07:23 09 April 2020
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    Die deutsche Wiedervereinigung hat es nie gegeben: Was wäre, wenn. So die Frage, der das Magazin „brandeins“ nachgegangen ist. Darin ist die Europäische Union zwergenhaft klein und die DDR noch existent – als Billiglohnland. Aber auch dem Westen ginge es besser – den durch die Einheit „abgehängten“ Westgebieten.

    Mauerfall und Grenzöffnung 1989 – ja. Beitritt und Vereinigung 1990 – nein. Wie sähe Deutschland heute ohne die Wiedervereinigung aus? Was wäre, wenn sich diese nie ereignet hätte?

    Militärgewalt gegen Demonstranten

    Das Magazin brandeins macht bereits vor der Maueröffnung 1989 eine Abzweigung aus, die die Geschichte hätte einschlagen können: Die DDR-Führung hätte gegen die immer größer werdenden Demonstrationen für freie Wahlen sowie Reise- und Redefreiheit ähnlich wie die chinesische Führung vorgehen können. Im Juni 1989 wurden Proteste auf dem Tiananmen-Platz in Peking niedergeschlagen. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk stützt diese These: „Von allen alternativen Szenarien ist das mit Abstand das Wahrscheinlichste“.

    Machtübernahme durch die NVA

    Eine Vermutung ist, dass danach das Militär die Macht an sich gerissen hätte. Oder aber – die „zweitwahrscheinlichste Variante“:

    „Die Mauer wäre zwar geöffnet worden, doch kurze Zeit später wäre die Nationale Volksarmee (NVA) ausgerückt und hätte mit militärischer Gewalt die Grenze wieder geschlossen“, zitiert das Magazin Kowalczuk.

    Diesen Plan habe es wohl seitens der SED-Führung tatsächlich gegeben, der sei jedoch daran gescheitert, dass NVA-Generäle nicht mitgezogen hätten.

    Staatliche Eigenständigkeit und Wirtschaftsprobleme

    Und wie hätte eine eigenständige und reformierte DDR post 89 ausgesehen, wenn die ostdeutsche Bevölkerung bei den ersten freien Volkskammer-Wahlen am 18. März 1990 für eine eigenen Verfassung abgestimmt hätte?  Die wirtschaftliche Lage des Landes sei desolat gewesen, skizziert der Bericht. Auch das russische Erdöl aus der „Drushba“-Pipeline würde nicht mehr gegen günstige Freundschaftskredite sprudeln und als DDR-Devisengeschäftsquell langsam versickern.

    Entvölkerung

    Zwischen dem 9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990 strömten Tausende gen Westen und verließen ihre Heimat im Osten. „Ostdeutschland als separates Land wäre entvölkert worden“, zitiert brandeins den Politikwissenschaftler Jochen Staadt von der Freien Universität Berlin „Statt der drei Millionen, die gegangen sind, wären es in einem reformierten sozialistischen Staat dreimal so viele gewesen.“

    Dumpingland DDR

    Ein Szenario wäre, dass sich das eigenständige Ostdeutschland als Billiglohnland vor der Haustüre des westdeutschen Bruders etabliert haben könnte: Mit Firmen aus aller Welt, die aufgrund der ostdeutschen Fachkräfte vor Ort investierten. So hätte eine prosperierende Wirtschaft entstehen können. Abgewanderte Ostbürger wären zurückgekehrt, so die Theorie. Unwahrscheinlich, so Staadt wie Kowalcuk. „Viele der besten Leute und vor allem der größte Teil der Jugend wären sofort abgehauen, das Land wäre leer gewesen“, so die Mutmaßung. Und Oligarchen hätten die Wirtschaft kontrolliert. Denn Staat und Gesellschaft hätten wohl keine Mittel dagegen gehabt.

    Wiedervereinigung in bestmöglicher Version

    Die Wiedervereinigung, wie sie vonstattenging, habe viele Fehler, Ungerechtigkeiten und sogar kriminelle Handlungen mit sich gebracht, so der Historiker. Eine alternative Version jedoch, in der es besser gelaufen wäre, als geschehen, würde er sich unter demokratischen Vorzeichen und angesichts der historischen Daten jedoch kaum vorstellen können.

    West-Profiteure

    Zwar seien zwischen 1,5 und zwei Billionen Euro im Laufe der vergangenen 30 Jahre von den alten in die neuen Bundesländer geflossen, etwa in Form von Sozialtransfers, so das Blatt, dennoch gab es  im Westen Profiteure: Denn 80 Prozent der von der Treuhand verkauften DDR-Betriebe gingen an Westdeutsche, 14 Prozent ins Ausland. Und auch den Bundesbürger, der politisch am meisten von der Einheit profitiert habe, macht die Zeitschrift aus: Helmut Kohl. Das Inaussichtstellen „blühender Landschaften“ im Osten habe ihm wohl zu zwei zusätzlichen Amtszeiten als Kanzler verholfen.

    Blind vor Siegestaumel – Abgehängte Westgebiete

    „Eine westdeutsche Bundesrepublik wäre in den Neunzigern früher und besser fit für die Zukunft gemacht worden“, mutmaßt Historiker Kowalczuk: Aber so habe das vereinigte Deutschland in einer Art „Siegestaumel des Kapitalismus“ die Vorboten von Globalisierung und Digitalisierung schlicht übersehen. Abgehängte Gebiete im Westen hätten früher in den Blick genommen werden können und einem strukturellen Wandel unterzogen werden können.

    EU - Ohne Euro und viel kleiner

    Ohne die vielen osteuropäische Staaten, die sich letztlich das Konzept der Marktwirtschaft zu eigen machten, wäre die Europäische Union wohl kleiner. Den Euro gäbe es möglicherwiese gar nicht. Denn die westdeutsche Regierung war gegen eine gemeinsame europäische Währung. Ohne Einheitsbestreben – kein Euro. Denn den hatte Francois Mitterand zur Bedingung für seine Zustimmung zur Wiedervereinigung gemacht.

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    Tags:
    Wende, Wiedervereinigung, BRD, DDR