13:18 27 November 2020
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    In Moskau wurde die zweite Ausgabe des gemeinsamen Buchprojekts „Russland-Österreich: Meilensteine der gemeinsamen Geschichte“ präsentiert. Diese Geschichte an sich war nicht einfach, auch die Arbeit an dem Buch nicht leicht. Die Historiker haben aber ihre Aufgabe unvoreingenommen, sine ira et studio, ohne Zorn und Eifer, erledigt.

    Dabei gingen sie selbst auf die kompliziertesten und sensibelsten Probleme der 500-jährigen gemeinsamen Geschichte ein. Laut den Buchautoren kann sich nicht jedes Land in Europa einer solch langen Beziehung zu Russland rühmen, in der es alles gegeben hat: Freundschaft und Zusammenwirken, aber auch Feindschaft. Das großzügig edierte Buch mit zahlreichen Fotos und Landkarten widerspiegelt jedoch die gemeinsame Sicht führender Geschichtswissenschaftler Russlands und Österreichs auf die bilateralen Beziehungen.

    So unterstrich Andrej Fursenko, Berater des russischen Präsidenten und Co-Vorsitzender des vor kurzem gegründeten „Sotschi-Dialogs“ der Zivilgesellschaften Russlands und Österreichs, mit dessen finanzieller Unterstützung diese Ausgabe unternommen wurde: „Heute brauchen wir mehr denn je gemeinsame historische Werke, die verschiedene Meinungen zur Sprache bringen. Denn nicht immer liegt der Wunsch vor, einen gemeinsamen Standpunkt zu finden. Nicht etwa einen Kompromiss, bei dem jedermann auf etwas verzichten muss und mit diesem Zugeständnis insgeheim unzufrieden bleibt. Sondern es geht um den Versuch, eine für beide Seiten akzeptable Lösung zu finden. In diesem Fall sehen sich beide Seiten als Sieger. Sie haben auch wirklich gewonnen, weil sie eine gemeinsame Ansicht gefunden haben.“

    Viktor Iščenko, Co-Schriftführer der Österreichisch-Russischen Historikerkommission
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Viktor Iščenko, Co-Schriftführer der Österreichisch-Russischen Historikerkommission

    Fursenko fuhr fort: „Menschen müssen einander verstehen. Damit man aber einander besser versteht, muss man die Geschichte voneinander kennen und dieser Geschichte mit Respekt begegnen.“ Eine Besonderheit dieses Buches liegt gerade darin, dass der Text eines jeden Kapitels zwischen einem russischen und einem österreichischen Autor vereinbart worden ist. Viktor Iščenko, Co-Schriftführer der Österreichisch-Russischen Historikerkommission, bemerkte in diesem Zusammenhang: „Es ist das Ergebnis eines gewissen Konsenses, insofern als die Positionen bei der Auslegung der wichtigsten Ereignisse der russisch-österreichischen Geschichte vor dem Hintergrund der europäischen und Weltgeschichte angeglichen worden sind.“

    „Neuerdings tauchen in den Medien immer häufiger Begriffe wie ‚Geschichtspolitik‛, ‚gedächtnishistorische Konflikte‛ auf“, so der Historiker. „Jedoch sind sie unter russischen und österreichischen Historikern auf ein Minimum reduziert.“

    Wie schwierig die ganze Arbeit verlief, konnte Olga Pawlenko bezeugen, Prorektorin der Russischen Staatlichen Universität für Geisteswissenschaften, von der mehrere Kapitel stammen, darunter zu den österreichisch-russischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Besonders hilfreich war dabei laut ihr die Freigabe russischer Archive, insbesondere des KGB-Archivs der berüchtigten Lubjanka.

    Wir feilten an jedem Satz

    Sie stellte fest: „Nur die Archive haben uns die Möglichkeit gegeben, aus der Position der Wahrheit heraus miteinander zu reden, unter Ausschluss ideologischer Spekulationen, und eine gemeinsame Position und eine gemeinsame wissenschaftliche Sprache zu finden. Praktisch jeder Satz wurde in stundenlangen Verhandlungen ausgewogen, auch jeder Graph und jedes Diagramm. Wir feilten buchstäblich an jedem Satz. Und welch heiße Debatten gab es, als Wolfgang Mueller und ich über den Ersten Weltkrieg und die schwerste Konfrontation zwischen Russland und Österreich-Ungarn geschrieben haben! Zusammen wollten wir herausbekommen, was denn die Länder zum Ersten Weltkrieg bewogen hat.“

    Andrei Fursenko, Berater des russischen Präsidenten und Co-Vorsitzender des „Sotschi-Dialogs“ (l.) und  Prof. Stefan Karner, Co-Vorsitzender der Österreichisch-Russischen Historikerkommission
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Andrei Fursenko, Berater des russischen Präsidenten und Co-Vorsitzender des „Sotschi-Dialogs“ (l.) und Prof. Stefan Karner, Co-Vorsitzender der Österreichisch-Russischen Historikerkommission

    Im Sputnik-Gespräch erläuterte Prof. Stefan Karner, Gründer und ehemaliger Leiter des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung in Graz und Co-Vorsitzender der Österreichisch-Russischen Historikerkommission, warum man die Zweite Ausgabe ergänzt und korrigiert haben musste: „Es gab gewisse kleine Fragen, die inzwischen klar geworden sind, die man noch besser definieren und beschreiben konnte, beispielsweise die Frage des Krim-Krieges 1854 oder der Ostukraine und der heutigen Krim. Man konnte auch neue wirtschaftliche Zahlen einsetzen usw. Die zweite russische Auflage ist der aktuelle Stand.“

    Bleiben noch strittige Fragen der gemeinsamen Geschichte?

    Es gebe in der Geschichtswissenschaft immer Fragen, wo Historiker verschiedener Meinung seien, urteilt Prof. Karner.

    „Im Bereich Österreich - Russland sind diese Problemkreise nicht sehr groß und überschaubar. Das erfreut uns natürlich. Von lauter guten Beziehungen können wir dann auswählen, welche nehmen wir und welche müssen wir aufgrund des begrenzten Umfanges leider auslassen. Bei uns ist eher die Schwierigkeit, dass wir nicht alle guten Beziehungen darstellen können.“

    Es gebe natürlich auch immer wieder Probleme, gibt der Wissenschaftler zu, zum Beispiel die EU-Mitgliedschaft Österreichs. „Das Land verfolgt außenpolitisch die Linie der Europäischen Union. Und das kommt natürlich im Buch zum Ausdruck. Gleichzeitig kommt zum Ausdruck, dass Österreich an einer Regelung der Verhältnisse in der Ostukraine ein großes Interesse hat und dass Österreich es klar zum Ausdruck bringt, dass eine Lösung dieser Frage nur mit Russland möglich ist.“

    Während der Buchpräsentation sprach Prof. Karner darüber, dass es den Historikern darauf angekommen sei, nicht nur den Geschichtsprozess, sondern auch die Verflechtung der menschlichen Schicksale zu zeigen: „Wir denken etwa an Kriegsgefangene: Ihre bei uns, unsere bei Ihnen, Ihre Zwangsarbeiter bei uns oder die Kriegskinder bei uns wie bei Ihnen usw. Es ist eine Verflechtung von menschlichen Geschichten, die jeder von uns in seinem Kapitel des Buches zeigen wollte, zeigen, dass es nicht nur hohe Politik ist, dass uns auch menschliche Schicksale miteinander verbinden.“

    Das Buch setzt Meilensteine der gemeinsamen Geschichte. Insgesamt sind es 11 Meilensteine. Der Einzug der Österreicher mit Napoleons Heer in Moskau, der Friedenskongress von Wien, mit dem die neue europäische Ordnung gekennzeichnet wurde, der russische Zar Alexander und der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich, Probleme des Panslawismus und die Konfrontation im Balkan, der Erste Weltkrieg und die blutigen Schlachten in Galizien und Serbien, Millionen von Gefallenen, Verwundeten und Kriegsgefangenen, der Zerfall beider Kaiserreiche und anschließend der Zweite Weltkrieg.

    Stefan Karner fährt fort:

    „Österreicher als Wehrmachtsoldaten. 135.000 Österreicher waren in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern. Das sind nur die registrierten. Und 90.000 Sowjetsoldaten ruhen in der österreichischen Erde. Jeder davon hatte sein eigenes Schicksal. Das Heldendenkmal der Roten Armee am Wiener Schwarzenbergplatz. Und dann alles, was mit dem Staatsvertrag von 1955 verbunden ist. Auch das Treffen zwischen Chruschtschow und Kennedy in Wien, das seit 1961 der Ort ist, wo Weltprobleme erörtert wurden. Es war das historisch erste Treffen der Staatschefs der beiden Supermächte. Dann kam das Jahr 1968, wichtig nicht nur wegen des Prager Frühlings, sondern auch, weil zwei Wochen später das erste Gas aus Russland in den Westen floss.“

    Die Leiterin der Abteilung für historische Dokumente des russischen Außenamtes, Nadeschda Barinowa, sprach darüber, dass „wir tatsächlich eine gemeinsame Geschichte haben. Wie immer sie auch sein mag, gut oder schlecht, ist es unsere gemeinsame Vergangenheit. Die Aufarbeitung dieser jahrhundertelangen Erfahrung, die Überwindung von Klischees und Stereotypen, die sich im kollektiven Gedächtnis der Menschen entwickelt haben, war die aktuelle Aufgabe der Historiker, Politiker und Diplomaten. Sie musste in einem Konsensverfahren gelöst werden, frei vom Subjektivismus und von historischer Borniertheit.“

    Nadeschda Barinowa, Leiterin der Abteilung für historische Dokumente des russischen Außenamtes
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Nadeschda Barinowa, Leiterin der Abteilung für historische Dokumente des russischen Außenamtes

    Man brauche, fügt sie hinzu, nicht vor der Gefahr zu warnen, die in der Umdrehung historischer Tatsachen, im konjunkturabhängigen Herangehen an die Geschichte sowie in der Verwendung der Geschichtswissenschaft zu politischen Zwecken stecke. „Doch müssen wir dies stets im Auge behalten. Die wissenschaftliche Ehrlichkeit und eine ehrfurchtsvolle, sorgfältige Behandlung der Quellen, die von den Verfassern dieses Werks an den Tag gelegt wurden, machen einen unbestreitbaren Vorteil dieses Buches aus. Indem man von der verantwortungsbewussten Forschung spricht, muss man die betont respektvolle Atmosphäre und das Streben nach gegenseitigem Verständnis erwähnen, die das gemeinsame Autorenteam entwickelt hat.“

    Die erste Ausgabe dieses von Historikern beider Länder verfassten Werkes erschien auf Deutsch und Russisch. Die aktuelle zweite Ausgabe, ist im Moment nur auf Russisch erhältlich, wird aber bestimmt ins Deutsche übersetzt. Dabei geht es nicht um ein Schulbuch zur Geschichte, sondern um einen Lehrbehelf für russische und österreichische Gymnasiallehrer sowie für Studenten historischer Fakultäten an Universitäten. Es eignet sich auch generell für alle, die sich für die Geschichte der Beziehungen zwischen Russland und Österreich seit dem 15. Jahrhundert interessieren, enthält es doch so viele interessante, darunter auch unbekannte Fakten.

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    Tags:
    Zweiter Weltkrieg, Geschichte, Österreich, Russland