21:21 07 August 2020
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    Produzenten von der Londoner Filmproduktionsfirma Fulwell73 sind laut der britischen Zeitung „Daily Mail“ darauf aufmerksam geworden, dass die 1938 bzw. 1940 erschienenen antisemitischen Kinderbücher „Der Giftpilz“ und „Der Pudelmopsdackelpinscher“ auf der Onlineshopping-Plattform Amazon zu kaufen sind.

    „Der Giftpilz“ und „Der Pudelmopsdackelpinscher“ wurden von Ernst Hiemer geschrieben und von Julius Streicher, dem Gründer des Hetzblattes „Der Stürmer“, herausgegeben. Neben den im Stile der nationalsozialistischen Propaganda geschriebenen Texten enthalten die Bände antisemitische Zeichnungen von Philipp Rupprecht (unter dem Künstlernamen Fips) beziehungsweise von Willi Hofmann.

    Jude als „Teufel in Menschengestalt“

    Der auch in andere Sprachen übersetzte „Giftpilz“ griff gängige Vorurteile und antisemitische Ressentiments auf, die auf der damaligen Rassenlehre beruhten. Juden wurden als „Giftpilze“ unter Menschen bezeichnet. Das Schreiben richtete sich vordergründig an junge Leser und gab ihnen „Tipps“, wie man einen Juden erkennen könne, beispielsweise an seinem Geruch oder an seiner Nase.

    Das Buch enthält ferner Geschichten, in denen sich jüdische Ärzte an deutschen Mädchen vergehen oder jüdische Rechtsanwälte und Händler Deutsche betrügen. In der einleitenden Erzählung werden Juden „der Teufel in Menschengestalt“ genannt.

    Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher verwendete die Anklage das Schreiben als Beweismittel gegen Streicher. Der Publizist wurde 1946 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tod durch den Strang verurteilt und hingerichtet.

    Antisemtische Kinderlektüre im Online-Handel

    Bei der Arbeit an der Dokumentation „Auschwitz Untold: In Colour“ wurden Fulwell73-Produzenten darauf aufmerksam, dass „Der Giftpilz“ und „Der Pudelmopsdackelpinscher“ auf Amazon in mehreren Sprachversionen und auch in Form eines E-Books verfügbar sind.

    „Der Giftpilz“ von Ernst Hiemer und Julius Streicher auf der Onlineshopping-Plattform Amazon (Screenshot erstellt am 29. Januar 2020)
    „Der Giftpilz“ von Ernst Hiemer und Julius Streicher auf der Onlineshopping-Plattform Amazon (Screenshot erstellt am 29. Januar 2020)
    „Dass Amazon Nazi-Kinderbücher verkauft, ist kaum zu glauben. Dass sie diese in Großbritannien drucken, ist einfach entsetzlich. Das sind keine Bücher für Sammler, sondern für unsere Kinder“, zitiert das Blatt am 25. Januar den Chefproduzenten Sheldon Lazarus.

    Die Bücher wurden bereits vor mehreren Jahren zum Verkauf angeboten und meist mit langen Begleitungstexten versehen. Die Zulassung der Bücher zum freien Verkauf entsetzte Internetbenutzer. Viele von ihnen beschuldigten in Kundenrezensionen und auf Twitter den Unternehmenschef Jeff Bezos des Antisemitismus und forderten, die Bände aus dem Handel zu nehmen.

    „Ich kann verstehen, dass die Bücher für akademische Recherchen oder in Museum zur Verfügung stehen könnten, um den Aufstieg der Nazi-Partei zu erklären. Es ist dennoch abschreckend, dass Amazon diese giftigen antisemitischen Bücher verkauft, die sich ursprünglich an Kinder richteten“, so ein Twitterer unter dem Namen Andy MacMichael.

    Monetisiert Bezos Judenhass?

    Einige Internet-User warfen Amazon einen Versuch vor, mit dem Verkauf der Nazi-Kinderlektüre von Kunden mit rechtsextremen Ansichten zu profitieren. Der Internet-Benutzer „Nome D. Gerr“ wies in einer Rezension darauf hin, dass „Der Giftpilz“ von vielen Portalen gratis heruntergeladen werden könne.

    „Warum macht denn Amazon eine Kindle-Version verfügbar und profitiert davon? (…) Das ist ein hässliches Beispiel für eine Firma, die Geld aus dem Rassismus macht und den Antisemitismus sponsert und verbreitet.“
    Bücher von Ernst Hiemer und Julius Streicher auf der Onlineshopping-Plattform Amazon (Screenshot erstellt am 29. Januar 2020)
    „Der Pudelmopsdackelpinscher“ von Ernst Hiemer und Julius Streicher auf der Onlineshopping-Plattform Amazon (Screenshot erstellt am 29. Januar 2020)

    „Ein hervorragender Geschichtsunterricht“

    Viele User bezeichneten die Bücher jedoch als wertvolle und sehr exemplarische Nachweise für die nationalsozialistische Jugendpropaganda und die Indoktrination der Kinder in Nazi-Deutschland.

    „Ich rate dieses Buch jedem, wer herausfinden will, wie Antisemitismus zu bekämpfen ist, und wer der Welt beibringen will, was der Nazismus wirklich war und warum sie alles verloren haben“, schrieb „Bob Harris“ auf der Onlineshopping-Plattform über den „Giftpilz“. 

    Laut vielen Kommentatoren benutzen sie die Bücher von Hiemer und Streicher im Geschichtsunterricht. Einige fanden allerdings die Beschreibung der Bände auf Amazon nicht präzise genug.

    mo/mt

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    Tags:
    Kinder, Antisemitismus, Nazis, Deutschland