08:45 07 Juli 2020
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    Nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein ehemaliger KZ-Wächter mit seiner Familie in die USA ausgewandert. Dort lebte er 60 Jahre unbehelligt. Nun wird ihm der Prozess gemacht, nachdem in einem Schiffswrack bei Lübeck NS-Dokumente entdeckt worden sind, die seine Tätigkeit als Aufseher belegen.

    Der inzwischen 94-Jährige soll während des Zweiten Weltkriegs Aufseher in einem Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme im niedersächsischen Meppen gewesen sein. Im März 1945 soll er einen Gewaltmarsch von Häftlingen von Meppen in das Hauptlager Neuengamme bei Hamburg bewacht haben, bei dem rund 70 Menschen ums Leben kamen.

    Wie das US-Justizministerium am Donnerstag mitteilte, ordnete eine Richterin im Memphis im Bundesstaat Tennessee eine Ausweisung des deutschen Staatsbürgers Friedrich Karl B. an. Der 94-Jährige habe zugegeben, nie um eine Versetzung aus dem KZ-Wachdienst gebeten zu haben. Dem US-Justizministerium zufolge erhält der Mann, der seit 1959 in den USA lebt, bis heute eine deutsche Rente. 

    Bemerkenswert ist, wie es überhaupt zu der Anklage kam. Laut „Washington Post“ wurde eine jahrzehntealte Karteikarte in einem Schiffswrack entdeckt, welche die Arbeit von B. in dem Konzentrationslager dokumentiert. Sie habe sich an Bord eines der zwei versunkenen Schiffe befunden, die kurz vor Kriegsende von der Britischen Royal Air Force bei Lübeck zerbombt worden seien. Jahre später seien die Wracks geborgen worden und hätten mehr als 2000 Karteikarten mit persönlichen Informationen über B. und andere ans Licht gebracht.

    Der letzte seiner Art?

    Der US-Staatsanwalt Brian Benczkowski bezeichnete B. als „Teil der SS-Maschinerie der Unterdrückung", die KZ-Häftlinge unter furchtbaren Bedingungen gefangen gehalten habe. Die Gerichtsentscheidung mache deutlich, dass sich die US-Justiz auch für späte Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Verfolgung einsetze. 

    Seit 1979 gehen die USA im Rahmen eines Programms vor, das der Aufspürung und der anschließenden Abschiebung von NS-Schergen dient. Nach Angaben des US-Justizministeriums wurden im Zuge dieses Programms  67 Menschen ausgewiesen. Eli Rosenbaum, der sich mit dem Aufspüren von NS-Tätern befasst, sagte in Bezug auf den KZ-Wächter, dass er womöglich einer der letzten in den USA lebenden NS-Schergen sei – „vielleicht der Letzte“.

    Der Fall könnte sich lange hinziehen, denn B. kann die angeordnete Ausweisung anfechten. Der 94-Jährige selbst sagte der „Washington Post“, der Gerichtsbeschluss nach 75 Jahren sei „lächerlich“. Er sei angewiesen worden in dem Lager zu arbeiten und habe kein Waffe getragen.

    KZ Neuengamme

    Das KZ Neuengamme südöstlich von Hamburg war 1938 zunächst als Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen gegründet worden. Nach Angaben der KZ-Gedenkstätte Neuengamme wurde es dann 1940 zu einem eigenständigen Konzentrationslager, das bis 1945 das zentrale KZ Nordwestdeutschlands darstellte und 85 Außenlager hatte. Die Häftlinge wurden als Zwangsarbeiter für die Kriegswirtschaft eingesetzt.

    Mehr als 42.000 Menschen kamen in den Lagern, während der Zwangsarbeit, bei Todesmärschen oder der Bombardierung von KZ-Schiffen ums Leben.

    mka/gs

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    Tags:
    Abschiebung, Aufseher, KZ