09:32 09 April 2020
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    Die Polarisierung, aber auch das Misstrauen in der Mediendebatte haben zugenommen. Das zeigt zumindest die aktuelle Langzeitstudie „Medienvertrauen“ von der Universität Mainz. Medienforscher Michael Meyen sieht die Ergebnisse skeptisch und erklärt im Sputnik-Interview, warum Lüge und Vertrauen keine geeigneten Kriterien für Medien sind.

    „Alles Lüge? Erodiert das Vertrauen zwischen Medien und Publikum? Schwindet die allgemeine Glaubwürdigkeit von Presse und Rundfunk, und inwieweit ist damit ein Demokratiedefizit verbunden? In welchem Maße sind Kritik und Skepsis doch berechtigt und sogar angebracht?“ Das alles sind Fragen der Forscher von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, die sie versuchen, mit ihrer „Langzeitstudie Medienvertrauen“ zu klären.

    Die Auswertung der Studie für das Jahr 2019 zeigt ein wachsendes Misstrauen: 28 Prozent der Befragten äußerten Skepsis gegenüber den sogenannten etablierten Medien, was einen Anstieg von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Der Anteil derjenigen, die den Medien vertrauen, bleibt seit nunmehr vier Jahren in Folge mit 43 Prozentpunkten stabil. 29 Prozent der Deutschen nehmen eine mittlere Position ein („teils, teils“).

    Laut der Studie sind „Lügenpresse“-Vorwürfe weiterhin verbreitet, aber immer mehr Bürger würden widersprechen - daher sei also eine Polarisierung zu erkennen, schreiben die Autoren. Es habe sich ein relevanter Kern an Kritikern (etwa 18 Prozent) herausgebildet, der die etablierten Medien pauschal verurteilt. Dieser Kern sei zuletzt angewachsen. 58 Prozent der Bürger wiesen den „Lügenpresse“-Vorwurf zurück. Die Zahl der Bürger, die sich nicht auf eine Seite festlegen, sei kontinuierlich gesunken und liege nun bei 22 Prozent.

    Medienvertrauen = Systemvertrauen?

    Eine „Forschungstradition, die nach Glaubwürdigkeit und Vertrauen in die Medien fragt“ sieht Michael Meyen, Professor für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, mit großer Skepsis. „Wenn ich solche Zahlen höre, würde ich zunächst warnen, solche Umfragen mit der Realität zu verwechseln.“ Im Sputnik-Interview rät er, zu überlegen, „was da genau gemessen wird, wenn man danach fragt, ob Menschen in die Medien vertrauen“.

    Dabei führt er das Beispiel der Nachrichtenagentur Sputnik an und fragt: „Will ich in die Botschaften vertrauen, die sie mir da übermitteln oder möchte ich nicht eher wissen, was die russische Regierung zur Lage in der Welt denkt? Mit welchen Begriffen wird diese Lage beschrieben?“ Vertrauen sei dabei keine Kategorie, mit der Meyen an ein Programm wie das von Sputnik herantrete. „Vertrauen ist vielmehr eine Kategorie, die wir im zwischenmenschlichen Miteinander anwenden“, erklärt Meyen.

    Doch bei Medien gehe es um etwas ganz Anderes als Glaubwürdigkeit: „Ich glaube, dass die Aufregung, die mit solchen Studien verbunden ist, damit zu tun hat, dass wir das Vertrauen in das System oder die Zufriedenheit mit dem Regierungssystem, in dem wir leben, messen“, so der Medienexperte. Für ein weitaus wichtigeres Kriterium als Vertrauen in die Medien hält der Kommunikationswissenschaftler die Transparenz.

    „Medienberichte werden zu Realität“

    Das gleiche gelte für das Unwort des Jahres 2014 „Lügenpresse“. Auch Lüge sei für ihn kein Begriff, um Medien zu kategorisieren. So beobachtet der Kommunikationswissenschaftler in der Mediennutzung eher „Definitionsmachtverhältnisse“: „Wer schafft es, seine Sicht der Dinge zu Realität werden zu lassen? Ich muss darauf reagieren, ich muss das beobachten. Medienberichte werden zu Realität, weil die Menschen, die Medien nutzen, glauben, dass alle anderen das gleiche Wissen haben und sich entsprechend umorientieren werden.“

    Als Beispiel nennt der Wissenschaftler die aktuelle Berichterstattung über das Coronavirus: „Wenn möglicherweise Veranstaltungen abgesagt werden, wenn Reisen nicht stattfinden können und Fußballspiele ohne Zuschauer stattfinden, dann hat das für mich eine Auswirkung für das Leben, völlig unabhängig davon, ob da jemand gelogen hat und Realitäten erfunden worden sind. Wenn also das Coronavirus großgemacht wird, dann werden Behörden vermutlich Vorsichtsmaßnahmen einleiten, um die Ausbreitung zu verhindern, und das kann zu Dingen führen, die mein Leben tatsächlich beeinflussen.“

    Mangelndes Medienvertrauen von rechts?

    Geringe Zufriedenheit mit der Demokratie und pauschale Medienkritik hingen zusammen, stellten die Mainzer Forscher in ihrer Langzeitstudie außerdem fest. Sie verorten dabei die mediale Skepsis auf der rechten und bildungsfernen Seite der Gesellschaft: „Menschen, die gegenüber den etablierten Medien zynisch eingestellt sind, finden sich überdurchschnittlich häufig am rechten Rand des politischen Spektrums. Sie sind formal niedriger gebildet, deutlich politikverdrossener und sie haben Angst, dass sich ihre wirtschaftliche Situation in der Zukunft verschlechtern wird. Darüber hinaus zeigt sich, dass die etablierten Medien vor allem von denjenigen Bürgern pauschal verurteilt werden, die häufig alternative Nachrichtenquellen im Social Web konsumieren und regelmäßig Nutzerkommentare auf den Seiten der etablierten Medien schreiben“, heißt es im „Befund 6“ der Langzeitstudie.

    Wenn in der Studie der Mainzer Forscher nach Systemzufriedenheit gefragt worden wäre, würde man „wahrscheinlich“ die genannten sozialen Merkmale finden, glaubt der Münchener Medienforscher. Dabei verweist er auf eine mögliche Voreingenommenheit und fragt nach der Verantwortung der Wissenschaftler bei derartigen Studien. So hätten Forscher, die an Universitäten angestellt seien und dort bezahlt würden, zunächst eine Zufriedenheit mit dem System und seien daran interessiert, dass dieses System weiterbesteht, behauptet Meyen. „Sie werden also mit Unverständnis darauf reagieren, wenn sie in solchen Studien Unzufriedenheit mit den Umständen finden, die sie selber eigentlich für gut halten. Insofern würde ich erstmal fragen, wer ist denn das, der so eine Studie macht? Welches Interesse könnte er selbst an bestimmten Befunden haben? Und dann würde ich erst versuchen, die Befunde zu interpretieren.“

    Interview mit Prof. Dr. Michael Meyen:

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