08:21 22 Oktober 2020
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    Die Schweizer haben wenig für ihre in Konzentrationslagern inhaftierten Landsleute getan: Fast 400 Schweizer litten in KZs. Erst jetzt wird ihr Schicksal von den Eidgenossen aufgearbeitet. Autoren einer Studie kritisieren den Bundesrat: Man hätte Landsleute im Stich gelassen. „Besserungsmaßnahmen durch Deutschland“ waren sogar willkommen.

    Hunderte Schweizer waren in nationalsozialistischen Konzentrationslagern inhaftiert – bis vor kurzem eine unbekannte Größe. Ein Autorenteam hat 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dieses unerforschte Kapitel der Schweizer Geschichte aufgearbeitet und legt konkrete Zahlen vor:

    Mindestens 391 Schweizer Bürger waren zwischen 1933 und 1945 in einem KZ inhaftiert, mehr als 200 von ihnen starben während der Haft oder kurz nach der Befreiung. Hinzu kommen rund 330 Männer, Frauen und Kinder, die in der Schweiz geboren wurden, in vielen Fällen hier aufwuchsen, aber nie die Schweizer Staatsbürgerschaft besaßen. Von ihnen überlebten mehr als 250 die Torturen nicht. Zu den Schweizer Opfern der NS-Verfolgung zählten unter anderem Widerstandskämpfer, Juden, Sozialisten, „Asoziale“, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma. Die meisten von ihnen wurden an ihrem Wohnort in Frankreich verhaftet und von dort in ein KZ deportiert. Andere lebten als Auslandschweizer in von Deutschland besetzten Ländern wie Polen, Österreich, Italien, Belgien oder Griechenland.

    Mangelndes Interesse an den Opfern

    Die Autoren des Buches „Die Schweizer KZ-Häftlinge – Vergessene Opfer des Dritten Reichs“ zeichnen nach, wie Schweizer Bürgerinnen und Bürger in die Fänge des nationalsozialistischen Terrorapparats gerieten – und was die offizielle Schweiz tat, um ihnen zu helfen.

    Nach fast vierjährigen Recherchen das Fazit: „Die Schweiz hätte Dutzende Leben retten können, wenn sie sich mutiger und mit mehr Nachdruck für die Schweizer KZ-Häftlinge eingesetzt hätte“, so die Autoren in ihrer Medienmitteilung. Doch der Schweizer Bundesrat sowie maßgebende Diplomaten hätten nur zögerlich beim NS-Regime interveniert, heißt es weiter: Zum einen aus Angst, Hitler zu verärgern und zu einem Einmarsch in die Schweiz zu provozieren. Zum andern aus mangelndem Interesse an den Opfern. Auch Schweizer Bankiers fürchteten um den Imageverlust ihres Finanzplatzes – insbesondere in der Nachkriegszeit, als es um Entschädigungszahlungen für erlittenes Unrecht ging, hätten sie opportunistisch gehandelt.

    Handlungsspielräume nicht genutzt

    Die Bereitschaft, sich für einen KZ-Häftling einzusetzen, war deutlich größer, wenn dieser aus einer einflussreichen, gut vernetzten Familie stammte und in der Heimat entsprechend prominente Fürsprecher hatte, so Co-Autor René Staubli bei Spiegel Online.

    Zwischen 1943 und 1944 habe die Schweiz mit Deutschland Verhandlungen über einen möglichen Gefangenenaustausch geführt. Dokumente würden belegen, dass die Eidgenossen über einen beträchtlichen Handlungsspielraum verfügten, um ihre KZ-Häftlinge zu befreien. Doch den hätten sie kaum genutzt.

    Besserungsmaßnahmen durch Nazi-Deutschland willkommen

    Als etwa die deutschen Unterhändler eine Liste mit 116 verhafteten Schweizern präsentierten, von denen sie bei mindestens 18 keine Bedenken gegen eine Freilassung hatten, habe die Schweiz keinen Wert darauf gelegt, sie freizubekommen, so Staubli. Es seien unliebsame „Linke", andere „übelbeleumdet", und insofern hätte man „kein Interesse daran, auf eine Überführung dieser Mitbürger in die Schweiz zu dringen", gehabt. Es bedeutete für die „heimatlichen Behörden eine finanzielle Entlastung, wenn Deutschland Besserungsmaßnahmen ergreift".

    Auch ein von den Deutschen vorgeschlagener „Generalaustausch" sei von den Diplomaten nicht angenommen worden – die Schweiz gewichtete staatspolitische Bedenken höher als das Schicksal ihrer Landsleute.

    Mahnmal gegen das Vergessen

    Nebst einer historischen Einordnung und zehn umfassenden Lebensgeschichten von Betroffenen werden in dem Buch die 391 Opfer mit ihren Schicksalen erstmals namentlich in einer Liste aufgeführt. Sie soll ein Mahnmal gegen das Vergessen sein. Die Forschungsdokumentation geht an das Archiv für Zeitgeschichte der Eidgenössische Technischen Hochschule Zürich, wo sie aufbereitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

    „Die Schweizer KZ-Häftlinge“ von Balz Spörri, René Staubli und Benno Tuchschmid erschienen bei NZZ Libro, 320 Seiten, 48 CHF, ISBN: 978-3-03810-436-0.

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    Tags:
    Drittes Reich, KZ, Schweiz