des Landes berichtet deutlich kleinräumiger, als das die ‚Mitteldeutsche Zeitung‘ tut. Die räumlichen Zuständigkeiten der ‚MZ'-Lokalredaktionen im Süden des Landes sind doch recht groß.“ Das werde zwar von vielen Lesern bemängelt, bringe jedoch auch gewisse Vorteile mit sich.

    „Am nächsten Freitag wird der Landtag in Magdeburg über dieses Thema diskutieren“, verriet der SPD-Landtagsabgeordnete abschließend. „Es ist eine Debatte beantragt im Rahmen einer aktuellen Stunde. Da wird es dann um die Frage von Medienvielfalt am Beispiel der möglichen Pressekonzentration gehen, die jetzt hier stattfinden könnte.“

    Wie aus der DDR-Zeitung „Freiheit“ die „MZ“ wurde

    Zum historischen Hintergrund: Die „Mitteldeutsche Zeitung“ erschien erstmalig als „Weißenfelser Geschäfts-Anzeiger“ im 19. Jahrhundert. Später in der DDR erhielt die Zeitung den Titel „Freiheit“. Sie war damit das offizielle Organ der DDR-Regierungspartei SED im Chemiearbeiterbezirk Halle.

    Nach der Wende wurde die heutige „MZ“ nicht wie andere ehemalige SED-Bezirkszeitungen von der Treuhand abgewickelt. Sondern der Kölner Verleger Alfred Neven DuMont erhielt schließlich den Zuschlag nach einer „politischen Intervention“ durch den damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der sich für die Zeitung in seiner Heimatstadt eingesetzt hatte. Für den Kauf der ostdeutschen Zeitung interessierten sich damals unter anderem auch der „Süddeutsche Verlag“ oder der „Axel Springer Verlag“. Letztlich hatte „DuMont“ dann den Zuschlag erhalten – um das Blatt jetzt an den Bauer-Verlag zu verkaufen.

    „Im Bundesland teilen sich beide Regionalzeitungen wie in der DDR weiter den Markt auf“, so der „MDR“ in einer aktuellen Analyse. „Die ‚Mitteldeutsche Zeitung‘ erscheint im ehemaligen DDR-Bezirk Halle, die Magdeburger ‚Volksstimme‘ im ehemaligen Bezirk Magdeburg, also dem nördlichen Sachsen-Anhalt.“ Fraglich sei nur, ob die Redaktions-Standorte der beiden Zeitungen in der Fläche im Land unter dem neuen Eigentümer nun in ihrer bisherigen Form erhalten bleiben.

    Das komplette Radio-Interview mit Rüdiger Erben (SPD) zum Nachhören:

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    Medien, Axel Springer, Ostdeutschland, DDR