01:36 28 Februar 2020
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    Münchner Sicherheitskonferenz 2020 (34)
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    Kurz vor der Münchner Sicherheitskonferenz (MSK) zeigt eine Studie in den Nato-Staaten: Viele finden die Nato gut – aber nur wenige wollen gegen Russland in den Krieg ziehen, wenn Russland ein Nato-Land angreifen würde. Warum das geschehen sollte, hat aber niemand nachgefragt. Dafür zeigt sich: Die antirussische Hysterie wirkt nicht immer.

    Eine Mehrheit der Menschen in den Nato-Mitgliedsstaaten sieht das westliche Militärbündnis positiv. Gleichzeitig lehnt einer Studie zufolge die Hälfte der Befragten es ab, dass die Armee ihres Landes einem anderen Mitgliedsland bei einem eventuellen russischen Angriff zu Hilfe kommt. Darüber berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) in ihrer Online-Ausgabe am Montag.

    Die Zeitung berichtet über die Ergebnisse einer Studie des renommierten amerikanischen Pew Research Centers, die Sonntag veröffentlicht wurde. Danach sehen 53 Prozent der Menschen in den Staaten der Nato diese im positiven Licht. Die Umfrage sei zwischen Mai und August 2019 durchgeführt worden.

    Der Zeitung zufolge, die die Studie ausgewertet hat, gibt es deutliche Unterschiede in der Stimmung in den 16 Nato-Staaten. Polen (mit 82 Prozent) und Litauer (mit 77 Prozent) würden das Militärbündnis am positivsten sehen. In der Bundesrepublik würden mit 57 Prozent inzwischen weniger dem zustimmen als noch vor zehn Jahren, als knapp drei Viertel die Nato gut gefunden hätten.

    Nicht alle finden die Nato gut

    Das Meinungsklima gegenüber der Nato habe sich „in einer Reihe von Mitgliedstaaten in den vergangenen zehn Jahren deutlich eingetrübt“. In Frankreich sei die Zustimmung seit 2009 um 22 Prozent auf aktuell 49 Prozent gefallen

    Die geringsten Zustimmungsraten gebe es im Südosten des Kontinents, so in Bulgarien (42 Prozent), Griechenland (37 Prozent) und der Türkei (21 Prozent). Das werde nur von Russland, der Ukraine und Schweden als Nicht-Nato-Länder unterboten. Dort habe das Pew Research Center ebenfalls gefragt. Danach würden 60 Prozent der Russen von der Nato gar nichts halten, während 16 Prozent von ihnen diese gut fänden.

    Zu den Ergebnissen gehöre, dass etwa die Hälfte der Befragten dagegen sei, dass ihre nationale Armee einem anderen Mitgliedsland im Fall eines russischen Angriffs hilft. Die Beistandsverpflichtung ist in Artikel 5 des Nato-Vertrages festgeschrieben. Nur in fünf Nato-Staaten gebe es eine klare gesellschaftliche Mehrheit für einen solchen Einsatz der nationalen Armee, schreibt die FAZ.

    Nur ein Drittel für Bundeswehr gegen Russland

    Zwar würden die Menschen an der Ostflanke der Nato diese gut finden, aber sie würden sich weit weniger als jene in den westlichen Mitgliedsstaaten für Artikel 5 aussprechen. So sprechen sich nur 40 Prozent der befragten Polen dafür aus, gegenüber 64 Prozent der Niederländer, 60 Prozent der US-Amerikaner und 55 Prozent der Briten.

    In Deutschland würde der Zeitung nach gar nur jeder Dritte hinter einem Einsatz der Bundeswehr gegen Russland stehen. Ähnlich gering oder noch kleiner sei die Zustimmung unter anderem in Ungarn, der Türkei, Griechenland und Italien.

    Die Zeitung wundert sich über die Hinweise in der Studie, „dass die Verteidigungsbereitschaft innerhalb der Nato in den vergangenen fünf Jahren gesunken ist. Und das trotz der russischen Annexion der Krim, des Krieges in der Ostukraine und der Muskelspiele Moskaus an der Grenze zur Nato.“ Dass die Menschen in den Ländern, in denen die Verteidigungsbereitschaft seit 2014 untersucht wurde, den Parolen der Politiker vielleicht nicht glauben, wird nicht in Erwägung gezogen.

    Vertrauen in die USA trotz Donald Trump

    Nur in Großbritannien sei die Bereitschaft für mehr Verteidigung – was immer das auch heißen soll – gestiegen. 55 Prozent der Briten seien dazu bereit. Dagegen sei sie in Frankreich, Spanien, Polen und Italien gesunken. Die FAZ vermutet stattdessen hinter dem Ergebnis „das trotz aller Drohungen von Donald Trump nach wie vor große Vertrauen in die Amerikaner. Nur 20 Prozent der Befragten fürchten, dass die Streitkräfte der Vereinigten Staaten Europa im Falle eines russischen Angriffs tatsächlich im Stich lassen würden.“

    In Deutschland hätten 63 Prozent der Befragten angegeben, sie würden weiter an die USA glauben. „Am größten ist die Skepsis unter Türken, Tschechen und Ungarn, bei denen keine Mehrheit auf die Unterstützung der Amerikaner setzt.“ Zu den Ergebnissen der Pew-Studie zählt laut der Zeitung ebenso, dass in vielen mittel- und osteuropäischen Staaten sich Viele wünschen, dass ihre Regierungen sowohl zu Washington als auch zu Moskau enge Beziehungen pflegen. „In Polen, Ungarn und der Slowakei sind es sogar die Hälfte der Befragten oder mehr.“

    Das sei im westlichen Europa anders, vor allem je näher das Land am Atlantik liegt. In Großbritannien setze wie in den Niederlanden, Spanien und Frankreich eine breite Mehrheit „alles auf die Nähe zu Amerika“. Die Bundesrepublik liege dazwischen: „Hier wünschen sich 39 Prozent der Befragten enge Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, 25 zu Russland und 30 zu beiden.“

    Mehr Zustimmung für militärische Gewalt

    Eine Mehrheit der Befragten in allen Nato-Staaten (57 Prozent) halte militärische Gewalt für „manchmal unumgänglich“, berichtet die FAZ aus der Studie. 36 Prozent würden das für falsch halten. In Deutschland habe die Zustimmung zugenommen: „ Waren es 2007 noch 41 Prozent, die in militärischer Gewalt eine Ultima Ratio sahen, sind es inzwischen 47 Prozent.“

    Das dürfte ein Ergebnis der anhaltenden Propaganda der Regierenden für mehr Aufrüstung unter dem Etikett „mehr Verantwortung“ in der Welt sein. Die FAZ bedauert das „janusköpfige Signal“, das die Studie gebe. Und die bundesdeutschen Zahlen würden nicht für eine positivere Stimmung hierzulande zu Kriegseinsätzen der Bundeswehr sprechen. Aber das Blatt rechnet damit, dass zumindest die Mitglieder der Bundesregierung am Wochenende auf der Münchner Sicherheitskonferenz umso leichter von mehr deutscher Verantwortung in der Welt reden werden.

    tg

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    Tags:
    Studie, Stimmung, NATO