01:32 28 Februar 2020
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    Trotz sinkender Kriminalitätszahlen befürchten immer mehr, dass Gewalt und Kriminalität zunehmen. Das hat der „Sicherheitsreport 2020“ über die Ängste und Sorgen der Deutschen festgestellt. Die Autoren zeigen, dass die gefühlte Sicherheit geringer ist als die reale – mit deutlichen Unterschieden zwischen Ost und West.

    „Auf der ganz persönlichen Sorgenliste der Bevölkerung rangieren Gesundheitsrisiken nach wie vor an der Spitze: 42 Prozent machen sich große Sorgen, dass sie im Alter zum Pflegefall werden und unter Demenz leiden könnten, 35 Prozent fühlen sich durch gefährliche Krankheiten wie Krebs besonders bedroht.“ Das gehört zu den wichtigsten Ergebnissen des am Mittwoch in Berlin vorgestellten „Sicherheitsreports 2020“. Dieser erfasst seit elf Jahren die Sorgen der Deutschen, wenn es um die innere und äußere Sicherheit geht.

    Der Angst, im Alter Pflegefall zu werden, folgt danach auf Platz 2 der Sorgen-Rangliste mit 40 Prozent die vor den Folgen des Klimawandels. Dann kommt die vor der Altersarmut (33 Prozent) und die vor Terroranschlägen (30 Prozent). Mit 23 Prozent liegt die Angst vor Verbrechen auf einem mittleren Rang. Auf dem vorletzten ist die Angst vor Arbeitslosigkeit zu finden (12 Prozent), nach der vor einem Verkehrsunfall (13 Prozent) und vor den Stromausfällen (8 Prozent).

    Für den diesjährigen „Sicherheitsreport“, herausgegeben vom Institut für Demoskopie (IfD) Allensbach und vom Centrum für Strategie und Höhere Führung, wurden im Januar dieses Jahres 1.273 mündlich-persönliche Interviews mit einem repräsentativen Querschnitt der deutschen Bevölkerung ab 16 Jahren. Dabei ging es den Angaben zufolge um persönlich empfundene Gefahren und Risiken sowie Themen der inneren und äußeren Sicherheit.

    Sorgen wegen sozialer Ungleichheit

    „Die wirtschaftlichen Sorgen der Bevölkerung sind in den letzten sieben Jahren kontinuierlich zurückgegangen“, erklärten am Mittwoch in Berlin IfD-Chefin Renate Köcher und Klaus Schweinsberg vom Centrum. „So machte sich 2013 noch rund die Hälfte der Bevölkerung große Sorgen über mögliche Einkommensverluste, aktuell belastet dies nur noch rund ein Viertel. Ebenso ist die Furcht vor Arbeitslosigkeit kontinuierlich gesunken.“

    Prof. Renate Köcher von Institut für Demoskopie Allensbach stellte den „Sicherheitsreport 2020“ vor
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Prof. Renate Köcher von Institut für Demoskopie Allensbach stellte den „Sicherheitsreport 2020“ vor

    Meinungsforscherin Köcher betonte, dass in der Bundesrepublik sich immer mehr Menschen Sorgen wegen der Folgen der zunehmenden sozialen Ungleichheit machen. Das gehöre zu den Unterschieden zwischen den persönlichen Sorgen und jenen um die gesellschaftliche Entwicklung. Deutlich zugenommen habe die Sorge um bezahlbaren Wohnraum. Hätten sich 2017 noch 41 Prozent der Befragten deshalb besorgt gezeigt, seien es in diesem Jahr bereits 62 Prozent.

    Während laut dem Report 40 Prozent sich Sorgen machen wegen des Klimawandels, haben nur 23 Prozent der Befragten Angst vor Naturkatastrophen. Die entsprechende Besorgnis nehme nicht zu, so Köcher, obwohl die Katastrophen Folgen des Klimawandels seien.

    Sinkende Zahlen und steigende Sorgen

    Neben den gesunkenen sozialen Ängsten gebe es nachlassende Sorgen um den Missbrauch von persönlichen Daten im Internet, stellte die Meinungsforscherin fest. „Da wird auch weniger Handlungsbedarf durch den Staat gesehen“, sagte sie. Das sei bei der Angst vor Kriminalität anders. Hier sei das persönliche Bedrohungsgefühl vieler Deutscher anhaltend hoch.

    67 Prozent der befragten Bundesbürger befürchten laut dem Report, dass Gewalt und Kriminalität zunehmen. IfD-Chefin Köcher machte deutlich: „Die Kriminalitätsstatistik sagt etwas Anderes. Danach geht die Gesamtzahl der Delikte zurück.“

    Der gegenteilige Eindruck in der Bevölkerung habe etwas mit der Berichterstattung über bestimmte Delikte zu tun, erklärte sie. Als Beispiele nannte sie Straftaten gegen Rettungskräfte oder Fälle, wo Menschen vor einen Zug gestoßen wurden. Diese Vorfälle seien sehr selten, aber würden Vielen Sorgen machen, weil sie so unberechenbar seien und jeden treffen können.

    Große Sorgen bereite der Bevölkerung auch die Organisierte Kriminalität, besonders die sogenannte Clankriminalität. Zwei Drittel der für den Report Befragten finden, der Staat unternehme dagegen zu wenig. 70 Prozent meinen den Angaben nach, in der Bundesrepublik gebe es rechtsfreie Räume, in denen der Staat Recht und Ordnung nicht mehr durchsetze.

    Ostdeutsche sorgen sich mehr um innere Sicherheit

    Mehr als die Hälfte (54 Prozent) gab als Sorge an, dass unter den Flüchtlingen viele Kriminelle sind. Etwa gleich Viele meinten, dass die Integration von Zuwanderern nicht gelingen könnte. Die Sorge vor rechtsextremer Gewalt beschäftigt laut Report 52 Prozent. Die Hälfte der Befragten befürchtet Terroranschläge in Deutschland.

    Laut Meinungsforscherin Köcher gibt es deutliche Unterschiede bei den Sorgen in West und Ost:

    „In Ostdeutschland ist die Bevölkerung zunehmend beunruhigt über den Zustand der inneren Sicherheit und fühlt sich deutlich mehr weniger sicher oder gar nicht sicher. Sie hat auch deutlich als Westdeutsche den Eindruck, dass sich in ihrer Region die Sicherheitslage verschlechtert.“

    Laut dem Report fühlen sich fast drei Viertel der befragten Westdeutschen sicher bis sehr sicher. Im Osten haben das nur 62 Prozent angegeben. Mehr als ein Drittel der Ostdeutschen fühle sich weniger bis gar nicht sicher.

    Ja zu Videoüberwachung mit Gesichtserkennung

    Die Autoren verwiesen bei der Vorstellung des Reports darauf, dass Viele den staatlichen Maßnahmen im Bereich der inneren Sicherheit zustimmen. Das hat laut Köcher damit zu tun, dass entgegen der Statistik eine Mehrheit glaubt, dass die Verbrechen zunehmen würden.

    Deshalb gebe es unter anderem eine „ganz breite Mehrheit“ für die Videoüberwachung öffentlicher Plätze mit automatischer Gesichtserkennung. Diese begrüßen laut dem Sicherheitsreport 78 Prozent der Befragten, trotz der öffentlichen Debatten um diese Überwachung und den damit verbundenen Gefahren.

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    Tags:
    Allensbacher Institut für Demoskopie, Sorgen, Deutschland