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    Im Herbst 2019 ist das neue Buch von Stefan Spector in die Buchhandlungen erschienen. „Mit der Stasi ins Bett“ zieht einen Bogen um das Leben des Autors: Über die Ausbildung zum Stasi-Spion und seiner Amtszeit als schwuler Bundestagskandidat der FDP. In einem Interview mit Sputnik redet Stefan Spector über seine Autobiographie.

    Stefan Spectors Buch „Mit der Stasi ins Bett: Die kurze Karriere eines Romeos“ erzählt in erster Linie eine Lebensgeschichte. Angefangen bei Spectors Jugend in Hamburg, über die Studienzeit und schließlich der Landung in den Armen des Ministeriums für Staatssicherheit. So beschreibt es Spector selbst in einem Interview mit Sputnik. Er fügt dem hinzu, dass es ein „natürlicher Prozess“ gewesen sei. Tatsächlich werden viele verschiedene Aspekte und Momentaufnahmen im Leben des heutigen Übersetzers beleuchtet. Innerhalb von 120 Seiten illustriert der Autor seine Geschichte, welche vom Verlag „edition ost“ (gehört zum Eulenspiegel-Verlag) im Herbst 2019 veröffentlicht wurde.

    Die Idee, ein Buch über seine Erlebnisse zu schreiben, ist entstanden durch das Verfassen eines kurzen Textes. 2011 hatte er diesen fünfseitigen Artikel veröffentlicht und beschloss darauf, weiterzuschreiben und seine Erfahrungen in einen Kontext einzubetten. „Nun konnte ich auch eine ganze Menge Dinge erklären, wie sie auch wirklich gewesen sind“, erklärt Spector. Daraufhin fing der Autor sein Werk im Januar 2018 an.

    Jugend

    Das Buch fängt in Hamburg an mit Spectors Jugend und Verhältnissen in einer westdeutschen Familie. In seiner Jugendzeit war Stefan Spector ein engagierter Schüler – von den Lehrern angeleitet, nahm er an Schulstreiks teil. Dabei erkennt er auch gewisse Parallelen zu heutigen Schulstreiks, wie beispielsweise der Klimabewegung von Schülern „Fridays for Future“: „Dass man überhaupt sieht, wie junge Leute Zusammenhänge entdecken und sich um die Angelegenheiten kümmern, die sie angehen.“

    Unterschiede zwischen West- und Ostberlin

    Schon in frühen Jahren entwickelte er ein großes Interesse an der Welt und der Entdeckung dieser, sodass er beschloss, in Westberlin zu studieren. Es dauerte nicht lange, bis er aus genau diesem Interesse auch die Grenzen zur DDR überschritt. Dies entwickelte sich schnell in eine Wochenends-Tradition. Dabei gehörten nicht nur seine Lieblingszigarettenmarke „Karo“ und der Bautzener Senf zur Motivation des Besuchs. Spector wuchs auf, umgeben von Armut. Sowohl in Hamburg als auch in Westberlin wurde er täglich damit konfrontiert. Im Osten sah dies jedoch anders aus:

    Soldaten der westlichen Besatzungsmächte am Checkpoint Charlie in Berlin, Juni 1990
    © AP Photo / Hansjoerg Krauss (ARCHIVFOTO)

    „Als ich später in Westberlin studiert habe, bin ich jeden Tag am Bahnhof Zoo umgestiegen und sah das (Obdachlose, Alkoholiker, etc.) auch wieder vor mir. Das ist für jeden, der mit offenen Augen durch die Welt geht, eine Warnung: ‚Guck, dass du nicht so abstürzt.‘ Mir ist dann irgendwann aufgefallen, wenn man einmal am Wochenende in die DDR fährt, hat man das nicht. Da ist es nicht da – es ist einfach weg. Das sorgt für eine sehr viel entspanntere und friedlichere Gesellschaft, wenn die Leute angstfreier leben können.“

    Oft und gerne besuchte Spector also die DDR. Diese positive Einstellung zum Osten teilte er jedoch nicht mit vielen. In seinem Buch beschreibt er, dass seine Kommilitonen an der Technischen Universität in Berlin die S-Bahn sogar aktiv mieden. „Teilweise sogar, nachdem die S-Bahn 1984 in Westberliner Hände und somit in den Betrieb des Senates überging. Das war schon sehr kurios“, merkte Spector an.

    Offenheit und Homosexualität

    Ebenfalls viele Unterschiede in der Beziehung zwischen Ost- und Westberlin gab es im Umgang mit der Offenheit zu Homosexualität. Seit seiner Jugend lebte Spector ein offen schwules Leben. In Westberlin, so meint Spector, sei man immer in einem „Wechselblatt der Gefühle“ gewesen. Zum einen sei man in einer der freiesten Stadt der Welt gewesen, zum anderen gab es immer wieder missgünstige Stimmen. So beispielsweise Peter Gauweiler, ehemaliger Staatssekretär im Bayrischen Staatsministerium, der während der AIDS-Hysterie einen AIDS-Katalog forcierte, der Schwule benachteiligte. Auch Günter Kießling, damaligen stellvertretenden Nato-Oberbefehlshaber Europas, stimmte dieser Missgunst zu, als er sagte, dass es unmöglich wäre, verantwortliche Tätigkeiten als schwuler Mann zu übernehmen. Spector nahm die Situation im Osten subjektiv viel entspannter wahr. „Man musste sich bei niemandem groß rechtfertigen“, verdeutlicht er.

    Dabei nahm er auch zeitlich mehrere Veränderungen wahr. Ein großer Fortschritt für die Öffnung gegenüber der „queeren Community“ sei die Abschaffung des Paragrafen 175 aus der DDR-Verfassung 1988 gewesen. Dies wurde auch nach der Wiedervereinigung 1994 nochmal nachgeholt, woran sich Stefan Spector selbst als FDP-Politiker aktiv beteiligt hatte. Die Entwicklung lässt sich gewiss nicht immer als linear beschreiben:

    „Es war immer ein Hin und Her, aber es gab immer wieder größere Hoffnung. Später kam dann das Ehe-Thema, in dem ich noch mit-werkern konnte und schließlich 2013 selber heiraten konnte. Es sah kontinuierlich aus, aber es war eher ein Hin und Her, wie bei einer Ziehharmonika.“

    Der Weg zum Ministerium für Staatssicherheit

    Durch die vielverbrachte Zeit im Osten Berlins und verschiedenste Bekanntschaften ergab es sich, dass auch das Ministerium für Staatssicherheit ihn in ein Gespräch verwickelte. Mit dem Namen „Uwe“ stellte sich ihm eines Tages ein junger, gutaussehender Mann vor, der viel mit Spector redete. Spector beschreibt den natürlichen und unaufdringlichen Werdegang als Spion – wo er jedoch nur wenig weit kam. Doch genug, um eine konspirative Wohnung zu erleben, seinen Kleiderstil zu wechseln und der F.D.P. beizutreten. Stefan „Jerome“ Spector befand sich in seinem zweiten Lehrjahr, als sich die DDR auflöste und Deutschland sich im Jahr 1990 wiedervereinigte.

    Geschrieben als zeitloses Werk

    Das Zielpublikum sei nach Angaben des Autors unbestimmt. Zwar hätte Spector an gewisse Leute gedacht, doch konkret liege das Zielpublikum „in der Luft“. Als Literaturwissenschaftler wusste er, dass genaue und zeitlose Beschreibungen ein wichtiges Kriterium waren. Zum einen, um die Geschichte den Menschen in den nächsten Jahrhunderten immer noch interessant darstellen zu können. Andererseits, um auch jüngeren Menschen die Atmosphäre der DDR näherbringen zu können.

    Dies macht „Mit der Stasi ins Bett“ auch zu einem interessanten Werk für Leute, die sich bisher nicht mit der Teilung der Stadt Berlin auseinandergesetzt haben. In diesem Sinne ist das Buch empfehlenswert für diejenigen, die sich rund um die Dynamik des geteilten Deutschlands interessieren.

    Stefan Spector: „Mit der Stasi ins Bett – Die kurze Karriere eines Romeos“
    Verlag edition ost im Eulenspiegel-Verlag, 2019. 224 Seiten. ISBN 978-3-360-01891-5. 16,99 Euro

    Das Interview von Stefan Spector zum Nachhören:

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    Tags:
    MfS, Homosexualität, FDP, BRD, DDR