21:19 21 September 2020
SNA Radio
    Gesellschaft
    Zum Kurzlink
    23286
    Abonnieren

    Vermehrt kommt es in der Schweiz wohl zu Engpässen von Medikamenten. Darunter auch lebenswichtigen Arzneimitteln wie Antibiotika. Dem liegt oft ein Monopol von wenigen Herstellern der Wirkstoffe zugrunde. Doch geschieht dies nur auf dem kleinen Pharmamarkt der Schweiz oder kämpfen Nachbarländer wie Österreich und Deutschland auch damit?

    Die Situation in der Schweiz werde von Jahr zu Jahr schlimmer. Immer mehr Medikamente seien nicht mehr in den Apotheken vorhanden. Dies behauptet die Seite „drugshortgae.ch“, welche nicht erhältliche Medikamente auflistet. Dabei umfasst die Liste nach jetzigem Stand 740 Packungen, doppelt so viele wie im Sommer 2018. Geführt wird die Website vom Spitalapotheker und Vizepräsident des Apothekerverbandes „Pharmasuisse“, Enea Martinelli.

    In einem Gespräch mit der Schweizer Zeitung „Tages-Anzeiger“ beschreibt er die zunehmende Verschlechterung der Situation: Vor wenigen Jahren hätten nur einige Krankenhäuser seltene Arzneien vermisst, währenddessen aktuell gängige Medikamente fehlen würden. Darunter fallen Medikamente für die Behandlung von Blutdruck, Diabetes, Parkinson, Krebs oder Depressionen. Aber auch notwendige Arzneimittel wie Antibiotika, Blutverdünner, Schmerzmittel und Impfstoffe fehlen laut Marinelli. Mittlerweile ist das Fehlen der Medikamente nicht nur in Spitälern, sondern auch in Apotheken üblich.

    Letztes Jahr sei auch ein Wehenmittel ausgegangen, welches man gelegentlich mit Veterinärprodukten ersetzt habe. Dabei gehe man medizinisch keine Bedenken ein, dennoch sagt Martinelli zum „Tages-Anzeiger“: „Stellen Sie sich vor, Sie müssen einer Gebärenden erklären, dass das Wehenmittel für Menschen nicht lieferbar sei und sie nun jenes für Kühe erhalte.“

    China: Apotheke der Welt

    90 Prozent aller hergestellten Substanzen kommen aus China. Diese Substanzen kaufen westliche Generikaproduzenten und verarbeiten sie zu Medikamenten. Diese Generikaproduzenten können mit ihrem Generikum auf den Markt, sobald ein Patentschutz für das jeweilige Medikament ausläuft. Oftmals übernimmt der Produzent mit dem günstigsten Wirkstoff ein Herstellungsmonopol. Pannen oder verunreinigte Arzneien werden dadurch oft zum Grund des Engpasses: Durch das Monopol der Hersteller findet sich plötzlich kein Ersatz und die Substanz fehlt weltweit. Auch der jetzt wütende Coronavirus verschlimmere die Situation, da Städte, in denen viele Wirkstoffe produziert werden, nun abgeriegelt sind, so der „Tages-Anzeiger“.

    Einer der Gründe, wieso die Schweiz immer mehr in einen Medikamentenengpass gerät, sei also die Globalisierung. Sobald es knapp wird, beginnt ein internationaler Verteilkampf. Der Nachteil der Schweiz sei in diesem Fall der kleine Markt. „Die umsatzstarken Märkte werden weiter beliefert, weil dort ein größerer Reputationsschaden droht“, erklärt Martinelli.

    Alternativen finden

    Tatsächlich gebe es nicht viele Möglichkeiten, einen Engpass umzugehen. Versuche, das Notwendigste im Ausland aufzutreiben, seien meist teuer und aufwendig. Außerdem besteht auch die Chance, dass im Ausland selbst bald ein Engpass herrscht. Auch die Verabreichung des originalen Medikaments könne schnell sehr teuer enden: Die können nämlich bis zu 40-mal teurer sein als das Generikum.

    Außerdem könne man Medikamente nicht einfach durch andere ersetzten. Der Neurologe Stefan Bohlhalter, Leiter der Klinik für Neurologie und Neurorehabilitation des Kantonsspitals in Luzern, formuliert es dem „Tages-Anzeiger“ folgendermaßen: „Bei einer chronischen Krankheit das richtige Medikament auszuwählen und zu dosieren, erfordert oft Spezialwissen.“ Ein Wechsel im Arzneimittel würde den Einsatz dieser erschweren. Ferner könne dies zu einer Unterdosierung führen und somit den Patienten gefährden oder Beschwerden verursachen.

    Schon seit 2015 besteht eine Meldepflicht der Pharmaproduzenten bei einem Engpass von lebenswichtigen Arzneimitteln. Es bestehen auch Pflichtlager für Antibiotika, Schmerzmittel und Impfstoffe. Nicht lebensnotwendige Medikamente hingegen liegen in der Verantwortung der Kantone. Der Bund könnte bei der Übernahme dieser Verantwortung eventuell eine umfassendere Versorgung gewährleisten. Laut dem „Tages-Anzeiger“ seien Maßnahmen beispielsweise die Unterstützung der EU-Kommission, die Produktion wichtiger Wirkstoffe nach Europa zu verlagern. Martinelle sehe die endgültige Lösung des Problems jedoch als unmöglich.

    Nur ein Schweizer Problem?

    Selbst wenn die Schweiz einen vergleichsweise kleinen Markt hat, so leiden viele Länder ebenfalls darunter. Auch Deutschland habe mit Engpässen zu kämpfen. In einem Artikel des „Mitteldeutschen Rundfunks“ (MDR) geht man im Detail auf Ibuprofen ein. Weltweit gäbe es nur fünf Hersteller von Ibuprofen, so dass das Ausschalten eines Herstellers riesige Folgen für den gesamten Weltmarkt birgt. Das heißt, dass jede Verunreinigung, Qualitätsmängel oder Stromausfälle oder Erdbeben – all diese Ereignisse tragen Konsequenzen für Patienten weltweit.

    Dabei sah es auch in Deutschland vor zwei Jahren noch anders aus. Die berufserfahrene Apothekerin Anne-Kathrin Habermann spricht zum MDR: „Es hat langsam angefangen, vielleicht vor zwei Jahren mit einigen wenigen Sachen, die gefehlt haben. Und es wurde immer mehr und hat sich seit zwei, drei Monaten zum Dauerzustand entwickelt." Dieser Dauerzustand heißt konkret, dass Mitte Oktober rund 540 Medikamente gelistet waren in Deutschland, die nicht geliefert werden konnten.

    Im Gegensatz zur Schweiz sehen viele Apotheker das Problem nicht in der Größe des Marktes, sondern in Rabattverträgen: Krankenversicherungen schließen nämlich oft mit Herstellern Rabattverträge ab. Die Gewinnspanne der Pharmaunternehmen verringert sich dadurch. So werden bei der Verteilung von knappen Medikamenten erst all die Länder beliefert, in denen Unternehmen die besten Preise erzielen.

    Im August des letzten Jahres veröffentlichten mehrere österreichische Medien dasselbe Problem. Über 200 Medikamente waren zu jenem Zeitpunkt nicht verfügbar. Auch hier forderten Apotheker und Ärzte eine gesetzliche Lösung des Problems. Dabei sagte Wolfgang Möller, Mitglied der Apothekerkammer, zum österreichischen Nachrichtenportal „Heute.at“:

    „Die Patienten müssen so viele Umwege zurücklegen und auch die Apotheker verbringen bis zu zwei Stunden pro Tag mit Bürokratie und Telefonaten, um für die Kunden das jeweilige Medikament aufzutreiben oder nach Alternativen zu suchen."

    lm

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren

    Zum Thema:

    Merck erweitert Geschäft mit schweizerischen Biotech-Arzneien
    Studie zeigt mangelnde Anstrengung im Kampf gegen resistente Keime
    Todkranke Babys und die Mio.-Dollar-Dosis Rettung: Medikamenten-Lotto auch für Deutsche
    Tags:
    Schweiz, China, Mangel, Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Apotheke, Medikamente